Achtsamer Umgang mit Prüfungsangst

Herbstfarbener Schulhof

Bei uns am Gymnasium stehen viele unserer Schülerinnen und Schüler unter großem Druck. Nach langer Zeit bin ich in diesem Schuljahr mal wieder Klassenlehrer in einer 7. Klasse und bekomme dort mit, wie angespannt die Kinder darauf reagieren, dass das 7. Schuljahr ein Probejahr ist – für sie also eine chronische Prüfungssituation.

Achtsamkeit biete mir da gute Möglichkeiten, meine Klasse dabei zu begleiten, den Anforderungen mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Vor ein paar Wochen fiel mir dabei spontan eine Übung ein, die ich hier vorstellen möchte.

Wir befanden uns in der letzten Stunde vor der ersten Spanisch-Klassenarbeit. In solchen Stunden biete ich den Schüler*innen immer an, letzte offenen Fragen zu klären und die in der Arbeit relevanten Aufgabenformate zu trainieren. Diesmal kam mir zudem die Idee, das Thema Prüfungsangst aufzugreifen und nutzte dazu das Achtsamkeitsritual, mit dem wir unsere Stunden beginnen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Spielart der Sitzmeditation, wobei der Fokus, der uns als Anker für unsere Aufmerksamkeit dient, immer wechseln kann. Diesmal erläuterte ich vorweg, dass wir mit der bekannten Atembeobachtung beginnen würden und dass ich anschließend einen Satz aussprechen würde und sie dann die Aufgabe hätten, ihre Gedanken und Gefühle zu diesem Satz zu beobachten. Der Klangstab läutete die Meditationsphase ein, die Klasse kam zur Ruhe und begann, geleitet durch meine Worte, mit der Atembeobachtung. Nach einigen Momenten sagte ich:

„Und nun der Satz: MORGEN SCHREIBT IHR EURE ERSTE SPANISCHARBEIT!“

„Achtet auf Eure Gedanken. Wie zeigen sie sich Euch? SEHT Ihr etwas auf Eurem mentalen Bildschirm? Oder HÖRT Ihr, dass Ihr mit Euch selbst redet? Vielleicht hört Ihr auch die Stimme einer anderen Person?

Und nun sagt Euch den Satz nochmals mit Eurer inneren Stimme: „MORGEN SCHREIBE ICH MEINE ERSTE SPANISCHARBEIT“. Jetzt achtet Ihr ganz bewusst darauf, welche Emotionen dieser Satz in Euch auslöst…

Wo genau fühlt Ihr die Emotionen? Was genau fühlt Ihr?

Hat die Emotion einen Namen? Hat sie eine Farbe? Eine Form? Bewegt sie sich vielleicht?

Und nun lasst Eure Gedanken und Eure Emotionen los und wechselt den Fokus, so als ob wir den Lichtkegel einer Taschenlampe in einem dunklen Raum auf etwas anderes richten und nehmt Eure Füße ins Visier, die auf dem Boden stehen. Spürt Eure Füße, ihren Kontakt mit dem Boden. Spürt wie der Boden Euch trägt.

Nehmt nun die Wahrnehmung des Stuhls dazu. Spürt wie Euer Körper dort aufliegt, wie Euer ganzes Gewicht von Stuhl und Boden sicher getragen werden.

Und nun experimentiert einmal damit, hin und her zu schalten, zwischen Euren Gedanken, Euren Emotionen, die mit Euren Gedanken in Verbindung stehen und der Wahrnehmung Eures Unterkörpers.

Die meisten Menschen spüren im unteren Körperbereich keine Gedanken und nur ganz wenige Emotionen. Und wenn sie diese Körperregion fokussieren, dann verlieren die Gedanken und Emotionen ein wenig von ihrer Kraft und ihrem Einfluss. Wie ist das bei Euch? Trainiert mal so noch ein wenig weiter.

Nachdem der Klangstab die Übungsphase beendet hat, beginnt ein interessantes Gespräch, in dem die Schülerinnen und Schüler mit großer Begeisterung von ihren Erfahrungen berichteten, von bildhaften Gedanken, wie dem Moment, in dem der Lehrer die Arbeiten austeilt, von gehörten Gedanken, Stimmen, die etwa sagten, wie viel noch zu lernen war, von Aufregung, Angst und Stress, die durch solche Gedanken ausgelöst wurden und von Körperregionen, in denen sie zu spüren war, von neutralen Körperbereichen, die sie so noch nie wahrgenommen haben, von Körperhaltungen, die sich veränderten bei der Verschiebung des Fokus und von Atembewegungen, die langsamer wurden.

Eine der großartigen Konsequenzen, die die Achtsamkeitsarbeit für meinen Unterricht hat, ist die, dass sie mir und meinen Schüler*innen eine gemeinsame Sprache zur Verfügung stellt, mit der die Kinder und Jugendlichen Phänomene oft zum ersten Mal in ihrem Leben benennen und ihnen so Form geben können und dass sie die Erfahrung machen, dass Dinge, die man so ausspricht, weniger bedrohlich wirken und leichter zu ertragen sind.

Zudem löst die Erfahrung, solche Themen eigener Verletztlichkeit im Klassenverband besprechen zu können und von anderen Bestärkung statt Hohn zu erfahren, einen starken Impuls für die Klassengemeinschaft aus.

Wieder einmal zeigt sich: Achtsamkeit und Gymnasium – ja das geht, unbedingt.

Pindo

Gut und schlecht

Licht… Fäule … Leben … Verfall .. Gut .. Schlecht … Ein Blatt! Durchdrungen von Sonne! Auf dem Südgelände in Berlin!

In unübersichtlichen Zeiten finde ich Halt bei Eckhart Tolle, der in seinem Buch Eine neue Erde die folgende Passage formuliert. Es geht um die Tendenz des Menschen, immer werten zu müssen:

An irgendeinem Punkt ihres Lebens geht den meisten Menschen auf, dass es nicht nur Geburt, Wachstum, Erfolg, Gesundheit, Vergnügen und Gewinn gibt, sondern auch Verlust, Misserfolg, Alter, Verfall, Schmerz und Tod. Das alles wird üblicherweise als gut und schlecht, Ordnung und Unordnung bezeichnet. Der Sinn eines Menschenlebens wird normalerweise in dem gesehen, was zur Kategorie GUT gehört, aber das GUTE ist ständig von Verfall, Zusammenbruch und Chaos bedroht, von Bedeutungslosigkeit und vom SCHLECHTEN, wobei Erklärungen versagen und das Leben seinen Sinn verliert. Früher oder später bricht über jedermanns Leben das Chaos herein, egal wie viele Versicherungsverträge er hat. Es kann in Form von Verlust, Unfall, Krankheit, Behinderung, Alter und Tod über dich kommen. Doch das Chaos, dass über das Leben eines Menschen herein bricht, und der daraus folgende Verlust eines mental definierten Sinns können die Öffnung für eine höhere Ordnung bewirken.
„Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“ heißt es in der Bibel. Was ist unter der Weisheit dieser Welt zu verstehen? Die Denkprozesse sowie Bedeutungen, die ausschließlich durch das Denken definiert sind.
Das Denken isoliert Situationen oder Ereignisse und nennt sie gut oder schlecht, als hätten sie ein Eigenleben. Wenn man sich total auf das Denken verlässt, wird die Wirklichkeit fragmentiert. Diese Fragmentierung ist zwar eine Illusion, aber während man darin befangen ist, wird sie sehr real. Dabei ist das Universum ein unteilbares Ganzes, in dem alle Dinge wechselseitig miteinander verbunden sind und nichts für sich allein besteht.
Die innere Verbundenheit aller Dinge und Ereignisse bedeutet, dass es letzten Endes illusorisch ist, eine mentale Einteilung in GUT oder SCHLECHT vorzunehmen. Solche Einteilungen sind stets Beweis für eine eingeschränkte Perspektive und folglich nur zeitweilig und relativ wahr.
Das veranschaulicht die Geschichte vom Weisen, der in der Lotterie ein teures Auto gewonnen hat. Seine Familie und seine Freunde freuten sich für ihn und kamen, um ihm um mit ihm zu feiern. „Ist das nicht wunderbar?“, sagten sie. „Du bist ein Glückspilz!“ Der Mann lächelte und sagte: „Mag sein.“ Ein paar Wochen lang macht er es ihm Freude mit dem Auto herum zu fahren. Dann stieß eines Tages auf einer Kreuzung ein betrunkener Autofahrer mit ihm zusammen und er musste mit zahlreichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Seine Angehörigen und die Freunde besucht ihn dort und sagten: „Das war aber wirklich Pech!“Wieder lächelte der Mann und sagte: „Mag sein.“ Eines Nachts, während er noch im Krankenhaus lag, wurde sein Haus von einem Erdrutsch ins Meer gerissen. Am nächsten Morgen kam die Freunde und sagten: „Hast du ein Glück gehabt, dass du unterdessen hier im Krankenhaus warst!“ Wieder sagte er: „Mag sein.“

Das „Mag sein“ des Weisen steht für die Weigerung, etwas, das geschieht, zu bewerten. Statt es zu bewerten, akzeptiert er es und fügt sich dadurch bewusst in eine höhere Ordnung ein. Er weiß, dass mit dem Verstand meist nicht zu begreifen ist, welchen Stellenwert ein scheinbar zufälliges Ereignis im Geflecht des Ganzen einnimmt und welchen Sinn es hat. Aber Zufälle gibt es eben so wenig wie Dinge oder Ereignisse, die nur durch sich selbst und für sich allein existieren. Die Atome, aus denen der Körper besteht, bildeten einst das Innere von Sternen, und auch für die geringfügigsten Ereignisse gibt es praktisch unendlich viele Ursachen, die auf unbegreifliche Weise mit dem Ganzen verknüpft sind. Wenn man ein Ereignis bis zu seinen Ursachen zurückverfolgen wollte, müsste man bis zum Anbeginn der Schöpfung zurückgehen. Der Kosmos ist nämlich kein Chaos. Das Wort Kosmos selbst bedeutet Ordnung! Aber es ist keine Ordnung, die der Menschen geistig verstehen könnte, obwohl er manchmal einen flüchtigen Blick hinein tun darf.

Eckhart Tolle: Eine neue Erde, Arkana 2005, 224-6

Pindo

Hunde und Pferde und Achtsamkeit

In den Herbstferien genieße ich es, am frühen Morgen gemeinsam mit meinem Nachbarn Christof zu meditieren. Wenn ich komme, sitzt seine Hündin Fanny bereits vor der Tür, wartet auf mich und begrüßt mich voller Freude. Wenn wir uns auf unsere Kissen setzen, die Klangschale erklingt und wir langsam ruhig werden, beruhigt sich auch sie. Nach einigen Minuten passiert dann meistens etwas Verblüffendes. Fanny stellt sich vor mich, dreht sich ein paar Mal um sich selbst und legt sich dann genau vor meinen verschränkten Beinen auf den Boden. Dort schläft sie ein und erwacht oft erst mit dem Klang der Klangschale, die das Ende der Meditation signalisiert. In der Versenkung spüre ich die Ruhe der Hündin, die meine eigene Ruhe vertieft. Momente der friedlichen Verbundenheit in purer Präsenz.

Christof macht mich auf eine Dokumentation aufmerksam, die Anfang Oktober im Schweizerischen Fernsehen läuft. Darin geht es um Tierflüsterer, Menschen, die eine besondere Gabe haben, mit Tieren zu kommunizieren. Eine der Botschaften, die der Film für mich bereithält, ist, dass jeder diese Gabe entwickeln kann. Der Weg? Achtsamkeit! Innehalten, sein Denken beruhigen, das eigene Herz spüren, in einen Augenblick des inneren Friedens gelangen und in diesem mit dem Tier in Kontakt treten. Vor allem James French, der britische Pferdeflüsterer fasziniert mich. „Plötzlich einen Raum schaffen, indem man nur ist, ohne dieses ruhelose Denken. Das ist sehr stark“, stellt er fest (vgl. etwa ab 19:00).

Wieder wird mir klar, wie Achtsamkeit seit nunmehr fastr zehn Jahren mein Leben bereichert. Schritt für Schritt entkoppele ich mich von der Dominanz meines Denkens und komme in Kontakt mit Phänomenen, die mir zeigen, wie ich mit anderen Lebewesen verbunden bin. Die einzig angemessene Reaktion für mich darauf: Staunende Ehrfurcht.

Pindo

Glücksmoment mit Harry Styles

Glück ist, morgens am Frühstückstisch zu sitzen und meiner dreizehnjährigen Tochter dabei zuzusehen, wie sie nach 14 Tagen Quarantäne tänzelnd und einen Song von Harry Styles auf den Lippen die Wohnung verlässt, um zur Schule zu gehen.

Pindo

Minneapolis 2020 – neue Aktualität für alte Zeilen

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis erinnere ich mich an einen Blogeintrag von 2014.

George Floyd hieß damals Michael Brown. Er lebte in Ferguson / Missouri, nicht in Minneapolis. Ansonsten ist vieles vertraut. So vertraut, dass ich mir erlaube, die eindrücklichen Zeilen von Denise Casey, die damals entstanden, heute nochmals zu teilen.

Ab hier folgt mein Blogeintrag vom 28.1.2014: Wir müssen ehrlich mit uns selbst sein.

Pindo


In den USA brennen wieder Barrikaden, wütende Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Hintergrund ist die  Entscheidung von Geschworenen in Ferguson, keine Anklage gegen einen weißen Polizisten zu erheben,  der einen schwarzen Teenager erschossen hatte.

Am Tag der Entscheidung fand ich auf Facebook einen Text, der mich sehr berührt hat. Er bringt die Trauer und Hilflosigkeit einer Amerikanerin aus einer achtsamen Perspektive zum Ausdruck.

Die Verfasserin ist Denise Casey, Direktorin von Modern Mindfulness, dem Achtsamkeitsprogramm für Schulen, das ich mit meinen Schülern einsetze. Denise hat mir freundlicherweise die Erlaubnis gegeben, den Text ins Deutsche zu übertragen. Ich hoffe, ich werde dem Original einigermaßen gerecht.

Ab hier schreibt Denise in meinen deutschen Worten. Das Original findet sich darunter.

Bitte schau klar auf deine Gedanken zu dem, was in Ferguson passiert ist. Schau klar auf deine Gedanken und spontanen Reaktionen.
Sagen sie: „Da haben wir es wieder mal“, „Diese Leute“, „So was würde ich nie tun. Niemand, den ich kenne, würde je so etwas tun“?
Dies ist nicht der Moment für selbstgerechte Anmaßungen. Es ist keine Schande, wenn wir solche Urteile fällen, aber WIR MÜSSEN EHRLICH ZU UNS SELBST SEIN. Wenn wir beginnen, klar zu sehen, dann können wir Schritte in Richtung Frieden gehen.

Ich wollte dieses Gedicht seit Jahren schreiben.
Ich komme aus einem Ort, wo Autoaufkleber die radikale Antwort auf Völkermord sind
wo Rassismus Schultern zucken lässt, als wäre er das unvermeidliche Ergebnis unserer Existenz
wo Verletzlichkeit eine Seuche ist
und wir eine Geschichte der Vorherrschaft eher einsperren, einimpfen, indoktrinieren, als einen Schritt in ihren müden, schwachen Fußstapfen zu gehen
schon flehen meine Füße die Erde an, mich an ihre Haut zu erinnern
mich daran zu erinnern dass Worte wie diese nicht konstruiert, sondern geatmet werden
dass man nicht auf sie schießt, sondern sie betrauert
man sie nicht ausspricht, sondern lebt
schon zittert mein Herzschlag
die stillen Hohlräume eines Gesprächs, das jeden Raum leer fegt
worüber nie gesprochen wird beim Abendbrot, am Frühstückstisch oder irgendeinem Tisch auf dem Essen steht mit weißem Leinen und Gläsern
streich den irgendeinen Tisch auf dem Essen steht
nein .. es fegt jeden Raum leer.
also, wer wird Ausdruck verleihen
diesen Gedanken
die Verhalten werden die Körper werden die tote Körper werden
die Verhalten werden die Körper werden die tote Körper werden
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie erzeugen Moder und Schimmel und greifen die Lungen gesunder atmender Menschen an, die an sicheren Orten leben,
die Türen schließen und auf schwarze Gesichter zeigen
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie stapeln sich wie ungewollte Worte in Gräben, von denen wir schworen, dass wir sie nie mehr zulassen würden
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie blähen sich auf wie Galle in unseren Eingeweiden
wuchern sich ihren Weg durch eine Generation des Schweigens
und ja, Plantagen mögen die Veranda meines Großvaters sein
aber heute gehe ich langsam durch die dunklen Schatten eines Friedhofs
weil Angst den Schaukelstuhl meiner Selbstgefälligkeit nicht mehr in Bewegung hält
und die kalten, harten Muskeln des sterbenden Körpers meines Großvaters
füttern mich mit dem Mut
zu sagen
dass Hass in meinem Körper lebt
und mich umbringt.

===

Please see clearly your reflections to what happened in Ferguson. See clearly your thoughts and instant reactions. Do they say, „here we go again,“ „Those people,“ „I would never do that. No one I know would ever do that.“ This is not the time for self-righteous claims. There is no shame in our judgements, but WE MUST BE HONEST WITH OURSELVES. When we begin to see clearly, then we can take steps towards peace.
i have wanted to write this poem for years.
i come from a place where bumper stickers are the radical response to genocide
where shoulders shrug at racism like it is the inevitable outcome of our existence
where vulnerability is a plague
and we would rather incarcerate, inoculate and indoctrinate a story of supremacy than walk a footstep in her tired, weak soles
already my feet are begging for the earth to remind me of her skin
to remind me that words like these are not constructed but breathed
are not shot at, but mourned
are not spoken, but lived
already my heartbeat trembles
the silent hollows of a conversation that always clears the room,
that’s never spoken about at the dinner table, the breakfast table or any table that serves food with white linens and glasses
scratch that any table that serves food
no…it always clears the room.
so who will give voice
to these thoughts
that become behaviors that become bodies that become dead bodies
that become behaviors that become bodies that become dead bodies.
thoughts do not disappear in shadows
they grow mold and fungus and attack the lungs of healthy breathers that live in safe places,
that lock doors and point to dark faces
thoughts do not disappear in shadows
they pile themselves like unwanted words in ditches we swore we would never let happen again.
thoughts do not disappear in shadows
they line themselves like bile in our gut
cancering their way through a generation of silence
and yes, plantations may be my grandfather’s front porch
but tonight i walk slowly through the dark shadows of a cemetery
because fear will no longer move the rocking chair of my complacency
and the cold, hard muscles of my grandfather’s dying body
feed me the courage
to say
that hatred lives in my body
and it’s killing me.

Fragen unter Friedhofsbäumen

Auf dem Friedhof Alt-Schöneberg erheben sich die pompösen Mausoleen der Millionenbauern von Schöneberg: Landwirte, die es mit der Bodenspekulation zu Beginn des 20, Jahrhunderts in Berlin zu Reichtum brachten und diesen über ihren Tod hinaus selbstbewusst demonstrieren.

In diesen Tagen wird der Besucher des Friedhofs jedoch Zeuge einer viel größeren Macht, die die Grabkapellen buchstäblich in ihren Schatten stellt.

Die Fotos inspirieren mich zur Lektüre eines alten Blogeintrags von 2014. Er zitiert Rainer Maria Rilke, der Wahres über die Notwendigkeit von Geduld, Reifen und Entwicklung offenbart:

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

RMR

Habt Geduld mit dem Ungelösten!
Habt die Fragen selber lieb!
Lebt die Fragen!

Spirituelle Wahrheiten für eine Zeit, in der keiner die Antwort weiß.

Aber dafür muss man leise sein.

Psst! All ihr meinungsstarken Durcheinanderschreier, ihr Lockdown-Verteufler und ihr Untergangspropheten.

Still. Hört ihr? Die Mauersegler sind zurück!

Pindo