Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo

Kaninchen vor der Schlange

Thema meines letzten Blogeintrags war Jorge Bucays Buch der Weisheit, konkret die Passage, in der der argentinische Autor eine von Brechts Kalendergeschichten zitiert.

Direkt vor den Haifischen spricht Bucay über die Bedingungen für ein sinnhaftes, freudevolles Leben:

Das Leben kann ein Spiel sein, wenn es in der Gegenwart gelebt wird.

Das Leben ist eine Freude, wenn es die Quelle für das ist, was wir sind, der angemessene Ausdruck unseres Seins. Und nicht Mittel zum Zweck, damit wir werden, was wir noch nicht sind, oder um etwas zu erreichen, das wir noch nicht besitzen, sei es Geld, Prestige, gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit.

Jorge Bucay: Buch der Weisheit

Mir als Lehrer donnert dieser Satz in den Ohren. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich diesen Beruf achtsam ausüben kann, desto mehr wird mir deutlich: So viele meiner Schülerinnen und Schüler leiden, weil sie davon überzeugt sind, jetzt nicht das zu leisten, was ihnen später einmal ein erfolgreiches und erfülltes Leben ermöglicht.

Da zeigt etwa ein Schüler in der 11. Klasse bei der Rückgabe einer Klausur klare Anzeichen von Angst, fast Panik. Ich bin erstaunt, weil die Arbeit in der Bewertung gut – wenn auch nicht sehr gut – ist. Im Gespräch stellt sich dann heraus, dass der Schüler schon jetzt weiß, dass er nach dem Abitur unbedingt Psychologie studieren möchte, wo derzeit ein absurd hoher Numerus Clausus von 1,0 den Zugang zum Studium beschränkt.

Welch ein Leiden tut sich hier auf!

In diesem Moment erlebt der Schüler sein aktuelles Sein bei uns an der Schule als ‚Mittel zum Zweck‘, damit er wird, was er noch nicht ist, damit er erreicht, was er noch nicht hat. Er gleicht einem erstarrten Kaninchen, das auf die vor ihm sitzende Schlange starrt. Mit dem Unterschied, dass seine Schlange real gar nicht vorhanden ist. Es existiert lediglich eine gewisse Möglichkeit, dass der Schüler in zwei Jahren vor dieser Schlange sitzen könnte. (Vielleicht ändert sich ja seine Lebensplanung noch grundlegend.)

Und doch ist die Schlange für uns ein reales Hindernis. Ihr Gift wirkt (mindestens) dreifach: Erstens beeinträchtigt es die eigentlich sehr hohe Lebensqualität des Schülers, in dem er denkt, dies habe seinen Sinn nur, wenn es ihm die Eintrittskarte für das danach Folgende verschafft. Zweitens wirkt es negativ, da es ihn so lähmt, dass er sein eigentliches Leistungsvermögen gar nicht umsetzen kann. Drittens schließlich lähmt es seine Beziehung zu mir, weil er mir den Druck aufbürdet, mit meiner heute angefertigten Bewertung einer Aufgabe Verantwortung für das persönliche Lebensglück meines Gegenübers zu tragen.

Ich mache dem Schüler gar keinen Vorwurf. Das gesamte Ausbildungssystem, in dem er sich seit 11 Jahren bewegt, konditioniert ihn ja in dieser Richtung.

Umso mehr zeigt sich auch hier die Chance, die Achtsamkeit uns allen an der Schule bietet. Sie öffnet uns die Augen für eine zentrale Erkenntnis. Sie lautet:

Schule bereitet dich NICHT auf das Leben vor. Sie IST dein Leben – bzw. ein essentieller Teil davon.

Und sie bietet uns das Handwerkszeug, diese Erkenntnis Schritt für Schritt zu erfahren.

Pindo


Bucay und Brecht und Haifische und Arbeitsaufträge

Jorge Bucay, der argentinische Gestalttherapeut und Geschichtenerzähler wird immer mehr zu einem festen Begleiter auf meinem Weg. In seinem Buch der Weisheit finde ich eine der Kalendergeschichten von Bertolt Brecht wieder:

„Wenn die Haifische Menschen wären“, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ „Sicher“, sagte er. „Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden dafür sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitärische Maßnahmen treffen, wenn z.B. ein Fischlein sich die Flosse verletzten würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden z.B. Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo rumliegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freiwillig aufopfert, und sie alle an die Haifische glauben müssten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müssten sich die Fischlein hüten, und es sofort melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sich bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und könnten einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein, tötete, würden sie Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen würden auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln lässt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, dass die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in der allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es ja, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würden lehren, dass die Fischlein erst im Bauche der Haifische richtig zu leben
begännen. Übrigens würde es auch aufhören, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren fressen. Dies wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten innehabenden Fischlein würden für die Ordnung unter denn Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau werden. Kurz, es gäbe erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.“

BERTOLT BRECHT

Vermutlich wurde mir die Geschichte in meiner eigenen Schulzeit kredenzt. Der Inhalt ist mir unbewusst vertraut. Auch heute scheint sie noch zum Kanon zu gehören. Jedenfalls fiel mir im Netz ein Arbeitsblatt ins Auge, mit dem die Haifische heutigen Schülern nahe gebracht werden. Es enthält einen einzigen Arbeitsauftrag.

Was meinen Sie? Welchen Arbeitsauftrag würden Sie Lernenden stellen, um ihnen einen ersten Zugang zu Brechts Gedanken zu ermöglichen?

Wenn Sie mögen, schließen Sie einen Moment die Augen und überlegen, bevor Sie weiter lesen…

Der Arbeitsauftrag, den ich gefunden habe, lautet …

Bitte unterstreichen Sie alle Konjunktive.

Yes! I just LOVE my profession.

Pindo



Transformierte Tartanbahn

Samstagmorgen, 8:20. Das Thermometer zeigt 2 Grad.

Was macht Papa auf dem Sportplatz, während Tochter sich auf das gleich beginnende Fußballspiel vorbereitet?

Die Tartanbahn auf einem Spaziergang als Schauplatz frühwinterlicher Naturkunst entdecken.

Pindo

Ängstliche Rassisten

Auf einem der Schülerschränke in unseren Fluren blieb mein Blick an einem Spruch hängen. Und seitdem frage ich mich, ob es nicht eher heißen müsste:

Stop racists being afraid.

Und dann ergibt sich natürlich gleich die nächste Frage:

How can you do that?

Pindo

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