Minneapolis 2020 – neue Aktualität für alte Zeilen

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Minneapolis erinnere ich mich an einen Blogeintrag von 2014.

George Floyd hieß damals Michael Brown. Er lebte in Ferguson / Missouri, nicht in Minneapolis. Ansonsten ist vieles vertraut. So vertraut, dass ich mir erlaube, die eindrücklichen Zeilen von Denise Casey, die damals entstanden, heute nochmals zu teilen.

Ab hier folgt mein Blogeintrag vom 28.1.2014: Wir müssen ehrlich mit uns selbst sein.

Pindo


In den USA brennen wieder Barrikaden, wütende Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Hintergrund ist die  Entscheidung von Geschworenen in Ferguson, keine Anklage gegen einen weißen Polizisten zu erheben,  der einen schwarzen Teenager erschossen hatte.

Am Tag der Entscheidung fand ich auf Facebook einen Text, der mich sehr berührt hat. Er bringt die Trauer und Hilflosigkeit einer Amerikanerin aus einer achtsamen Perspektive zum Ausdruck.

Die Verfasserin ist Denise Casey, Direktorin von Modern Mindfulness, dem Achtsamkeitsprogramm für Schulen, das ich mit meinen Schülern einsetze. Denise hat mir freundlicherweise die Erlaubnis gegeben, den Text ins Deutsche zu übertragen. Ich hoffe, ich werde dem Original einigermaßen gerecht.

Ab hier schreibt Denise in meinen deutschen Worten. Das Original findet sich darunter.

Bitte schau klar auf deine Gedanken zu dem, was in Ferguson passiert ist. Schau klar auf deine Gedanken und spontanen Reaktionen.
Sagen sie: „Da haben wir es wieder mal“, „Diese Leute“, „So was würde ich nie tun. Niemand, den ich kenne, würde je so etwas tun“?
Dies ist nicht der Moment für selbstgerechte Anmaßungen. Es ist keine Schande, wenn wir solche Urteile fällen, aber WIR MÜSSEN EHRLICH ZU UNS SELBST SEIN. Wenn wir beginnen, klar zu sehen, dann können wir Schritte in Richtung Frieden gehen.

Ich wollte dieses Gedicht seit Jahren schreiben.
Ich komme aus einem Ort, wo Autoaufkleber die radikale Antwort auf Völkermord sind
wo Rassismus Schultern zucken lässt, als wäre er das unvermeidliche Ergebnis unserer Existenz
wo Verletzlichkeit eine Seuche ist
und wir eine Geschichte der Vorherrschaft eher einsperren, einimpfen, indoktrinieren, als einen Schritt in ihren müden, schwachen Fußstapfen zu gehen
schon flehen meine Füße die Erde an, mich an ihre Haut zu erinnern
mich daran zu erinnern dass Worte wie diese nicht konstruiert, sondern geatmet werden
dass man nicht auf sie schießt, sondern sie betrauert
man sie nicht ausspricht, sondern lebt
schon zittert mein Herzschlag
die stillen Hohlräume eines Gesprächs, das jeden Raum leer fegt
worüber nie gesprochen wird beim Abendbrot, am Frühstückstisch oder irgendeinem Tisch auf dem Essen steht mit weißem Leinen und Gläsern
streich den irgendeinen Tisch auf dem Essen steht
nein .. es fegt jeden Raum leer.
also, wer wird Ausdruck verleihen
diesen Gedanken
die Verhalten werden die Körper werden die tote Körper werden
die Verhalten werden die Körper werden die tote Körper werden
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie erzeugen Moder und Schimmel und greifen die Lungen gesunder atmender Menschen an, die an sicheren Orten leben,
die Türen schließen und auf schwarze Gesichter zeigen
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie stapeln sich wie ungewollte Worte in Gräben, von denen wir schworen, dass wir sie nie mehr zulassen würden
Gedanken verschwinden nicht in Schatten
sie blähen sich auf wie Galle in unseren Eingeweiden
wuchern sich ihren Weg durch eine Generation des Schweigens
und ja, Plantagen mögen die Veranda meines Großvaters sein
aber heute gehe ich langsam durch die dunklen Schatten eines Friedhofs
weil Angst den Schaukelstuhl meiner Selbstgefälligkeit nicht mehr in Bewegung hält
und die kalten, harten Muskeln des sterbenden Körpers meines Großvaters
füttern mich mit dem Mut
zu sagen
dass Hass in meinem Körper lebt
und mich umbringt.

===

Please see clearly your reflections to what happened in Ferguson. See clearly your thoughts and instant reactions. Do they say, „here we go again,“ „Those people,“ „I would never do that. No one I know would ever do that.“ This is not the time for self-righteous claims. There is no shame in our judgements, but WE MUST BE HONEST WITH OURSELVES. When we begin to see clearly, then we can take steps towards peace.
i have wanted to write this poem for years.
i come from a place where bumper stickers are the radical response to genocide
where shoulders shrug at racism like it is the inevitable outcome of our existence
where vulnerability is a plague
and we would rather incarcerate, inoculate and indoctrinate a story of supremacy than walk a footstep in her tired, weak soles
already my feet are begging for the earth to remind me of her skin
to remind me that words like these are not constructed but breathed
are not shot at, but mourned
are not spoken, but lived
already my heartbeat trembles
the silent hollows of a conversation that always clears the room,
that’s never spoken about at the dinner table, the breakfast table or any table that serves food with white linens and glasses
scratch that any table that serves food
no…it always clears the room.
so who will give voice
to these thoughts
that become behaviors that become bodies that become dead bodies
that become behaviors that become bodies that become dead bodies.
thoughts do not disappear in shadows
they grow mold and fungus and attack the lungs of healthy breathers that live in safe places,
that lock doors and point to dark faces
thoughts do not disappear in shadows
they pile themselves like unwanted words in ditches we swore we would never let happen again.
thoughts do not disappear in shadows
they line themselves like bile in our gut
cancering their way through a generation of silence
and yes, plantations may be my grandfather’s front porch
but tonight i walk slowly through the dark shadows of a cemetery
because fear will no longer move the rocking chair of my complacency
and the cold, hard muscles of my grandfather’s dying body
feed me the courage
to say
that hatred lives in my body
and it’s killing me.

Fragen unter Friedhofsbäumen

Auf dem Friedhof Alt-Schöneberg erheben sich die pompösen Mausoleen der Millionenbauern von Schöneberg: Landwirte, die es mit der Bodenspekulation zu Beginn des 20, Jahrhunderts in Berlin zu Reichtum brachten und diesen über ihren Tod hinaus selbstbewusst demonstrieren.

In diesen Tagen wird der Besucher des Friedhofs jedoch Zeuge einer viel größeren Macht, die die Grabkapellen buchstäblich in ihren Schatten stellt.

Die Fotos inspirieren mich zur Lektüre eines alten Blogeintrags von 2014. Er zitiert Rainer Maria Rilke, der Wahres über die Notwendigkeit von Geduld, Reifen und Entwicklung offenbart:

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

RMR

Habt Geduld mit dem Ungelösten!
Habt die Fragen selber lieb!
Lebt die Fragen!

Spirituelle Wahrheiten für eine Zeit, in der keiner die Antwort weiß.

Aber dafür muss man leise sein.

Psst! All ihr meinungsstarken Durcheinanderschreier, ihr Lockdown-Verteufler und ihr Untergangspropheten.

Still. Hört ihr? Die Mauersegler sind zurück!

Pindo

Irgendwas ist anders

Auf dem Heimweg heute morgen fällt mein Auge auf eine Szene, die ich schon hundert Mal gesehen habe, blickt weiter, stutzt und kommt zurück…

Da balanciert doch jemand …

… in seiner eigenen Welt und erfreut sich des Frühlings.

Danke, unbekannter Korkenaktivist für dieses Lächeln, das du mir schenkst am Morgen.

Pindo

Segnungen

David Steindl-Rast war schön öfters Thema in diesem Blog. Kürzlich erschien ein neues Video, das sechs Segenswünsche des Benediktinermönchs mit faszinierenden Bildern versieht. Der inzwischen 94-Jährige hat den Text selbst eingesprochen.

Meine persönliche Meditation an diesem Karfreitag war es, den Text ins Deutsche zu übertragen. Dazu habe ich Fotos aus meiner Sammlung herausgesucht.

Die Arbeit gibt mir Kraft in diesen schwierigen Tagen. Mögen auch Sie beim Lesen ein wenig von dieser Kraft empfinden.

Segnungen

Segne was da ist,
für sein Dasein
Was auch immer es ist,
segne es, weil es existiert.
Du brauchst keinen anderen Grund.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Atem.
Ein und aus, ein und aus
uns ewig erneuernd
immer aufs Neue, uns eins machend
mit allen, die dieselbe Luft atmen
Möge dieser Segen überfluten in eine geteilte Dankbarkeit,
so daß ich mit einem Atemzug das Leben zu preisen und feiern vermöge.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Demut.
Diese bodenständige Haltung,
die nichts gemein hat mit Erniedrigung,
sondern die uns aufrecht stehen und wertschätzen lässt,
den Humus, der uns nährt und die Sterne, nach denen wir streben.
Möge ich lernen sie auszuüben und in anderen zu ehren,
diese funkelnde Demut, diese Würde,
die wir Menschen nicht verlieren dürfen

Quelle aller Segnungen
Du segnest uns mit Ungenauem
mit allem, das vage ist
nahe dran, aber nicht ganz da
allem, das Raum lässt für das Genauere
das Präzisere, und Raum für Vorstellungskraft
Möge ich wissen, wann es darum geht,
exakt zu sein und wann sich frei zu bewegen
Gesegnet im Raum, der so großzügig gegeben wird
durch alles nicht perfekt Definierte.
Der größte Entfaltungsmöglichkeiten gibt
meinen Träumen und meiner Kreativität.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Gedächtnis,
diesem heiligen in uns Aufnehmen
von Vergangenem das es uns erlaubt,
Gesichter wieder zu erkennen, Gedichte auswendig zu lernen,
den Weg zurück zu finden, wenn wir uns verlaufen haben,
das altes und neues zum Vorschein bringt
aus seinem nahezu unerschöpflichen Speicher.
Möge ich wissen, was zu vergessen und was zu bewahren
Hoch schätzen die Erinnerung
an die kleinste, mir widerfahrene Freundlichkeit,
und sie weitergeben, wie ein Stein,
der, ins Wasser geworfen, Wellen schlägt,
noch für lange Zeit

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Wandel,
in den Jahreszeiten,
vom Schnee zum Grünen, zur Blüte, Frucht und Ernte,
in den Zeitaltern des Lebens,
von der Kindheit zur Jugend, vollen Reife und Weisheit
Alles Lebende wandelt sich unaufhörlich
Möge ich den Wandel willkommen heißen
als eine heilige Gelegenheit
zu wachsen und zu schmecken
in der Flüchtigkeit jedes unwiederholbaren Moments,
das was IST, jenseits allen Wandels.

Quelle aller Segnungen,
Du segnest uns mit Abschieden ,
Denn sie sind ein notwendiger Teil unserer Reise,
notwendig für das Ankommen,
Möge ich immer bereit sein, Abschied zu nehmen,
bewusst, dass jede Ankunft das Vorspiel ist für einen Abschied
Jedes Geboren werden ein Schritt in Richtung Sterben
und möge ich so schmecken die Segnungen
völlig gegenwärtig zu sein dort wo ich bin
Mögen Segnungen dabei helfen, deinen Geschmack zu schärfen
für die Gabe des Lebens in seinen zahllosen Facetten
Mögest Du immer mehr gesegnet sein,
und immer mehr fähig zu segnen.

David Steindl Rast

Pindo

Blaue Stunde im Park

Kürzlich schrieb ich darüber, wie wichtig es ist, dem Positiven in seinem Leben bewusst Raum zu geben: Unser Hirn benötigt mindestens eine halbe Minute, um positive Erlebnisse und die damit verbundenen Emotionen so zu verarbeiten, dass sie dauerhaft Spuren hinterlassen.

Ein wunderbarer Anlass für das Nähren des Positiven ist für mich der abendliche Spaziergang im Volkspark Schöneberg.

Ich liebe es, bei diesen Spaziergängen ganz bewusst das AUßEN zu fokussieren, mich mit meiner visuellen, auditiven und haptischen Wahrnehmung der mich umgebenden Welt zu verbinden – und dabei den Kontakt zum emotionalen Erleben herzustellen.

Die Baumkrone der Zierkirschbäume vor dem Haus, zarte Knospen an den Spitzen, der Reichtum an Formen in Zweigen und Ästen…

Der Abendhimmel in Blaulilarotschattierungen. Dazu das Krächzen der Krähen und der Abendgesang einer Amsel in meinem Ohr.

Kalt ist der Abendhauch auf meinen Wangen, wohlige Schauer in mir, während ich dem Dreijährigen dabei zusehe, wie er reglos die Lichtspiele am Teich in sich aufnimmt…

Die große Wiese, meist bespielt von lärmenden Menschen. Heute erlausche ich Stille.

Berlin ist voll von magischen Orten wie diesen, auch in diesen Tagen.

Es liegt nur an mir, bedarf meiner bewussten Entscheidung sie zu erschaffen, indem ich sie genau so wahrnehme und genieße.

Wenn ich so das Positive in mir nähre, löse ich mich aus der Schockstarre, ausgelöst durch Corona-Berichterstattung. Ich lasse Stress los, fühle Freude und streichle mein Immunsystem.

Habe ich dazu das Recht? Aber ja. Vielleicht sogar die Pflicht.

Pindo

Tempelhofer Paradies

Das Tempelhofer Feld, der alte Flughafen der Berliner Luftbrücke, ist dank eines erfolgreichen Volksbegehrens heute die größte unbebaute Fläche im Berliner Stadtgebiet. In diesen Tagen ist der Ort mehr denn je ein Paradies. Die Sehnsucht nach frischer Luft und Weite lässt sich nirgendwo so gut in Einklang bringen mit der leider ach so notwendigen sozialen Distanz.

Pindo