Blindheit als Geschenk und Nahrung für Helden

Heute morgen nahm ich ein Buch zur Hand, in das ich sicher 15 Jahre keinen Blick mehr geworfen hatte: The Art of the Personal Essay, ein Relikt aus meiner Zeit als Student der Anglistik. Ich öffnete es spontan an einer beliebigen Stelle und landete in einem Aufsatz des großen argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges mit dem Titel Blindness.

Borges reflektiert in dem Text sein persönliches Schicksal: Bereits als junger Mann sah er schlecht und verlor im Laufe seines Lebens immer mehr an Sehfähigkeit. Bereits völlig erblindet wurde er – Ironie des Schicksals – zum Direktor der Nationalbibliothek von Argentinien ernannt.

An einer Stelle beschäftigt sich Borges mit einem Gedanken Rudolf Steiners:

I remembered a sentence from Rudolf Steiner (…) He said that when something ends, we must think that something begins. His advice is salutory, but the execution is difficult, for we only know what we have lost, not what we will gain. We have a very precise image – an image at times shameless – of what we have lost, but we are ignorant of what may follow or replace it.

Hier meine Übersetzung:

Ich erinnerte mich an einen Satz von Rudolf Steiner. Er sagte, dass wenn etwas endet, wir daran denken sollten, dass etwas beginnt. Sein Rat ist begrüßenswert, aber die Umsetzung ist schwierig. Denn wir wissen nur, was wir verloren haben, nicht was wir gewinnen werden. Wir haben ein sehr präzise Bild – manchmal ein schamloses Bild – von dem, was wir verloren haben, aber wir haben keine Ahnung, was folgen oder es ersetzen wird.

Borges bietet hier eine sehr überzeugende Erklärung, warum es uns so schwer fällt, das loszulassen, was sich im Leben unweigerlich verändert. Im Aufsatz demonstriert er dann an vielen Beispielen, welche Vielfalt, welches Glück seine Erblindung in sein Leben gebracht hat. Und er zieht das folgende Fazit:

A writer, or any man, must believe that whatever happens to him is an instrument; everything has been given for an end. This is even stronger in the case of the artist. Eveything that happens, including humiliations, embarassments, misfortunes, all has been given like clay, like material for one’s art. One must accept it. For this reason I speak in a poem of the ancient food of heroes: humiliation, unhappiness, discord. Those things are given to us to transform, so that we may make from the miserable circumstances of our lives things that are eternal, or aspire to be so.

If a blind man thinks this way, he is saved. Blindness is a gift.

Hier nochmals meine Übertragung:

Ein Schriftsteller, oder eigentlich jeder Mensch, muss glauben, dasss, was auch immer ihm passiert, ein Werkzeug ist. Alles, was passiert, einschließlich der Demütigungen, Peinlichkeiten, Missgeschicke, alles ist uns gegeben wie Ton, wie Material für unsere Kunst. Man muss es akzeptieren. Deswegen spreche ich in einem Gedicht von der uralten Nahrung für Helden: Demütigung, Unglück, Zwietracht. Diese Dinge werden uns gegeben, um uns zu transformieren,  damit wir aus den armseligen Umständen unseres Lebens Dinge schaffen, die ewig sind, oder zumindest danach streben.

Wenn ein blinder Mensch so denkt, ist er gerettet. Blindheit ist ein Geschenk.

In mir erhob sich darauf die Frage:  Welches ist eigentlich mein persönliches Geschenk? Woraus besteht meine ganz eigene Heldennahrung?

Pindo

Ein Gedanke zu „Blindheit als Geschenk und Nahrung für Helden

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