Kaninchen vor der Schlange

Thema meines letzten Blogeintrags war Jorge Bucays Buch der Weisheit, konkret die Passage, in der der argentinische Autor eine von Brechts Kalendergeschichten zitiert.

Direkt vor den Haifischen spricht Bucay über die Bedingungen für ein sinnhaftes, freudevolles Leben:

Das Leben kann ein Spiel sein, wenn es in der Gegenwart gelebt wird.

Das Leben ist eine Freude, wenn es die Quelle für das ist, was wir sind, der angemessene Ausdruck unseres Seins. Und nicht Mittel zum Zweck, damit wir werden, was wir noch nicht sind, oder um etwas zu erreichen, das wir noch nicht besitzen, sei es Geld, Prestige, gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit.

Jorge Bucay: Buch der Weisheit

Mir als Lehrer donnert dieser Satz in den Ohren. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich diesen Beruf achtsam ausüben kann, desto mehr wird mir deutlich: So viele meiner Schülerinnen und Schüler leiden, weil sie davon überzeugt sind, jetzt nicht das zu leisten, was ihnen später einmal ein erfolgreiches und erfülltes Leben ermöglicht.

Da zeigt etwa ein Schüler in der 11. Klasse bei der Rückgabe einer Klausur klare Anzeichen von Angst, fast Panik. Ich bin erstaunt, weil die Arbeit in der Bewertung gut – wenn auch nicht sehr gut – ist. Im Gespräch stellt sich dann heraus, dass der Schüler schon jetzt weiß, dass er nach dem Abitur unbedingt Psychologie studieren möchte, wo derzeit ein absurd hoher Numerus Clausus von 1,0 den Zugang zum Studium beschränkt.

Welch ein Leiden tut sich hier auf!

In diesem Moment erlebt der Schüler sein aktuelles Sein bei uns an der Schule als ‚Mittel zum Zweck‘, damit er wird, was er noch nicht ist, damit er erreicht, was er noch nicht hat. Er gleicht einem erstarrten Kaninchen, das auf die vor ihm sitzende Schlange starrt. Mit dem Unterschied, dass seine Schlange real gar nicht vorhanden ist. Es existiert lediglich eine gewisse Möglichkeit, dass der Schüler in zwei Jahren vor dieser Schlange sitzen könnte. (Vielleicht ändert sich ja seine Lebensplanung noch grundlegend.)

Und doch ist die Schlange für uns ein reales Hindernis. Ihr Gift wirkt (mindestens) dreifach: Erstens beeinträchtigt es die eigentlich sehr hohe Lebensqualität des Schülers, in dem er denkt, dies habe seinen Sinn nur, wenn es ihm die Eintrittskarte für das danach Folgende verschafft. Zweitens wirkt es negativ, da es ihn so lähmt, dass er sein eigentliches Leistungsvermögen gar nicht umsetzen kann. Drittens schließlich lähmt es seine Beziehung zu mir, weil er mir den Druck aufbürdet, mit meiner heute angefertigten Bewertung einer Aufgabe Verantwortung für das persönliche Lebensglück meines Gegenübers zu tragen.

Ich mache dem Schüler gar keinen Vorwurf. Das gesamte Ausbildungssystem, in dem er sich seit 11 Jahren bewegt, konditioniert ihn ja in dieser Richtung.

Umso mehr zeigt sich auch hier die Chance, die Achtsamkeit uns allen an der Schule bietet. Sie öffnet uns die Augen für eine zentrale Erkenntnis. Sie lautet:

Schule bereitet dich NICHT auf das Leben vor. Sie IST dein Leben – bzw. ein essentieller Teil davon.

Und sie bietet uns das Handwerkszeug, diese Erkenntnis Schritt für Schritt zu erfahren.

Pindo


4 Gedanken zu „Kaninchen vor der Schlange

  1. Sabine Heggemann

    Lieber Adrian,
    wieder einmal hast Du wunderbar in Worte gefasst, was in Schule/Gesellschaft passiert. Ich finde es sehr, sehr bemerkenswert und heilsam, wenn Du als Lehrer etwas praktizierst, was ich von erfolgreichen amerikanischen Profisport-Coaches kenne: You get „inside the skin“ of your students. Achtsamkeit macht’s möglich. Was? Auf der einen Seite diese Wahrnehmung, aber dann auch ein entsprechend kompetenter Umgang mit dieser Entdeckung. Strike!

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  2. Bruno Broeking

    Ich habe den Beitrag mit großer Aufmerksamkeit, viel Respekt und Freude gelesen. Der Beitrag macht u. a. auch die herausragende Bedeutung einer guten Beziehung zwischen Schüler und Lehrer deutlich.

    Danke – Bruno –

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  3. malspielerin

    Dem Problem mit der Schlange begegne ich in meinem Arbeitsalltag auch immer wieder. Gerade bei Gymnasialschülern ist der Erwartungsdruck häufig besonders hoch. Ein gutes Abi wird gleichgesetzt mit späterem Lebenserfolg. “ Schlechte“ Noten, unter den eigenen Erwartungen, haben teilweise verheerende Folgen für die Psyche der jungen Menschen und werden oft als Totalversagen bewertet. Oftmals erlebe ich dieses Problem aber nicht als Problem des einzelnen Schülers, sondern als familiäres Problem und damit letztendlich als gesellschaftlichen Denkfehler.
    Gute Schulleistung wird als Türöffner zu guter Ausbildung gesehen, gute Ausbildung wird gleichgesetzt mit dauerhaftem Lebensglück, was auch immer das heißen mag.

    Gefällt 2 Personen

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    1. Adrian Bröking Autor

      Stimme dir vollkommen zu. Das Leiden des Schülers ist letztlich Symptom eines millionenfachen Leidens von Individuen in einer Gesellschaft, welche sich Erwartungszwängen ausgesetzt sehen, die sie Angst haben nicht zu erfüllen. Mit gravierenden Folgen.
      Danke für den inspirierenden Kommentar.

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