Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Nach sieben Jahren Achtsamkeitsarbeit in der Schule bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass diese besondere Spielart von Aufmerksamkeit uns einen wichtigen, wenn nicht den Schlüssel für die notwendige Transformation von Schule geben kann.

Nur, wie benutzen wir ihn am besten? Alle, die in der Schule arbeiten, wissen, mit wie viel Widerstand wir „in der Wagenburg“ auf die Experten von außen reagieren, die uns wieder mal erklären, wie wir unseren Beruf zu erledigen haben.

Und der Widerstand ist auch verständlich: In den vergangenen Jahren sind leider viel zu viele Borstenviecher durch die Schuldörfer getrieben worden. Die nächsten machen sich gerade im Rahmen des Digitalisierungspaktes startklar.

Die Folge dieser Erfahrungen ist, dass es auch externe Achtsamkeitstrainer*innen schwer haben wenn sie zu uns in die Schulen kommen. Und selbst, wenn sie ihren Job großartig machen bleibt die zweite Frage: Was bleibt, wenn sie wieder fort sind? Wie münden die wichtigen Impulse in nachhaltige Veränderungen?

Daher bin ich überzeugt: Wenn nicht wir Lehrer*innen und Erzieher*innen unsere Haltung verändern und den Impuls geben für eine Veränderung des Systems von innen heraus, wird gar nichts passieren. Entscheidend beeinflusst hat mich darin die langjährige, inspirierende Kooperation mit Sabine Heggemann von Fokus Achtsamkeit in Lüneburg, bei der ich Mind the Music kennen gelernt habe, diesen wunderbaren Ansatz, der Achtsamkeit mit Musik schülerkompatibel macht. (Weiterführendes hier.)

Kürzlich erschien nun ein Buch, das das Zeug hat, zu einer Bibel für uns achtsamkeitsinteressierte Lehrer*innen in Schulen zu werden: WACHE SCHULE: MIT ACHTSAMKEIT ZU RUHE UND PRÄSENZ.

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Die Autorin Susanne Krämer arbeitet am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig, wo sie seit 2013 Lehramtsstudent*innen mit Achtsamkeit als Grundlage für gelingende Kommunikation vertraut macht.

In der Einleitung zu WACHE SCHULE formuliert Susanne Krämer ihr Anliegen: Sie möchte den „Duft der Praxis“ vermitteln.

Es geht um alltagstaugliche Übungen, die Ihnen ermöglichen eigene Erfahrungen zu machen. Nur was Sie selbst kennenlernen, was Sie am „eigenen Leibe“ erfahren, wird Spuren in Ihrem Denken und Verhalten hinterlassen. Kommen Sie selbst auf den Geschmack! Oder wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther es formuliert: „Haltungen kann man nur verändern, indem man das verändert, was die Haltung hervorgebracht hat, nämlich die Erfahrung – Haltungen sind das Ergebnis von Erfahrung, sie bestimmen ganz entscheidend darüber, wie Menschen die Welt und das Geschehen um sie herum bewerten.“ (Krämer 2019: 14)

Und um Haltung geht es zuallererst. Denn: „Ihre eigene authentische Haltung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, Achtsamkeit in die Schule zu bringen – wach zu werden für eine neue (Schul-)Kultur des Miteinanders (Krämer 2019: ebd).

WACHE SCHULE hat zwei Teile. In Teil 1 erhalten Lehrkräfte Hilfestellung dabei „DIE HALTUNG DER ACHTSAMKEIT“ einzuüben. Hier die zentralen Bausteine dieses Fundaments aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Bewusst im Hier und Jetzt
  • Der Übungsweg
  • Lernort Schule: Umgang mit schwierigen Emotionen
  • Stress lass nach – Entwicklung von Resilienz
  • Wohlbefinden – das Herzstück der Achtsamkeitspraxis
  • Empathie und Mitgefühl – die Schule des Herzens
  • Humor – eine Lebenskunst
  • Kommunikation
  • Netzwerke bilden – sich in der Praxis unterstützen.

Teil 2 gibt unter dem Titel ACHTSAMKEIT MACHT SCHULE Einblick in einen Werkzeugkasten, der uns unschätzbare Hilfe dabei leistet, das zu unserer Schule passende Achtsamkeitsangebot zu entwickeln. Auch hier die Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses als appetizer:

  • Die nötigen Voraussetzungen schaffen
  • Bausteine eines Achtsamkeitscurriculums
  • Einladung zu einer Forschungsreise
  • Basisübungen
  • Möglichkeiten der Reflexion
  • Stress und schwierige Emotionen
  • Wohlbefinden oder das Schulfach „Glück“
  • Empathie und Mitgefühl

Kennen gelernt habe ich Susanne Krämer im Frühjahr 2018. Sie war über diesen Blog auf meine Arbeit aufmerksam geworden und bat mich darum, ihr Buch durch ein Gespräch über meine Erfahrungen zu unterstützen. Außerdem führte sie ein langes Interview mit vier meiner Schüler*innen, die sich über mehrere Jahre eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufgebaut haben. Und so ist das Buch durchzogen von Gesprächsausschnitten mit praktizierenden Lehrkräften, Schüler*innen und Student*innen, die mosaikartig das Thema Achtsamkeit aus Sicht der Praktizierenden darstellen. Eine Schülerin aus unserer AG formuliert etwa:

Achtsamkeit (steigert) für mich die Lebensqualität in vielerlei Hinsicht (…). Weil du dir selbst einfach bewusster wirst, sowohl über die guten Dinge als auch über die schlechten. Aber du lernst dann, mit den schlechten besser umzugehen und die Guten mehr zu gewichten. Das hilft mir, in die Mitte zu kommen und den Fokus zu finden. Das gibt mir so viel an – wie gesagt – Lebensqualität und das ist ein sehr starkes Wort für mich. Aber ich meine das auch so: Das verbessert wirklich viel.“ (Krämer 2019: 36)

Solche Sätze zeigen mir, wie wertvoll unsere oft sehr anstrengende Arbeit mit Achtsamkeit in Schule ist. Diese Schülerin verändert – im Sinne von Gerald Hüther – ihre Erfahrung und darüber ihre Haltung zum Leben.

Am Ende formuliert Susanne Krämer einen AUSBLICK unter der Überschrift „SEINEN EIGENEN WEG FINDEN“. Sie bringt für mich nochmals den Wert von WACHE SCHULE auf den Punkt: Es ist durchwirkt von einer Haltung größten Respekts vor der Einzigartigkeit jeder Lebens- und Arbeitssituation, die es verbietet vorgefertigte Rezepte als Allheilmittel zu verordnen.

Es ist diese Haltung, die wir Agierenden in der Schule brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen, die es uns erlaubt uns zu öffnen für eine veränderte Erfahrung, welche wiederum die Grundlage ist für jegliche nachhaltige Veränderung.

Unbedingt lesen!

Pindo

Der Ruf der Nachtigall

Dreimal in der Woche findet an meiner Schule eine Mittagsmeditation statt. Sie ist inzwischen für eine Reihe von Schüler*innen und Kolleg*innen fester Bestandteil des Alltags.

Für mich ist es ein Wunder, dass diese Achtsamkeitsroutine in der nur halbstündigen Mittagspause nun schon seit drei Jahren existiert: Um 12:15 klingelt es zum Stundenende. Ab 12:20 trudeln Menschen ein, in der Regel zwischen 5 und 15. Um 12:23 schließen wir die Tür, ich begrüße die Anwesenden, stelle die Klangschalen-App auf 12 Minuten und beginne anzuleiten.

Dabei lasse ich mich von dem führen, was sich zeigt. Im Mittelpunkt steht meist das „Außen fühlen“ in Form einer Reise durch den Körper. Wir beginnen bei den Füßen, spüren den Kontakt mit dem festen, stützenden Boden, erkunden die Friedlichkeit neutraler Körperregionen, geben der Anspannung in Schultern Raum, erspüren, wie es sich anfühlt, wenn sich Unterkiefer und Stirn entspannen, lauschen unserem Atem…

An einigen Tagen drängen jedoch die Geräusche des Schulalltags so in unsere Wahrnehmung, dass wir uns ihnen öffnen, „ganz Ohr werden“ und das „Außen hören“ praktizieren. Geschrei auf dem Schulhof, ploppende Basketbälle, Torjubel auf dem Fußballplatz. Gepolter auf dem Gang, die quietschende Durchgangstür vor unserem Raum … All dies wird Objekt unserer Meditation und wir zum Auge des Orkans.

Um 12:36 beenden drei Gongschläge die Praxis. Es folgen 4 Minuten Nachklang: Entweder wir sitzen schweigend und genießen die im wahrsten Sinne des Wortes andächtige Stille in der Gruppe – oder wir tauschen uns über die Praxis aus- 240 Sekunden oft ganz tiefer Einblicke in Seelen, geteilt von Lehrenden und Lernenden. Dann bedanken wir uns beieinander, verabschieden uns und gehen unserer Wege, die meist bis zum nächsten Klassenzimmer führen, wo 5 Minuten später die nächste Stunde beginnt.

Heute ist ein besonderer Tag. Die Friday for Future Demonstration am Brandenburger Tor zieht viele Schüler an und so sitze ich mit Moritz, einem lieben Kollegen allein. Wir sind beide erfahrene Meditierende und genießen die Minuten in Gemeinschaft schweigend. Anschließend erzählt er mir von einer „Außen hören“-Erfahrung. Ein eigenartiges Miteinander von Vogelwelt und pausierenden Schüler ist ihm aufgefallen. Solange die Pause im vollen Gang war und der Schulhof erfüllt von der lauten Energie junger Menschen, hörte er nur das Tschilpen der Spatzen. Dann, als die Menge sich zurück Richtung Gebäude orientierte und der Hof wieder zu einem Ort der Ruhe wurde, erlebte er diesen ganz besonderen Moment, als die Nachtigall wieder zu singen begann, erst ganz zaghaft und dann zunehmend selbstbewusst, wissend, dass es sich nun wieder lohnte, die Welt mit ihrem bezaubernden Lied zu erfüllen.

So war ich eben noch angestrengt, überfordert in dieser harten Abiturwoche mit ihren viel zu vielen Anforderungen und nun beginne ich zu lächeln, erfüllt von der Naturerfahrung des Kollegen.

DAS meine ich, wenn ich sage, dass Achtsamkeit Schule transformiert.

Pindo

Spirit Cove

Heute vor zwei Jahren starb mein Bruder in Sydney. Das Leben sorgte dafür, dass ich mit meiner Familie bei ihm sein durfte. Danke!

In meiner Trauer hilft mir die einfache, tiefe Weisheit von Thich Nhat Hanh:

Wir haben Angst vor dem Tod, 
wir haben Angst vor der Trennung,
wir haben Angst vor dem Nichts.
Wenn wir aber tief schauen,
erkennen wir den unaufhörlichen Wandel der Dinge
und verlieren allmählich unsere Angst.
Thich Nhat Hanh

Rest in peace, dear bro. You definitely know to choose places.

Pindo

Wörter sind Energie




Vor Unterrichtsbeginn im Spätwinter vor meiner Schule

Eines der Schlagwörter, das aus der Quantenphysik in den allgemeinen Diskurs übergangen ist, besteht aus dem Satz: ALLES IST ENERGIE. Bei Google ergibt die Wortkombination 122.000 Treffer. Schnell stößt man auf das folgende Zitat:

„Alles ist Energie, und dazu ist nicht mehr zu sagen. Wenn du dich einschwingst in die Frequenz der Wirklichkeit, die du anstrebst, dann kannst du nicht verhindern, dass sich diese manifestiert. Es kann nicht anders sein. Das ist nicht Philosophie. Das ist Physik.“

Albert Einstein

In diesem Beitrag geht es um die Energie von Wörtern. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erfahren, welch drastischen Unterschied es macht, wie ich einen Sachverhalt formuliere. Erläutern möchte ich das Phänomen anhand der beiden deutschen Verben müssen und können. Erstmals erzählte mir Sonsoles Cerviño in einem Gespräch über ihre Arbeit als Kommunikationstrainerin und systemische Coach davon, welch großen Unterschied es mache, wenn sie ein und dieselbe Aussage mit „Du musst…“, oder „Du kannst…“ einleite. Sie versuche grundsätzlich, das Verb „müssen“ im Gespräch mit Klienten zu vermeiden, da dieses beim Gesprächspartner sehr leicht Widerstand auslösen könne. Ebenso ermuntert sie ihre Klienten dazu, in eigenen Sätzen das „Ich muss“ durch ein „Ich kann“ zu ersetzen.

Neugierig geworden begann ich darauf hin, in meiner Arbeit als Lehrer mit meiner eigenen Sprache zu experimentieren und stellte interessante Effekte fest. Um diese nachzuvollziehen, lade ich Sie zu einem Experiment ein. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind Schüler*in in meinem Spanischunterricht, haben einen längeren Text in einer Klassenarbeit geschrieben und lesen bei der Rückgabe der Arbeit nun den folgenden Satz als Reaktion von mir:

Lieber X: Puh, Das sind aber viele Fehler! Du musst Dich jetzt endlich mal hinsetzen und Grammatik lernen.

Wie erging es Ihnen? Spüren Sie – wie viele andere – Unwillen, Ärger, Widerstand oder Frust?

Ein Lehrerkommentar wie der obige ist meist Resultat von Übermüdung und Überforderung angesichts der Korrektur des 27. Textes in Folge. Vordergründig bezieht sich der Kommentar auf den Text, eigentlich bringt er aber meine ganze Unzufriedenheit mit der Situation zum Ausdruck. Nur: Der lesende Schüler weiß das natürlich nicht. Er bezieht alles nur auf sich und geht je nach Veranlagung in den Widerstand – „Du Idiot, kannst mich mal! Ich hasse Spanisch!“ – oder in die Selbstkritik: „Ich kann kein Spanisch. Das lern ich nie!“

Seitdem ich das erfahren habe, bemühe ich mich heute beim Korrigieren immer wieder um einen kurzen Moment des Durchatmens und Auftauchens aus dem Tunnel. Wenn mir dies gelingt, schreibe ich anschließend einen Kommentar wie den folgenden. Wieder lade ich Sie ein, Ihre eigene emotionale Reaktion darauf zu erforschen.

„Lieber X. Du machst immer noch eine ganze Reihe von Fehlern. Einige davon entstehen jedoch gerade dadurch, dass Du versucht, auch komplexe Gedanken auszudrücken. Das finde ich klasse. Tipp zur weiteren Verbesserung? Du könntest Dich in den kommenden Wochen mal intensiver mit den Verbformen der Vergangenheit beschäftigen.“

Wie haben Sie reagiert? Fühlen Sie sich gewürdigt? Spüren Sie die Offenheit für eine mögliche Entwicklung, die im „NOCH“ steckt? Die Freiheit der Handlungsoption im „Dann könntest du mal…“? Reagiert der Schüler auf den ersten Kommentar mit „Ich kann das nicht!“, zieht dieser hier vielleicht die Konsequenz: „Ich kann ja mal einen Blick auf die Verbformen werfen“…

Taatsächlich laden wir also Sachverhalte energetisch völlig unterschiedlich auf, wenn wir sie mit KÖNNEN oder MÜSSEN präsentieren. „DU MUSST“ ist aggressive Druck-Energie und erzeugt Widerstand; „DU KANNST“ schafft eine Perspektive der Offenheit und Verbundenheit.

Spannend, wie wir als Lehrkräfte die Möglichkeit haben, mit kleinen Anpassungen große Veränderungen einzuleiten. Welch eine VERANTWORTUNG dieser Beruf doch mit sich bringt! Wenn man das alles weiß, erscheint es natürlich noch unverständlicher, wie groß unsere Klassen und damit auch die Korrekturberge sind, die es so schwierig machen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Pindo

Die Seele ist wie ein Wind

Vor ein paar Tagen war ich mit Freunden auf dem Disibodenberg im Hunsrück. Der Ort ist eng mit Hildegard von Bingen verbunden, die im dortigen Kloster von 1112 bis 1152 lebte. Hier entsteht eines ihrer Hauptwerke LIBER SCIVIAS, zu Deutsch: WISSE DIE WEGE, in dem sie ihre Visionen niederschreibt.

Von den einst mächtigen Gebäuden sind nur noch Reste übrig. Und dennoch ist der Ort nach wie vor voller Kraft und Frieden. Mein Blick fällt auf die stehen gebliebene Mauer des Pilgerhospizes. Die mächtige Eiche im Mittelschiff der Kirche bietet Schutz für eine Meditation. Im Kreuzgang zwischen den jahrhundertealten Säulenstümpfen werde ich für einen Moment zum Mönch.

Im kleinen Museum unterhalb des Berges erahnt man an den ausgestellten Resten die vergangene Pracht der Bauten. Die Blattgesichter krönten vor 700 Jahren das gotische Gewölbe der Kirche.

Abschließend ein Gedicht der großen Weisen, das vielleicht an diesem Ort entstanden ist.

Die Seele

Die Seele ist wie ein Wind,
der über die Kräuter weht,
wie der Tau,
der über die Wiesen träufelt,
wie die Regenluft,
die wachsen macht.
 
Desgleichen ströme der Mensch
Wohlwollen aus auf alle,
die da Sehnsucht tragen.
 
Ein Wind sei er,
der den Elenden hilft,
ein Tau,
der die Verlassenen tröstet.
 
Er sei wie die Regenluft,
die die Ermatteten aufrichtet
und sie mit Liebe erfüllt
wie Hungernde.

Hildegard von Bingen
(1098-1179)

Welch inspirierender Ausflug in den Frühling.

Pindo

Ein Sprung in jedem Ding

Heute mal wieder Leonard Cohen gelauscht und an seiner Anthem hängen geblieben. Hier mein Versuch einer Übertragung ins Deutsche.

Für mich atmet die Hymne viel von Cohens Meditationserfahrungen. Die Jahre im Zen-Kloster strömen durch jede Zeile. Ich hoffe die Übertragung findet Gefallen. Anschließend zitiere ich das Original.

Pindo

 HYMNE
Die Vögel sie sangen
Zum Anbruch des Tages
Beginn von vorn
Das hört ich sie sagen
Verharr nicht bei
Vergangenem
Oder dem das noch nicht ist
 
Ja, Kriege, sie werden aufs Neue gekämpft
Die heil‘ge Taube
wieder gefangen sein
Gekauft und verkauft
Und wieder gekauft
Die Taube
Und niemals frei
 
Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Genau da kann das Licht herein.
 
Wir baten um Zeichen
Sie wurden gesandt
Geburten verraten
Und Ehen verschwendet
Ja, die Witwenschaft
ein jeder Regierung
Ist Zeichen für alle zu sehen
 
Ich kann nicht mehr laufen
Mit gesetzlosen Meuten
Während die Mörder da oben
Gebete posaunen
Aber sie hab'n sie erzeugt
Die Gewitterwolke
Und sie werden von mir hören
 
Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Genau da kann das Licht herein.
 
Du kannst die Teile zusammenzähl‘n
Und wirst doch keine Summe seh‘n
Du kannst zum Marsche blasen
Da ist aber keine Trommel
Jedes Herz zu lieben wird kommen
Aber wie einer auf der Flucht

Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Und genau da kann das Licht herein.
ANTHEM

The birds they sang
At the break of day
Start again
I heard them say
Don't dwell on what
Has passed away
Or what is yet to be
Yeah the wars they will
Be fought again
The holy dove
She will be caught again
Bought and sold
And bought again
The dove is never free
Ring the bells (ring the bells) that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
We asked for signs
The signs were sent
The birth betrayed
The marriage spent
Yeah the widowhood
Of every government
Signs for all to see
I can't run no more
With that lawless crowd
While the killers in high places
Say their prayers out loud
But they've summoned, they've summoned up
A thundercloud
And they're going to hear from me
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
You can add up the parts
You won't have the sum
You can strike up the march
There is no drum
Every heart, every heart to love will come
But like a refugee
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
Ring the bells that still can ring (ring the bells that still can ring)
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
That's how the light gets in
That's how the light gets in
 

Jungsteinzeit und Achtsamkeit

Zu meinen faszinierendsten Lektüren der vergangenen Monate gehört Yuval Noah Hararis Buch Sapiens. A Brief History of Humankind. (Deutsche Ausgabe: Ein kurze Geschichte der Menschheit.) Es ist schlicht genial, wie dieser Autor aus der Vogelperspektive die ganz großen Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte ins Blickfeld nimmt und die Geschehnisse auf eine verständliche Weise so darstellt, dass man beim Lesen von einem Aha-Erlebnis ins nächste stolpert.

Bildergebnis für harari sapiens

Besonders beeindruckt haben mich die Erläuterungen zur Jungsteinzeit vor ca. 10 000 Jahren, in der die Menschheit den Schritt von einer Gesellschaft nomadisch lebender Jäger und Sammler in die sesshafter Bauern vollzog.

Zunächst macht Harari deutlich, dass bei der Beurteilung einer historischen Entwicklung als Fortschritt zwei Perspektiven zu unterscheiden sind: die der Spezies und die des Individuums: Die agrarische Revolution jener Zeit, die uns sesshaft werden ließ, schuf eine wesentliche Grundlage dafür, dass die Menschheit zur überlegenen Spezies im Ökosystem Erde wurde. Das mit Hilfe des neuen Wissens produzierte Mehr an Nahrung führte zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion. Aus Sicht der Spezies Mensch handelt es sich hierbei also um eine sensationelle Erfolgsstory.

Die Perspektive wandelt sich, wenn man den Blick auf das Individuum richtet. Tatsächlich, so Harari, hatte der einzelne Mensch in der Jäger- und Sammler-Gesellschaft eine höhere Lebensqualität. Seine Nahrung war frischer, abwechslungsreicher und somit gesünder und er verbrachte viel weniger Zeit am Tag mit „Arbeit“. Schätzungen gehen davon aus, dass die Angehörigen einer Sippe von Jägern und Sammlern ca. 5 Stunden am Tag mit der Erledigung von Aufgaben zubrachten, die den Lebenserhalt sicher stellten. Den Rest der Zeit hatten sie „frei“.

Zudem hatte der durch die Agrarrevolution erzeugte Nahrungszuwachs eine soziale Revolution zur Folge: Komplexe Gesellschaften entstanden, in denen die hart arbeitenden Bauern mit ihren Erzeugnissen parasitär lebende Eliten von Königen, Verwaltungsbeamten, Soldaten, Priestern, Künstlern und Denkern (darunter auch Lehrer…) ernährten, die wiederum die Menschheit in großen Themen wie Politik, Kriegsführung, Kunst und Philosophie voran brachten. Zweifellos größtenteils beeindruckende Entwicklungen – jedoch nur aus Spezies-Perspektive. Denn: 90% der Individuen innerhalb dieser Spezies gehörten zum Stand der Bauern, die sich tagtäglich den Rücken krumm schufteten und praktisch nichts von diesen Errungenschaften hatten.

Spannend sind auch Hararis Anmerkungen zur mentalen Entwicklung der Menschen dieser Zeit: Durch die Agrarrevolution sah sich Sapiens zum ersten Mal in seiner Geschichte mit der Notwendigkeit konfrontiert, sein Leben im Moment zu verlassen und zu planen. Jäger und Sammler hatten kaum Möglichkeit, ihr Leben planerisch positiv zu beeinflussen. Der Speiseplan entstand zufällig durch das aktuell zur Verfügung stehende Nahrungsmittelangebot. Erlegte die Sippe ein Mammut, gab es ein Festmahl. An anderen Tagen standen halt Wurzeln und Pilze auf der Speisekarte.

Für Menschen, die als Bauern lebten, ergab sich dagegen erstmals überhaupt ein Anlass, sich mental in die Zukunft zu begeben: Wann war der beste Moment für die Aussaat? Würde es nächste Woche regnen oder konnte man noch eine Woche mit der Ernte warten? Wieviel Getreide musste zurück gehalten werden, um im nächsten Jahr wieder die Felder bestellen zu können? Am Tag nach der erfolgreichen Ernte gab es vielleicht einen Augenblick der Ausgelassenheit während eines Dankesfestes. In der Woche danach war der sorgenerfüllte Geist aber schon wieder auf den Feldern, grübelnd über mögliche Dürrephasen, Fluten und Schädlinge sowie die bestmögliche Strategie für ein Weiterkommen:

Consequently, from the very advent of agriculture, worries about the future became major players in the theatre of the human mind. (…) Peasants were worried about the future not just because they had more cause for worry, but also because they could do something about it. They could clear another field, dig another irrigation canal, sow more crops. The anxious peasant was as frenetic and hardworking as a harvester ant in the summer, sweating to plant olive trees whose oil would be pressed by his children and grandchildren, putting off until the winter of the following year the eating of the food he craved today.

Harari, Sapiens, p. 113

Hier entstehen ganz neue Einblicke, wenn Jahrtausende zusammensurren. Klar: Smartphones, Digitalisierung und Flexibilisierung erzeugen viel Druck auf uns Individuen des 21. Jahrhunderts: wir Armen, die nachts wach liegen, weil unser Affengeist nicht zur Ruhe kommt. Grundsätzlich kannten unsere Ahnen diese Geistehaltung aber tatsächlich schon vor 10000 Jahren. Jene haben sie damals als Individuen auf sich genommen, als unausweichliche Begleiterscheinung des triumphalen Siegeszugs der Spezies Sapiens in der Geschichte unseres Planeten.

Nicht schlecht, Herr Hariri. Danke für die Einsicht.

Pindo