Archiv des Autors: Adrian Bröking

Über Adrian Bröking

Familienvater, Lehrer und Student der Achtsamkeit

911 revisited – vom Umgang mit Wut

Zum 11. September erinnere ich an einen Blogartikel, der hier 2015, direkt nach den Terroraktionen in Paris erschienen ist. In ihm übersetzte ich, als Akt des Trauerns und der inneren Sammlung, eine Rede des vietnamesischen Zenmeisters Thich Nhat Than. die er wenige Wochen nach dem Angriff auf das World Trade Center in New York an das amerikanische Volk richtete.

Die Lektüre lohnt doppelt, sie lässt innehalten und das damals Geschehene würdigen. Sie dient aber auch als Inspiration in unserer Zeit der Twittergewitter eines Trump, Johnson, Bolsonaro, Gerland, des „Das darf man ja wohl mal sagen!“, einer Zeit, in der Emotionen als Wahrheiten verstanden und Versuche, Argumente für eine Sache zu erläutern, als Fake News in Grund und Boden getreten werden.

Ja, die Rede ist lang. Aber es lohnt sich, die vielleicht beim Lesen auftretende Ungeduld gelassen zu ertragen und den Geist zurück zu holen, immer wieder, bis die Lektüre vollendet ist.

Das Thema ist der angemessene Umgang mit Wut.

Pindo

Thich Nhat Than, Riverside Church New York, 25. September 2001
Meine liebe Freunde, ich möchte euch erzählen, wie ich praktiziere, wenn ich wütend werde. Während des Kriegs in Vietnam gab es viel Ungerechtigkeit, und Tausende, darunter viele meiner Freunde, viele meiner Schüler, wurden getötet. Ich wurde sehr wütend. Einmal erfuhr ich, dass die Stadt Ben Tre, eine Stadt mit 300.000 Einwohnern, von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert worden war, nur weil einige Guerillas in die Stadt gekommen waren und versucht hatten, amerikanische Flugzeuge abzuschießen. Die Guerillas hatten keinen Erfolg und gingen anschließend fort und die Stadt wurde zerstört. Und der Militär, der dafür verantwortlich war, erklärte später, dass er die Stadt Ben Tre zerstören musste, um sie zu retten. Ich war sehr wütend.
Aber zu der Zeit war ich schon ein Praktizierender, ich hatte eine solide Praxis. Ich sagte nichts, ich handelte nicht, weil ich wusste, dass es nicht weise ist, zu handeln oder Dinge sagen, während du wütend bist. Es kann viel Zerstörung verursachen. Ich ging zurück zu mir, erkannte meine Wut, umarmte sie und schaute tief in die Natur meines Leidens.

In der buddhistischen Tradition haben wir die Praxis des achtsamen Atmens, des achtsamen Gehens, um die Energie der Achtsamkeit zu erzeugen. Es ist genau mit der Energie der Achtsamkeit, dass wir unsere Wut erkennen, umarmen und transformieren können. Achtsamkeit ist die Art Energie, die uns hilft, uns bewusst zu machen, was in uns und um uns herum vorgeht, und jeder kann achtsam sein. Wenn du eine Tasse Tee trinkst und du weißt, dass du gerade eine Tasse Tee trinkst, das ist achtsames Trinken. Wenn du einatmest und du weißt, dass du einatmest und du fokussierst deine Aufmerksamkeit auf das Einatmen, dann ist das Achtsamkeit des Atmens. Wenn du einen Schritt machst und du bist dir bewusst, dass du einen Schritt machst, dann nennt man das die Achtsamkeit des Gehens. Die grundlegende Praxis in Zen-Zentren, Meditationszentren, ist die Praxis des Erzeugens von Achtsamkeit in jedem Moment deines täglichen Lebens. Wenn du wütend bist, dann bist du dir bewusst, dass du wütend bist. Weil du schon die Energie der Achtsamkeit in dir durch die Praxis erzeugt hast, deswegen hast du genug von ihr, um die Natur deines Leidens zu erkennen, zu umarmen, tief in es hineinzusehen und zu verstehen.

Ich war dazu in der Lage, die Natur des Leidens in Vietnam zu verstehen. Ich sah, dass während des Vietnamkriegs nicht nur Vietnamesen litten, sondern auch Amerikaner. Der junge Amerikaner, der nach Vietnam gesendet worden war, um zu töten und getötet zu werden, erfuhr viel Leiden und das Leiden setzt sich bis heute fort. Die Familien, die Nation leidet auch. Ich konnte sehen, dass die Ursache unseres Leidens in Vietnam nicht die amerikanischen Soldaten waren. Es ist eine Politik, die nicht weise ist. Es ist ein Missverständnis. Es ist eine Angst, die der Politik zugrunde liegt.
Viele in Vietnam hatten sich selbst verbrannt, um ein Ende der Zerstörung zu fordern. Sie wollten keinen Schmerz auf andere Leute laden, sie wollten den Schmerz auf sich selbst nehmen, um ihre Botschaft zu vermitteln. Aber die Geräusche der Flugzeuge und Bomben waren zu laut. Von den Menschen in der Welt waren nicht viele dazu fähig, uns zu hören. So beschloss ich, nach Amerika zu gehen, um zum Ende der Gewalt aufzurufen. Das war im Jahr 1966, und deswegen konnte ich anschließend nicht mehr nach Hause gehen. Und ich habe seit der Zeit, seit 1966 im Exil gelebt.

Ich konnte sehen, dass der wahre Feind des Menschen nicht der Mensch ist. Der wahre Feind ist unsere Ignoranz, die Diskriminierung, unsere Angst, unser Verlangen und die Gewalt. Ich hatte keinen Hass gegen das amerikanische Volk, die amerikanische Nation. Ich kam nach Amerika, um für eine Art des tiefen Sehens zu plädieren, die es eurer Regierung ermöglichen sollte, ihre Politik zu überdenken. Ich erinnere mich, dass ich den Verteidigungsminister Robert MacNamara traf. Ich erzählte ihm von der Wahrheit über das Leiden. Er behielt mich für eine lange Zeit bei sich und er hörte mir intensiv zu und ich war sehr dankbar für die Qualität seines Zuhörens. Drei Monate später, als der Krieg sich intensivierte, hörte ich, dass er von seinem Posten zurücktrat.

Hass und Wut waren nicht in meinem Herzen. Deswegen hörten mir viele junge Menschen in meinem Land zu. Und ich riet Ihnen, dem Pfad der Versöhnung zu folgen, und zusammen trugen wir dazu bei, die neuen Organisationen für Frieden in Paris zu gründen. Ich hoffe, meine Freunde hier in New York sind dazu in der Lage, dasselbe zu praktizieren. Ich verstand, Ich verstehe Leiden und  Ungerechtigkeit, und ich fühle dass ich das Leiden von New York, von Amerika zutiefst verstehe. Ich fühle, dass ich ein New Yorker bin. Ich fühle dass ich ein Amerikaner bin.

Du möchtest für dich da sein, mit dir sein und nicht handeln oder Dinge sagen, wenn du nicht ruhig bist. Es gibt Wege, zu uns selbst zurückzukehren und zu praktizieren, so dass wir unsere Ruhe und Klarheit wieder entdecken. Es gibt Wege der Praxis, mit denen wir die wahren Ursachen des Leidens verstehen. Und dass das Verstehen uns helfen wird, zu tun, was getan werden muss und nicht zu tun, was für uns oder andere Menschen schädlich sein könnte. Lasst uns gemeinsam für eine halbe Minute achtsames Atmen praktizieren, bevor wir weitermachen.

In der buddhistischen Psychologie sprechen wir vom Bewusstsein als Samen. Wir haben den Samen der Wut in unserem Bewusstsein. Wir haben den Samen der Verzweiflung, der Angst. Aber wir haben auch den Samen des Verstehens, der Weisheit, des Mitgefühls in uns. Diese Samen werden sich als machtvolle Energie manifestieren, die uns hilft, einen Akt des Vergebens und Mitgefühls auszuführen. So wird es möglich sein, für unsere Nation und unsere Welt sofort Erleichterung zu bringen. Das ist meine Überzeugung.
Ich habe den tiefen Glauben, dass die amerikanischen Menschen in sich viel Weisheit und Mitgefühl haben. Ich wünsche euch, dass ihr die besten eurer selbst seid, wenn ihr beginnt zu handeln, für das Wohl Amerikas und für das Wohl der Welt. Mit Klarheit, mit Verständnis und Mitgefühl werdet ihr euch den Menschen, die euch viel Schaden und Leiden zugefügt haben, zuwenden und ihnen viele Fragen stellen.
„Wir verstehen nicht genug von eurem Leiden, könnt ihr uns davon erzählen? Wir haben euch nichts getan, wir haben nicht versucht, euch zu zerstören, wir haben euch nicht diskriminiert, und wir verstehen nicht, warum ihr dies mit uns getan habt. In euch muss viel Leiden sein. Wir möchten euch zuhören. Vielleicht können wir euch helfen. Und zusammen können wir Frieden in der Welt schaffen.“ Und wenn ihr solide seid, wenn ihr Mitgefühl zeigt, während ihr diese Aussage macht, werden sie euch von ihrem Leiden erzählen
.

Im Buddhismus sprechen wir von der Praxis des tiefen Zuhörens, des Zuhörens mit Mitgefühl, eine wundervolle Methode, durch die wir Kommunikation wiederherstellen können, Kommunikation zwischen Partnern, Kommunikation zwischen Vater und Sohn, Kommunikation zwischen Mutter und Tochter, Kommunikation zwischen Nationen. Die Praxis des tiefen Zuhörens sollte von Eltern aufgenommen werden, von Partnern, so dass sie das Leiden der anderen Person verstehen können. Diese Person mag unsere Ehefrau sein, unser Ehemann, unser Sohn oder unsere Tochter.  Vielleicht haben wir genug guten Willen, um zuzuhören, Aber viele von uns haben die Fähigkeit des tiefen Zuhörens verloren, weil wir in uns viel Wut und Gewalt haben. Die anderen Menschen wissen nicht, wie sie freundliche Sprache verwenden; sie beschuldigen und urteilen immer. Und Sprache ist oft sauer und bitter. Diese Art des Sprechens wird immer zu Irritation und Wut in uns führen, und uns davon abhalten, tief und mit Mitgefühl zuzuhören. Deswegen reicht es nicht aus, guten Willen zum Zuhören zu haben. Wir brauchen ein Training, um mit Tiefe und Mitgefühl zuzuhören.
Ich denke, ich glaube, ich habe die Überzeugung, dass ein Vater, der weiß, wie er seinem Sohn mit Tiefe und Mitgefühl zuhört, eine Tür zum Herzen seines Sohns öffnen kann, um so Kommunikation wiederherzustellen.

Die Menschen in unserem Kongress und unseren Senat sollten sich auch im Zuhören mit Tiefe und Mitgefühl trainieren. Es gibt viel Leiden im Land und viele Menschen fühlen, dass ihr Leiden nicht verstanden wird. Deswegen müssen Politiker, Mitglieder des Parlaments, Mitglieder des Kongresses, sich in der Art des tiefen Zuhörens trainieren, um ihren eigenen Menschen und dem Leiden im Land zuzuhören, denn es gibt Ungerechtigkeit und Diskriminierung im Land. Es gibt viel Wut im Land. Wenn wir einander zuhören können, können wir auch den Menschen in anderen Ländern zuhören. Viele von ihnen sind in einer Situation der Verzweiflung, viele leiden unter Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Die Menge an Gewalt und Verzweiflung in ihnen ist riesig. Und wenn wir wissen, wie wir als Nation ihrem Leiden zuhören, dann können wir schon viel Erleichterung bringen. Sie werden sich verstanden fühlen. Das kann die Bombe schon entschärfen.

Ich rate einem Paar immer, dass, wenn sie wütend auf einander sind, sie zu ihrem Atmen zurückkehren sollen, zum achtsamen Gehen, dass sie ihre Wut umarmen und tief in die Natur ihrer Wut hineinsehen sollen. Und dass sie in der Lage sein können, ihre Wut in nur 15 Minuten oder ein paar Stunden zu transformieren. Wenn sie das nicht können, dann müssen Sie der anderen Person erzählen, dass sie leiden, dass sie wütend sind und dass sie wollen, dass die andere Person das weiß. Sie werden versuchen, es auf eine ruhige Weise zu sagen: „ Mein/e Liebe/r, ich leide und ich möchte, dass du das weißt.“

In Plum Village, wo ich lebe und praktiziere, raten wir unseren Freunden, dass sie ihre Wut nicht für mehr als 24 Stunden für sich behalten, ohne es der anderen Person zu sagen: „Mein/e Liebe/r, ich leide, und ich möchte dass du das weißt. Ich weiß nicht, warum du mir solch eine Sache angetan hast. Ich weiß nicht, warum du so etwas zu mir gesagt hast.“ Das ist die erste Sache, die sie der anderen Person sagen sollten. Und wenn sie nicht ruhig genug sind es zu sagen, dann können sie es auf ein Stück Papier schreiben.

Die zweite Sache, die sie sagen oder niederschreiben können, ist: „Ich tue mein Bestes.“ Das bedeutet: „ Ich bin bereit zu üben, nichts mit Wut zu sagen oder zu tun, weil ich weiß, dass, wenn ich das tue, ich mehr Leiden erzeuge. So umarme ich meine Wut, Ich blicke tief in die Natur meiner Wut.“ Ihr sagt der anderen Person, dass ihr übt, Eure Wut zurückzuhalten, Eure Wut zu verstehen, um herauszufinden, ob die Wut aus eurem eigenen Missverstehen entstanden ist, eurer eigenen falschen Wahrnehmung, aus mangelnder Achtsamkeit oder einer mangelnden Fertigkeit.

Und die dritte Sache, die ihr ihm oder ihr vielleicht sagen möchtet, ist: „Ich brauche deine Hilfe.“ Normalerweise möchten wir das Gegenteil tun, wenn wir wütend auf jemanden werden. Wir möchten sagen: „ Ich brauche dich nicht. Ich kann alleine überleben.“ „Ich brauche deine Hilfe“ bedeutet: „Ich brauche deine Praxis, Ich brauche dein tiefes Sehen, ich brauche deine Hilfe, meine Wut zu überwinden, weil ich leide.“ Und wenn ich leide, gibt es keine Möglichkeit, dass du glücklich bist, weil Glück keine individuelle Angelegenheit ist. Wenn eine andere Person leidet, gibt es keinen Weg, dass du allein wirklich glücklich bist. Indem ihr also der anderen Person helft, weniger zu leiden, zu lächeln, werdet ihr selbst auch glücklich.

Der Buddha sagte: „Dies ist so, weil das so ist. Dies ist, weil das ist.“ Die drei Sätze, die ich vorschlage, sind die Sprache der wahren Liebe. Sie wird die andere Person inspirieren, zu praktizieren, tief zu blicken und zusammen werdet ihr Verständnis und Versöhnung finden. Ich schlage meinen Freunden vor, diese Sätze auf ein Stück Papier zu schreiben, und sie in ihre Brieftasche zu stecken. Jedes Mal, wenn sie wütend auf ihren Partner oder ihren Sohn oder ihre Tochter werden, dann können sie achtsames Atmen üben, den Zettel herausnehmen und lesen. Er wird eine Glocke der Achtsamkeit sein, die Ihnen sagen wird, was zu tun und was zu lassen ist. Dies sind die drei Sätze: „Ich leide und ich möchte dass du das weißt.“ „ Ich tue mein Bestes.“ „ Bitte hilf.“

Ich glaube, dass auch in einem internationalen Konflikt diese Art der Praxis möglich ist. Deswegen schlage ich Amerika als Nation vor, dasselbe zu tun. Ihr sagt den Menschen, dass ihr glaubt, dass ihr die Ursache ihres Leidens seid, dass Ihr wollt, dass sie dies wissen, dass ihr wissen wollt, warum sie euch solch eine Sache angetan haben, und dass ihr euch darin übt, mit Tiefe und Mitgefühl zuzuhören. 
Die Qualität unseres Seins ist dabei sehr wichtig, denn durch sie ist diese Frage, diese Aussage keine Verurteilung, sondern der Wille, wahre Kommunikation zu erzeugen. „Wir sind bereit, euch zuzuhören. Wir wissen, dass ihr viel gelitten haben müsst, Um uns solch eine Sache anzutun. Ihr mögt gedacht haben, dass wir die Ursache eures Leidens sind. Sagt uns deshalb bitte ob wir versucht haben, euch zu zerstören, ob wir versucht haben, euch zu diskriminieren, damit wir es verstehen können. Und wir wissen, dass, wenn wir euer Leiden verstehen, wir euch helfen können.“ Das ist es, was wir im Buddhismus „ liebendes Reden“ oder „liebevolle Sprache“, nennen, und es hat das Ziel, Kommunikation zu erzeugen, Kommunikation wiederherzustellen. Und wenn die Kommunikation wiederhergestellt ist, wird Frieden möglich sein.

In diesem Sommer kam eine Gruppe von Palästinensern nach Plum Village und praktizierte gemeinsam mit einer Gruppe von Israelis. Es waren ein paar Dutzend. Wir finanzierten ihr Kommen und gemeinsames Praktizieren. In zwei Wochen lernten Sie, gemeinsam zu sitzen, gemeinsam achtsam zu gehen, gemeinsam das Essen schweigend zu genießen, und ruhig zu sitzen, um einander zuzuhören. Die aufgenommene Praxis war sehr erfolgreich. Am Ende der zwei Wochen Praxis gaben sie uns einen wunderbaren, wunderbaren Bericht. Eine Frau sagte: „Thay, dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sehe, dass Frieden im Nahen Osten möglich ist.“ Ein anderer junger Mensch sagte: „Thay, als ich in Plum Village ankam, glaubte ich zunächst nicht, dass Plum Village etwas Reales war, weil du in der Situation in meinem Land in permanenter Angst und Wut lebst. Wenn deine Kinder in den Bus einsteigen, bist du nicht sicher, dass sie wieder nach Hause kommen. Wenn du auf den Markt gehst, bist du nicht sicher, dass du überleben wirst, um wieder nach Hause zu deiner Familie zu gehen. Wenn du nach Plum Village kommst, dann siehst du Menschen, die einander mit liebender Güte ansehen, die freundlich miteinander sprechen, die voller Frieden laufen und alles mit Achtsamkeit tun. Wir glaubten nicht, dass das möglich war. Es sah unwirklich für mich aus.“
Aber in der friedlichen Umgebung von Plum Village war es ihnen möglich, zusammen zu sein, zusammen zu leben, einander zuzuhören und am Ende kam das Verstehen. Sie versprachen, ihre Praxis weiterzuführen, wenn Sie in den Nahen Osten zurückkehrten. Sie werden jede Woche einen Tag der Praxis auf lokaler Ebene und einen Tag der Achtsamkeit auf nationaler Ebene organisieren. Und sie planen, mit einer größeren Gruppe nach Plum Village zu kommen, um ihre Praxis fortzuführen.
Ich denke, dass, wenn Nationen wie Amerika diese Art der Umgebung organisieren können, wo Menschen zusammen kommen können, und ihre Zeit miteinander verbringen, um Frieden zu praktizieren, dann werden sie dazu in der Lage sein, ihre Gefühle und ihre Ängste zu beruhigen und friedliches Verhandeln wird viel einfacher sein.

Die Bedeutung von Musik – und von Stille

Im Zeitmagazin vom 22.8.19 bin ich auf ein inspirierendes Interview mit dem Dirigenten Christoph Eschenbach gestoßen. Darin erzählt er unter anderem, wie ihn ein furchtbares Kindheitstrauma für lange Zeit vollkommen verstummen ließ. Und wie ihn die Musik dann wieder zum Sprechen brachte.

Besonders beeindruckt haben mich ein paar Sätze zur Bedeutung von Stille und Konzentration:

Was bedeutet Ihnen Stille?

Alles wird aus der Stille geboren in dieser lauten Welt. Stille ist unglaublich notwendig für Konzentration, Denken und Fühlen. Dafür müssen Sie sich zurückziehen. Stille hat auch sehr viel mit Spannung zu tun. Am Ende eines Stückes muss ein Raum entstehen, wo etwas nachwirkt und nicht zerklatscht wird. Das kommt auch aus dem Zentrum. Man muss wahnsinnig kontrolliert sein mit dem Atem. Sonst kann man die Stille nicht regieren.

Konzentration scheint für Sie besonders wichtig zu sein.

Ja , im wörtlichen Sinne, „Kon“ und „Zentrum“, So dirigiere ich, aus dem Zentrum heraus in die Bewegung. Diese Körperlichkeit beim Dirigieren ist mit dem Atem verbunden. Sie setzt sich durch den Atem im Orchester fort, und dann bekomme ich den Schwung von Atem wieder zurück. Das ist fast wie Ballett.

Mich fasziniert der Werkstattbericht dieses großen Künstlers. Und er bestärkt mich, meine Schülerinnen und Schüler immer wieder aufs Neue mit Stille und Konzentration, diesen ihnen recht unbekannten und teilweise auch negativ besetzten Konzepten zu konfrontieren.

So auch vergangene Woche, in der ersten Stunde eines Achtsamkeitstrainings für meine neue 9. Klasse. Nach einer kurzen Einführung und einer sechsminütigen Meditation mit dem Fokus „Außen Fühlen“, beendete ich die Einheit mit dem Klangstab. Gemeinsam lauschten wir dem verhallenden Glockenton und da war er, dieser „Raum, wo etwas nachwirkt und nichts zerklatscht wird“. Keiner hatte das Bedürfnis zu sprechen. Die Schüler waren regelrecht ergriffen von diesem Moment der Ruhe, des Durchatmens, des Verbundenseins, den wir uns gemeinsam geschaffen hatten, mitten im profanen Getöse des Schulalltags.

Die Früchte der Achtsamkeit sind oft spektakulär unspektakulär.

Pindo

Klostergarten in Guimaraes

Im Sommer hatte ich das Glück, ein paar Tage in Guimaraes zu verbringen. Der Ort ist eine mittelalterliche Perle und als Geburtsort des ersten portugiesischen Königs eine Art portugiesisches Nationalheiligtum.

Auf einem Berghang oberhalb steht das Mosteiro de Santa Marinha, ein Kloster, ursprünglich aus dem 11. Jahrhundert, das dann im Barock zu einer königlichen Residenz umgebaut wurde. Die Bilder entstanden im Klostergarten, einem Areal, das sich hinter der Anlage einen Berghang hochzieht. Grüntöne, Lichtspiele, modriger Geruch, Steinreste aus Epochen quer durch die Jahrhunderte – ein ganz besonderer Ort.

Pindo

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Nach sieben Jahren Achtsamkeitsarbeit in der Schule bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass diese besondere Spielart von Aufmerksamkeit uns einen wichtigen, wenn nicht den Schlüssel für die notwendige Transformation von Schule geben kann.

Nur, wie benutzen wir ihn am besten? Alle, die in der Schule arbeiten, wissen, mit wie viel Widerstand wir „in der Wagenburg“ auf die Experten von außen reagieren, die uns wieder mal erklären, wie wir unseren Beruf zu erledigen haben.

Und der Widerstand ist auch verständlich: In den vergangenen Jahren sind leider viel zu viele Borstenviecher durch die Schuldörfer getrieben worden. Die nächsten machen sich gerade im Rahmen des Digitalisierungspaktes startklar.

Die Folge dieser Erfahrungen ist, dass es auch externe Achtsamkeitstrainer*innen schwer haben wenn sie zu uns in die Schulen kommen. Und selbst, wenn sie ihren Job großartig machen bleibt die zweite Frage: Was bleibt, wenn sie wieder fort sind? Wie münden die wichtigen Impulse in nachhaltige Veränderungen?

Daher bin ich überzeugt: Wenn nicht wir Lehrer*innen und Erzieher*innen unsere Haltung verändern und den Impuls geben für eine Veränderung des Systems von innen heraus, wird gar nichts passieren. Entscheidend beeinflusst hat mich darin die langjährige, inspirierende Kooperation mit Sabine Heggemann von Fokus Achtsamkeit in Lüneburg, bei der ich Mind the Music kennen gelernt habe, diesen wunderbaren Ansatz, der Achtsamkeit mit Musik schülerkompatibel macht. (Weiterführendes hier.)

Kürzlich erschien nun ein Buch, das das Zeug hat, zu einer Bibel für uns achtsamkeitsinteressierte Lehrer*innen in Schulen zu werden: WACHE SCHULE: MIT ACHTSAMKEIT ZU RUHE UND PRÄSENZ.

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Die Autorin Susanne Krämer arbeitet am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig, wo sie seit 2013 Lehramtsstudent*innen mit Achtsamkeit als Grundlage für gelingende Kommunikation vertraut macht.

In der Einleitung zu WACHE SCHULE formuliert Susanne Krämer ihr Anliegen: Sie möchte den „Duft der Praxis“ vermitteln.

Es geht um alltagstaugliche Übungen, die Ihnen ermöglichen eigene Erfahrungen zu machen. Nur was Sie selbst kennenlernen, was Sie am „eigenen Leibe“ erfahren, wird Spuren in Ihrem Denken und Verhalten hinterlassen. Kommen Sie selbst auf den Geschmack! Oder wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther es formuliert: „Haltungen kann man nur verändern, indem man das verändert, was die Haltung hervorgebracht hat, nämlich die Erfahrung – Haltungen sind das Ergebnis von Erfahrung, sie bestimmen ganz entscheidend darüber, wie Menschen die Welt und das Geschehen um sie herum bewerten.“ (Krämer 2019: 14)

Und um Haltung geht es zuallererst. Denn: „Ihre eigene authentische Haltung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, Achtsamkeit in die Schule zu bringen – wach zu werden für eine neue (Schul-)Kultur des Miteinanders (Krämer 2019: ebd).

WACHE SCHULE hat zwei Teile. In Teil 1 erhalten Lehrkräfte Hilfestellung dabei „DIE HALTUNG DER ACHTSAMKEIT“ einzuüben. Hier die zentralen Bausteine dieses Fundaments aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Bewusst im Hier und Jetzt
  • Der Übungsweg
  • Lernort Schule: Umgang mit schwierigen Emotionen
  • Stress lass nach – Entwicklung von Resilienz
  • Wohlbefinden – das Herzstück der Achtsamkeitspraxis
  • Empathie und Mitgefühl – die Schule des Herzens
  • Humor – eine Lebenskunst
  • Kommunikation
  • Netzwerke bilden – sich in der Praxis unterstützen.

Teil 2 gibt unter dem Titel ACHTSAMKEIT MACHT SCHULE Einblick in einen Werkzeugkasten, der uns unschätzbare Hilfe dabei leistet, das zu unserer Schule passende Achtsamkeitsangebot zu entwickeln. Auch hier die Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses als appetizer:

  • Die nötigen Voraussetzungen schaffen
  • Bausteine eines Achtsamkeitscurriculums
  • Einladung zu einer Forschungsreise
  • Basisübungen
  • Möglichkeiten der Reflexion
  • Stress und schwierige Emotionen
  • Wohlbefinden oder das Schulfach „Glück“
  • Empathie und Mitgefühl

Kennen gelernt habe ich Susanne Krämer im Frühjahr 2018. Sie war über diesen Blog auf meine Arbeit aufmerksam geworden und bat mich darum, ihr Buch durch ein Gespräch über meine Erfahrungen zu unterstützen. Außerdem führte sie ein langes Interview mit vier meiner Schüler*innen, die sich über mehrere Jahre eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufgebaut haben. Und so ist das Buch durchzogen von Gesprächsausschnitten mit praktizierenden Lehrkräften, Schüler*innen und Student*innen, die mosaikartig das Thema Achtsamkeit aus Sicht der Praktizierenden darstellen. Eine Schülerin aus unserer AG formuliert etwa:

Achtsamkeit (steigert) für mich die Lebensqualität in vielerlei Hinsicht (…). Weil du dir selbst einfach bewusster wirst, sowohl über die guten Dinge als auch über die schlechten. Aber du lernst dann, mit den schlechten besser umzugehen und die Guten mehr zu gewichten. Das hilft mir, in die Mitte zu kommen und den Fokus zu finden. Das gibt mir so viel an – wie gesagt – Lebensqualität und das ist ein sehr starkes Wort für mich. Aber ich meine das auch so: Das verbessert wirklich viel.“ (Krämer 2019: 36)

Solche Sätze zeigen mir, wie wertvoll unsere oft sehr anstrengende Arbeit mit Achtsamkeit in Schule ist. Diese Schülerin verändert – im Sinne von Gerald Hüther – ihre Erfahrung und darüber ihre Haltung zum Leben.

Am Ende formuliert Susanne Krämer einen AUSBLICK unter der Überschrift „SEINEN EIGENEN WEG FINDEN“. Sie bringt für mich nochmals den Wert von WACHE SCHULE auf den Punkt: Es ist durchwirkt von einer Haltung größten Respekts vor der Einzigartigkeit jeder Lebens- und Arbeitssituation, die es verbietet vorgefertigte Rezepte als Allheilmittel zu verordnen.

Es ist diese Haltung, die wir Agierenden in der Schule brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen, die es uns erlaubt uns zu öffnen für eine veränderte Erfahrung, welche wiederum die Grundlage ist für jegliche nachhaltige Veränderung.

Unbedingt lesen!

Pindo

Der Ruf der Nachtigall

Dreimal in der Woche findet an meiner Schule eine Mittagsmeditation statt. Sie ist inzwischen für eine Reihe von Schüler*innen und Kolleg*innen fester Bestandteil des Alltags.

Für mich ist es ein Wunder, dass diese Achtsamkeitsroutine in der nur halbstündigen Mittagspause nun schon seit drei Jahren existiert: Um 12:15 klingelt es zum Stundenende. Ab 12:20 trudeln Menschen ein, in der Regel zwischen 5 und 15. Um 12:23 schließen wir die Tür, ich begrüße die Anwesenden, stelle die Klangschalen-App auf 12 Minuten und beginne anzuleiten.

Dabei lasse ich mich von dem führen, was sich zeigt. Im Mittelpunkt steht meist das „Außen fühlen“ in Form einer Reise durch den Körper. Wir beginnen bei den Füßen, spüren den Kontakt mit dem festen, stützenden Boden, erkunden die Friedlichkeit neutraler Körperregionen, geben der Anspannung in Schultern Raum, erspüren, wie es sich anfühlt, wenn sich Unterkiefer und Stirn entspannen, lauschen unserem Atem…

An einigen Tagen drängen jedoch die Geräusche des Schulalltags so in unsere Wahrnehmung, dass wir uns ihnen öffnen, „ganz Ohr werden“ und das „Außen hören“ praktizieren. Geschrei auf dem Schulhof, ploppende Basketbälle, Torjubel auf dem Fußballplatz. Gepolter auf dem Gang, die quietschende Durchgangstür vor unserem Raum … All dies wird Objekt unserer Meditation und wir zum Auge des Orkans.

Um 12:36 beenden drei Gongschläge die Praxis. Es folgen 4 Minuten Nachklang: Entweder wir sitzen schweigend und genießen die im wahrsten Sinne des Wortes andächtige Stille in der Gruppe – oder wir tauschen uns über die Praxis aus- 240 Sekunden oft ganz tiefer Einblicke in Seelen, geteilt von Lehrenden und Lernenden. Dann bedanken wir uns beieinander, verabschieden uns und gehen unserer Wege, die meist bis zum nächsten Klassenzimmer führen, wo 5 Minuten später die nächste Stunde beginnt.

Heute ist ein besonderer Tag. Die Friday for Future Demonstration am Brandenburger Tor zieht viele Schüler an und so sitze ich mit Moritz, einem lieben Kollegen allein. Wir sind beide erfahrene Meditierende und genießen die Minuten in Gemeinschaft schweigend. Anschließend erzählt er mir von einer „Außen hören“-Erfahrung. Ein eigenartiges Miteinander von Vogelwelt und pausierenden Schüler ist ihm aufgefallen. Solange die Pause im vollen Gang war und der Schulhof erfüllt von der lauten Energie junger Menschen, hörte er nur das Tschilpen der Spatzen. Dann, als die Menge sich zurück Richtung Gebäude orientierte und der Hof wieder zu einem Ort der Ruhe wurde, erlebte er diesen ganz besonderen Moment, als die Nachtigall wieder zu singen begann, erst ganz zaghaft und dann zunehmend selbstbewusst, wissend, dass es sich nun wieder lohnte, die Welt mit ihrem bezaubernden Lied zu erfüllen.

So war ich eben noch angestrengt, überfordert in dieser harten Abiturwoche mit ihren viel zu vielen Anforderungen und nun beginne ich zu lächeln, erfüllt von der Naturerfahrung des Kollegen.

DAS meine ich, wenn ich sage, dass Achtsamkeit Schule transformiert.

Pindo

Spirit Cove

Heute vor zwei Jahren starb mein Bruder in Sydney. Das Leben sorgte dafür, dass ich mit meiner Familie bei ihm sein durfte. Danke!

In meiner Trauer hilft mir die einfache, tiefe Weisheit von Thich Nhat Hanh:

Wir haben Angst vor dem Tod, 
wir haben Angst vor der Trennung,
wir haben Angst vor dem Nichts.
Wenn wir aber tief schauen,
erkennen wir den unaufhörlichen Wandel der Dinge
und verlieren allmählich unsere Angst.
Thich Nhat Hanh

Rest in peace, dear bro. You definitely know to choose places.

Pindo