Archiv der Kategorie: Familie

Transformierte Tartanbahn

Samstagmorgen, 8:20. Das Thermometer zeigt 2 Grad.

Was macht Papa auf dem Sportplatz, während Tochter sich auf das gleich beginnende Fußballspiel vorbereitet?

Die Tartanbahn auf einem Spaziergang als Schauplatz frühwinterlicher Naturkunst entdecken.

Pindo

Ich brauche keine Achtsamkeit, ich gehe ins Fitness-Studio … !?

Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen, Bekannten, Freunden über meine Faszination für Achtsamkeit spreche, erhalte ich ab und zu Reaktionen wie diese:
„Ich freue mich, dass du das gefunden hast und es dir gut tut. Aber ich finde, eigentlich ist das ja nichts Neues. Ich denke, dass ich ähnlich positive Erfahrungen mache, wenn ich … ins Fitness-Studio gehe, … mich bei einem guten Buch entspanne, … Musik höre, … Ich brauche so was nicht.“

Lange Zeit habe ich dem zugestimmt und darauf hingewiesen, dass ja tatsächlich viele Beschäftigungen Erfahrungen von Achtsamkeit ermöglichen können. Ein Pianist, der in der Interpretation seines Stückes aufgeht, gleichsam „zur Musik wird, die er spielt“, ist achtsam. Ebenso ein Sportler, der sich ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentriert, um genau jetzt die höchste Leistung abrufen zu können. Oder denken wir an den Leser, der sich in den Sog einer Romanhandlung begibt, so dass sein Geist für einen Moment aufhört, umher zu schweifen … Auch hier finden sich Elemente von Achtsamkeit.

Dennoch habe ich meine Meinung inzwischen geändert: Auch ich ging früher ins Fitness-Studio und fühlte mich dabei und danach immer sehr wohl. Natürlich tun wir uns etwas Gutes, wenn wir uns dorthin begeben. Und dennoch: Das Fitness-Studio bleibt ein Ort der Erholung VOM Alltag, VOM Stress, VON der Überanstrengung, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ganz anders dagegen die Achtsamkeit: In den Jahren meiner Praxis habe ich festgestellt, dass regelmäßiges Meditieren mir Momente des Innehaltens geschenkt hat, die viel mehr sind als bloße Auszeiten. Stattdessen verändern sie mein Leben selbst, im Kleinen wie im Großen.

Zur Erläuterung ein – eigentlich recht unspektakuläres – Beispiel:  Seit zwei Jahren backe ich jede Woche mindestens einmal aus den besten Zutaten selbst Brot. Diese dauerhafte Veränderung hat die folgenden Glücksmomente zu festen Bestandteilen meines Lebens werden lassen:

Mehl frisch mahlen und daran riechen,
mir voller Dankbarkeit vorstellen,
wie Sonne, Wasser, Erde
und die Arbeit eines Bauern
die Körner vor mir
hervorgebracht haben,
den Teig vorbereiten und spüren,
wie sich seine Konsistenz verändert,
auf meinen Unwillen im Körper achten, wenn
die Masse zu Beginn an den Fingern klebt,
Entspannung und Befriedigung aufsteigen lassen,
wenn er nach und nach dann doch
seine geschmeidige Konsistenz erhält,
Freude über meine Tochter,
die mit backen möchte und staunt, dass
der Teig sein Volumen in der Ruhezeit verdoppelt,
wahrnehmen, wie der
Duft des backenden Brotes langsam
aus dem Ofen in die Wohnung entweicht und
die Stimmung verändert,
das Geräusch der knusprigen Kruste
des noch warmen Brotes,
wenn ich sie durchschneide,
Geschmacksexplosionen auf dem Gaumen beim ersten Biss,
Freude beim Zubereiten der Schulbrote meiner Kinder,
wenn ich weiß, was genau ich ihnen da schenke
die Idee, das alles aufzuschreiben
als wär’s ein Gedicht und darüber
und über mich
zu lächeln.

Nein, Meditation ist doch mehr als ins Fitness-Studio zu gehen…

Pindo

Vom Sinn der Schatten

Eine der Maximen, die wir im MBSR-Kurs erfahren haben, lautet: „Bewahre den Geist des Anfängers.“

Welch ein Privileg haben wir Eltern doch, die wir unseren Kindern täglich dabei zusehen und zuhören können, wie sie  durch die Welt spazieren, erfüllt von genau diesem Geist.

Die erste Frage, die meine sechsjährige Tochter mir jüngst direkt nach dem Aufwachen stellte, lautete: „Papa, wozu sind eigentlich Schatten da?“

Warum hätte ich ihr leicht beantworten können, aber Wozu?

Pindo

Achtsamkeit im Familienleben: Der Familienrat

Unsere Töchter sind 5 und 7 Jahre alt. Zwei wunderbare, kluge, kreative und sehr sensible Wirbelwinde, mit eigenen Gedanken, einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und dem Anspruch, sich nicht nur von den Erwachsenen herum kommandieren zu lassen. Natürlich sorgt das immer mal wieder auch für gehörigen Konfliktstoff. Bei der Suche nach einem Ventil für unsere Auseinandersetzungen ist mir die Idee des Familienrates gekommen:

Im Familienrat sitzen wir zu viert gemeinsam auf dem große Teppich im Wohnzimmer. In der Mitte von uns steht eine Klangschale. Der Familienrat beginnt, indem eines der Kinder die Schale erklingen lässt und wir alle dem verhallenden Ton nach hören. Dieses gemeinsame Klangerlebnis bringt uns in eine ruhige und konzentrierte Haltung. Während des Rates dürfen alle Mitglieder sagen, was ihnen derzeit an unserem Zusammenleben gefällt, was sie stört oder einfach nur, was sie gerade beschäftigt. Die Regeln des Rates sind einfach: Jeder darf alles sagen. Niemand fällt dem anderen ins Wort. Keiner erhebt die Stimme. Am Ende des Rates steht wieder die Klangschale.

Wir Eltern nutzen den Rat, um Ankündigungen über wichtige Ereignisse zu machen, die unseren Alltag prägen. Außerdem äußern wir Kritik an Verhaltensweisen, die uns gerade nicht gefallen oder gehen nochmals auf einen Streit ein, der kürzlich für Spannung in der Familie gesorgt hat. Wir bringen aber auch immer Lob für etwas mit ein, das gerade besonders gut klappt. Den Kindern gefällt der Rat sehr. Sie fühlen sich ernst genommen und nutzen den Moment des ruhigen Zusammenseins, um auch selbst in ruhiger Form Dinge vorzubringen, die sie so nicht mögen.

Der Familienrat – eine achtsame Bereicherung unseres Familienlebens.

Pindo

Am Wendepunkt

Irgendwann blockierte die Tretmühle und meine allgemeine Unruhe schlug zunehmend in Aggression um. Als Beispiel hier ein beliebtes Machtspiel, das viele Eltern so oder ähnlich sicher kennen.  Beim Zähneputzen macht meine vierjährige Tochter ihren Mund nicht auf. Gutes Zureden hilft nicht, energisches Auffordern ignoriert sie ebenfalls souverän. Ich spüre, wie mein Blut in Wallung gerät. Als sie auch auf eine Drohung immer noch nicht reagiert, werde ich laut, hebe sie mit beiden Armen unsanft hoch und setze sie grob einen Meter weiter neben mir ab. Im nächsten Moment blicke ich in weit aufgerissene, angsterfüllte Augen, die sich mit Tränen füllen. Ich bin immer noch außer mir, gleichzeitig beschämt über das eigene Versagen und verlasse stumm und besiegt den Raum. Zehn Minuten später nehme ich sie in den Arm und entschuldige mich. Nun bin ich wütend auf mich, weil ich weiß, dass Momente wie diese Vertrauen zerstören können.

Auch im Umgang mit anderen Menschen reagierte ich in der Folgezeit immer wieder aggressiv. Ich, der Kontroll-Freak, verlor für Momente die Kontrolle über mich und mein Verhalten. Ich war am Wendepunkt – und irgendwann war klar, dass es so nicht weiter ging.

Pindo