Archiv der Kategorie: Literatur

Tropfen auf den heißen Stein

Ein Buch erreicht mich als Geburtstagsgeschenk. Darin sorgt gleich die erste Seite für starke Resonanz:

„Frühmorgens, als ich am Strand entlang ging, sah ich einen Jungen, der Seesterne aufhob, um sie ins Meer zurückzuwerfen. Warum machst du dir solche Mühe, fragte ich ihn. Sie vertrocknen doch sonst in der Sonne, gab er zurück. Aber da liegen doch noch Tausende – was nützt deine ganze Anstrengung! Der Junge schaute auf das Gebilde, das er in der Hand hielt und warf es ins Meer: Dem hier hat es genützt, sagt er.“

Moaña, Galicien, Winter 2014

Tropfen auf einen heißen Stein –
doch „steter Tropfen höhlt den Stein“.
Ich kann nicht die ganze Welt heil machen, und Weltverbesser gibt es genug.
Die meisten aber geben schnell wieder auf.
Der Junge tat’s nicht.

Laß mich in meiner kleinen Welt,
wie sie mir heute geschenkt ist,
besser machen, richtiger tun,
was mir zu tun aufgetragen ist.

Friedrich Dietz: Zwischen Zwölf und Mittag. Geschichten – Gedanken – Gebete, p. 7

Eine Geschichte, ein Gedanke, der hilft, auf Kurs zu bleiben, nicht aufzugeben in dieser lauten, keifigen, unübersichtlichen, leidenden Welt. Danke, liebe Monika.

Pindo

„Gib niemandem die Schuld“

Mal wieder ein Fang im Netz: Pablo Nerudas Gedicht No Culpes a Nadie. Die Übersetzung ist von mir, anschließend folgt das spanische Original.

Pindo

Gib niemandem und nichts die Schuld,
denn grundsätzlich hast du gemacht
was du in deinem Leben wolltest.

Akzeptiere, dass es schwierig ist, dich selbst zu erbauen
und dass du Mut brauchst, willst du damit beginnen, dich zu korrigieren.
Der Triumph des wahren Menschen erhebt sich aus
der Asche seiner Fehler.

Beschwer dich nicht über deine Einsamkeit oder dein
Schicksal, geh es mit Mut an, akzeptiere es.
Auf die eine oder andere Weise ist es das Resultat 
deines Handelns und zeigt, dass du immer
gewinnen wirst.

Verbittere nicht wegen deines eigenen Scheiterns und
wirf es niemandem vor, akzeptiere es jetzt
oder du wirst dich immer weiter rechtfertigen wie ein Kind.
Denk daran, dass jeder Moment gut ist
um zu beginnen und keiner
so schrecklich, dass du aufgeben müsstest.

Vergiss nicht: die Ursache deiner Gegenwart
ist deine Vergangenheit und so wird die Ursache deiner
Zukunft deine Gegenwart sein.

Lern von den Kühnen, den Starken,
von denen, die Situationen nicht akzeptieren, die leben, trotz allem,
denk weniger an deine Probleme und mehr an deine Arbeit
und, ohne dass du sie beseitigst, werden deine Probleme sterben.

Lern, dich aus dem Schmerz zu gebären und
größer zu sein als das größte deiner
Hindernisse, schau dich im Spiegel an
und du wirst frei sein und stark und nicht mehr
eine Marionette der Umstände, weil du
selbst dein Schicksal sein wirst.

Erheb dich und sieh die Sonne am Morgen,
atme das Licht des Tagesanbruchs.
Du bist Teil der Kraft des Lebens,
wach auf jetzt, kämpf, lauf, entscheide dich
und du wirst triumphieren im Leben; denk niemals
daran, ob du Glück hast; denn Glück ist:
die Ausrede der Gescheiterten.

Und hier das sprachgewaltige Original:

Nunca te quejes de nadie, ni de nada,
porque fundamentalmente tú has hecho
lo que querías en tu vida.

Acepta la dificultad de edificarte a ti
mismo y el valor de empezar corrigiéndote.
El triunfo del verdadero hombre surge de
las cenizas de su error.

Nunca te quejes de tu soledad o de tu
suerte, enfréntala con valor y acéptala.
De una manera u otra es el resultado de
tus actos y prueba que tú siempre
has de ganar.

No te amargues de tu propio fracaso ni
se lo cargues a otro, acéptate ahora o
seguirás justificándote como un niño.
Recuerda que cualquier momento es
bueno para comenzar y que ninguno
es tan terrible para claudicar.

No olvides que la causa de tu presente
es tu pasado así como la causa de tu
futuro será tu presente.

Aprende de los audaces, de los fuertes,
de quien no acepta situaciones, de quien
vivirá a pesar de todo, piensa menos en
tus problemas y más en tu trabajo y tus
problemas sin eliminarlos morirán.

Aprende a nacer desde el dolor y a ser
más grande que el más grande de los
obstáculos, mírate en el espejo de ti mismo
y serás libre y fuerte y dejarás de ser un
títere de las circunstancias porque tu
mismo eres tu destino.

Levántate y mira el sol por las mañanas
y respira la luz del amanecer.
Tú eres parte de la fuerza de tu vida,
ahora despiértate, lucha, camina, decídete
y triunfarás en la vida; nunca pienses en
la suerte, porque la suerte es:
el pretexto de los fracasados.

 

Pablo Neruda

Bucay und Brecht und Haifische und Arbeitsaufträge

Jorge Bucay, der argentinische Gestalttherapeut und Geschichtenerzähler wird immer mehr zu einem festen Begleiter auf meinem Weg. In seinem Buch der Weisheit finde ich eine der Kalendergeschichten von Bertolt Brecht wieder:

„Wenn die Haifische Menschen wären“, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ „Sicher“, sagte er. „Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden dafür sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitärische Maßnahmen treffen, wenn z.B. ein Fischlein sich die Flosse verletzten würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden z.B. Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo rumliegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freiwillig aufopfert, und sie alle an die Haifische glauben müssten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müssten sich die Fischlein hüten, und es sofort melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sich bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und könnten einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein, tötete, würden sie Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen würden auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln lässt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, dass die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in der allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es ja, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würden lehren, dass die Fischlein erst im Bauche der Haifische richtig zu leben
begännen. Übrigens würde es auch aufhören, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren fressen. Dies wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten innehabenden Fischlein würden für die Ordnung unter denn Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau werden. Kurz, es gäbe erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.“

BERTOLT BRECHT

Vermutlich wurde mir die Geschichte in meiner eigenen Schulzeit kredenzt. Der Inhalt ist mir unbewusst vertraut. Auch heute scheint sie noch zum Kanon zu gehören. Jedenfalls fiel mir im Netz ein Arbeitsblatt ins Auge, mit dem die Haifische heutigen Schülern nahe gebracht werden. Es enthält einen einzigen Arbeitsauftrag.

Was meinen Sie? Welchen Arbeitsauftrag würden Sie Lernenden stellen, um ihnen einen ersten Zugang zu Brechts Gedanken zu ermöglichen?

Wenn Sie mögen, schließen Sie einen Moment die Augen und überlegen, bevor Sie weiter lesen…

Der Arbeitsauftrag, den ich gefunden habe, lautet …

Bitte unterstreichen Sie alle Konjunktive.

Yes! I just LOVE my profession.

Pindo