Archiv der Kategorie: Poesie

Die Reise – revisited

Beim Schmökern in alten Blogeinträgen bin ich auf dieses Gedicht von Mary Oliver gestoßen. Auch nach 5 Jahren inspiriert und ermutigt es mich sehr. Deswegen nun hier noch einmal…

Die Reise

Eines Tages wusstest du endlich,
was zu tun war, und hast begonnen,
obwohl die Stimmen um dich herum
dir weiter ihren schlechten Rat zuriefen –
obwohl das ganze Haus
zu zittern begann
und du wieder spürtest
wie etwas an deinen Knöcheln zog.
„Mach mein Leben besser!“
riefen sie alle.

Aber du bist nicht stehen geblieben.
Du wusstest, was du zu tun hattest,
obwohl der Wind
mit seinen steifen Fingern
an den tiefsten Fundamenten rüttelte,
obwohl ihre Trauer
so schrecklich war.
Es war schon spät
genug, und eine stürmische Nacht,
und der Weg war voll von herabgefallenen
Zweigen und Steinen.

Aber Schritt für Schritt,
während du ihre Stimmen hinter dir ließest,
begannen die Sterne
durch die Wolkendecke zu glühen,
und da war eine neue Stimme,
die du langsam
als deine eigene erkanntest,
die bei dir blieb,
als du tiefer und tiefer
in die Welt gingst,
dazu bestimmt,
das einzige zu tun, was du tun konntest –
dazu bestimmt,
das einzige Leben zu retten, das du retten konntest.

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The Journey
One day you finally knew
what you had to do, and began,
though the voices around you
kept shouting
their bad advice –
though the whole house
began to tremble
and you felt the old tug
at your ankles.
„Mend my life!“
each voice cried.

But you didn’t stop.
You knew what you had to do,
though the wind pried
with its stiff fingers
at the very foundations,
though their melancholy
was terrible.
It was already late
enough, and a wild night,
and the road full of fallen
branches and stones.

But little by little,
as you left their voices behind,
the stars began to burn
through the sheets of clouds,
and there was a new voice
which you slowly
recognized as your own,
that kept you company
as you strode deeper and deeper
into the world,
determined to do
the only thing you could do –
determined to save
the only life you could save.

Mary Oliver

Ein Sprung in jedem Ding

Heute mal wieder Leonard Cohen gelauscht und an seiner Anthem hängen geblieben. Hier mein Versuch einer Übertragung ins Deutsche.

Für mich atmet die Hymne viel von Cohens Meditationserfahrungen. Die Jahre im Zen-Kloster strömen durch jede Zeile. Ich hoffe die Übertragung findet Gefallen. Anschließend zitiere ich das Original.

Pindo

 HYMNE
Die Vögel sie sangen
Zum Anbruch des Tages
Beginn von vorn
Das hört ich sie sagen
Verharr nicht bei
Vergangenem
Oder dem das noch nicht ist
 
Ja, Kriege, sie werden aufs Neue gekämpft
Die heil‘ge Taube
wieder gefangen sein
Gekauft und verkauft
Und wieder gekauft
Die Taube
Und niemals frei
 
Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Genau da kann das Licht herein.
 
Wir baten um Zeichen
Sie wurden gesandt
Geburten verraten
Und Ehen verschwendet
Ja, die Witwenschaft
ein jeder Regierung
Ist Zeichen für alle zu sehen
 
Ich kann nicht mehr laufen
Mit gesetzlosen Meuten
Während die Mörder da oben
Gebete posaunen
Aber sie hab'n sie erzeugt
Die Gewitterwolke
Und sie werden von mir hören
 
Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Genau da kann das Licht herein.
 
Du kannst die Teile zusammenzähl‘n
Und wirst doch keine Summe seh‘n
Du kannst zum Marsche blasen
Da ist aber keine Trommel
Jedes Herz zu lieben wird kommen
Aber wie einer auf der Flucht

Läutet die Glocken die noch läuten
Vergesst Euer vollkomm‘nes Opfer
Da ist ein Sprung in jedem Ding
Und genau da kann das Licht herein.
ANTHEM

The birds they sang
At the break of day
Start again
I heard them say
Don't dwell on what
Has passed away
Or what is yet to be
Yeah the wars they will
Be fought again
The holy dove
She will be caught again
Bought and sold
And bought again
The dove is never free
Ring the bells (ring the bells) that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
We asked for signs
The signs were sent
The birth betrayed
The marriage spent
Yeah the widowhood
Of every government
Signs for all to see
I can't run no more
With that lawless crowd
While the killers in high places
Say their prayers out loud
But they've summoned, they've summoned up
A thundercloud
And they're going to hear from me
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
You can add up the parts
You won't have the sum
You can strike up the march
There is no drum
Every heart, every heart to love will come
But like a refugee
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
Ring the bells that still can ring (ring the bells that still can ring)
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything (there is a crack in everything)
That's how the light gets in
That's how the light gets in
That's how the light gets in
 

„Gib niemandem die Schuld“

Mal wieder ein Fang im Netz: Pablo Nerudas Gedicht No Culpes a Nadie. Die Übersetzung ist von mir, anschließend folgt das spanische Original.

Pindo

Gib niemandem und nichts die Schuld,
denn grundsätzlich hast du gemacht
was du in deinem Leben wolltest.

Akzeptiere, dass es schwierig ist, dich selbst zu erbauen
und dass du Mut brauchst, willst du damit beginnen, dich zu korrigieren.
Der Triumph des wahren Menschen erhebt sich aus
der Asche seiner Fehler.

Beschwer dich nicht über deine Einsamkeit oder dein
Schicksal, geh es mit Mut an, akzeptiere es.
Auf die eine oder andere Weise ist es das Resultat 
deines Handelns und zeigt, dass du immer
gewinnen wirst.

Verbittere nicht wegen deines eigenen Scheiterns und
wirf es niemandem vor, akzeptiere es jetzt
oder du wirst dich immer weiter rechtfertigen wie ein Kind.
Denk daran, dass jeder Moment gut ist
um zu beginnen und keiner
so schrecklich, dass du aufgeben müsstest.

Vergiss nicht: die Ursache deiner Gegenwart
ist deine Vergangenheit und so wird die Ursache deiner
Zukunft deine Gegenwart sein.

Lern von den Kühnen, den Starken,
von denen, die Situationen nicht akzeptieren, die leben, trotz allem,
denk weniger an deine Probleme und mehr an deine Arbeit
und, ohne dass du sie beseitigst, werden deine Probleme sterben.

Lern, dich aus dem Schmerz zu gebären und
größer zu sein als das größte deiner
Hindernisse, schau dich im Spiegel an
und du wirst frei sein und stark und nicht mehr
eine Marionette der Umstände, weil du
selbst dein Schicksal sein wirst.

Erheb dich und sieh die Sonne am Morgen,
atme das Licht des Tagesanbruchs.
Du bist Teil der Kraft des Lebens,
wach auf jetzt, kämpf, lauf, entscheide dich
und du wirst triumphieren im Leben; denk niemals
daran, ob du Glück hast; denn Glück ist:
die Ausrede der Gescheiterten.

Und hier das sprachgewaltige Original:

Nunca te quejes de nadie, ni de nada,
porque fundamentalmente tú has hecho
lo que querías en tu vida.

Acepta la dificultad de edificarte a ti
mismo y el valor de empezar corrigiéndote.
El triunfo del verdadero hombre surge de
las cenizas de su error.

Nunca te quejes de tu soledad o de tu
suerte, enfréntala con valor y acéptala.
De una manera u otra es el resultado de
tus actos y prueba que tú siempre
has de ganar.

No te amargues de tu propio fracaso ni
se lo cargues a otro, acéptate ahora o
seguirás justificándote como un niño.
Recuerda que cualquier momento es
bueno para comenzar y que ninguno
es tan terrible para claudicar.

No olvides que la causa de tu presente
es tu pasado así como la causa de tu
futuro será tu presente.

Aprende de los audaces, de los fuertes,
de quien no acepta situaciones, de quien
vivirá a pesar de todo, piensa menos en
tus problemas y más en tu trabajo y tus
problemas sin eliminarlos morirán.

Aprende a nacer desde el dolor y a ser
más grande que el más grande de los
obstáculos, mírate en el espejo de ti mismo
y serás libre y fuerte y dejarás de ser un
títere de las circunstancias porque tu
mismo eres tu destino.

Levántate y mira el sol por las mañanas
y respira la luz del amanecer.
Tú eres parte de la fuerza de tu vida,
ahora despiértate, lucha, camina, decídete
y triunfarás en la vida; nunca pienses en
la suerte, porque la suerte es:
el pretexto de los fracasados.

 

Pablo Neruda

Liebes 2019

Haben Sie auch Vorsätze für das neue Jahr? Heute erreichte mich der Brief eines „Ich“ an das neue Jahr, der mich inspiriert hat. Er entstammt  dem Newsletter der sehr gut gemachten Achtsamkeits-App Calm. Die deutsche Fassung stammt von mir:

Liebes 2019,
ich werde die neugierigste,
couragierteste Version meiner selbst zeigen
die es je gegeben hat.

Ich werde im strömenden Regen stehen
aus purer Freude,
streben nach Albernheit und Abendröte,
weise wandern und selig schlafen.

Dieses Jahr werde ich leben und lieben,
wild und warm, wie ein Feuer
In Liebe
Ich.

Hier das englische Original:

Dear 2019,
I will bring the most curious,
courageous version of me
there ever has been.

I will stand in pouring rain
for the joy of it,
seek out silliness and sunsets,
walk wisely and sleep soundly.

This year, I will live and love,
fierce and warm, like a fire.

Love,
Me.

Ich wünsche Ihnen ein Jahr der Fülle. Mögen Sie gesund sein – und sicher – und glücklich – und achtsam.

Pindo

Blindheit als Geschenk und Nahrung für Helden

Heute morgen nahm ich ein Buch zur Hand, in das ich sicher 15 Jahre keinen Blick mehr geworfen hatte: The Art of the Personal Essay, ein Relikt aus meiner Zeit als Student der Anglistik. Ich öffnete es spontan an einer beliebigen Stelle und landete in einem Aufsatz des großen argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges mit dem Titel Blindness.

Borges reflektiert in dem Text sein persönliches Schicksal: Bereits als junger Mann sah er schlecht und verlor im Laufe seines Lebens immer mehr an Sehfähigkeit. Bereits völlig erblindet wurde er – Ironie des Schicksals – zum Direktor der Nationalbibliothek von Argentinien ernannt.

An einer Stelle beschäftigt sich Borges mit einem Gedanken Rudolf Steiners:

I remembered a sentence from Rudolf Steiner (…) He said that when something ends, we must think that something begins. His advice is salutory, but the execution is difficult, for we only know what we have lost, not what we will gain. We have a very precise image – an image at times shameless – of what we have lost, but we are ignorant of what may follow or replace it.

Hier meine Übersetzung:

Ich erinnerte mich an einen Satz von Rudolf Steiner. Er sagte, dass wenn etwas endet, wir daran denken sollten, dass etwas beginnt. Sein Rat ist begrüßenswert, aber die Umsetzung ist schwierig. Denn wir wissen nur, was wir verloren haben, nicht was wir gewinnen werden. Wir haben ein sehr präzise Bild – manchmal ein schamloses Bild – von dem, was wir verloren haben, aber wir haben keine Ahnung, was folgen oder es ersetzen wird.

Borges bietet hier eine sehr überzeugende Erklärung, warum es uns so schwer fällt, das loszulassen, was sich im Leben unweigerlich verändert. Im Aufsatz demonstriert er dann an vielen Beispielen, welche Vielfalt, welches Glück seine Erblindung in sein Leben gebracht hat. Und er zieht das folgende Fazit:

A writer, or any man, must believe that whatever happens to him is an instrument; everything has been given for an end. This is even stronger in the case of the artist. Eveything that happens, including humiliations, embarassments, misfortunes, all has been given like clay, like material for one’s art. One must accept it. For this reason I speak in a poem of the ancient food of heroes: humiliation, unhappiness, discord. Those things are given to us to transform, so that we may make from the miserable circumstances of our lives things that are eternal, or aspire to be so.

If a blind man thinks this way, he is saved. Blindness is a gift.

Hier nochmals meine Übertragung:

Ein Schriftsteller, oder eigentlich jeder Mensch, muss glauben, dasss, was auch immer ihm passiert, ein Werkzeug ist. Alles, was passiert, einschließlich der Demütigungen, Peinlichkeiten, Missgeschicke, alles ist uns gegeben wie Ton, wie Material für unsere Kunst. Man muss es akzeptieren. Deswegen spreche ich in einem Gedicht von der uralten Nahrung für Helden: Demütigung, Unglück, Zwietracht. Diese Dinge werden uns gegeben, um uns zu transformieren,  damit wir aus den armseligen Umständen unseres Lebens Dinge schaffen, die ewig sind, oder zumindest danach streben.

Wenn ein blinder Mensch so denkt, ist er gerettet. Blindheit ist ein Geschenk.

In mir erhob sich darauf die Frage:  Welches ist eigentlich mein persönliches Geschenk? Woraus besteht meine ganz eigene Heldennahrung?

Pindo

Still sein – Callarse – von Pablo Neruda

Ein Gedicht von Pablo Neruda über die Stille, das mir in englischer Sprache ins Netz ging, zog mich in seinen Bann. Ich suchte das spanische Original und versuchte mich dann an der folgenden deutschen Übersetzung. Anschließend kommt der Meister selbst zu Wort.

Pindo

STILL SEIN
(Pablo Neruda)

Jetzt zählen wir bis zwölf
und wir sind alle still.
Ein einziges Mal auf der Erde
sprechen wir in keiner Sprache,
für eine Sekunde mögen wir inne halten,
nicht so die Arme bewegen.

Es wäre eine Minute voller Duft,
ohne Eile, ohne Lokomotiven,
wir wären alle beieinander
in plötzlicher Unruhe.

Die Fischer des kalten Meers
täten den Walen nichts an
und der Arbeiter im Salz
blickte auf seine kaputten Hände.

Die grüne Kriege vorbereiten,
Kriege von Gas, Kriege von Feuer
Siege ohne Überlebende
zögen sich einen reinen Anzug an
und liefen mit ihren Brüdern
im Schatten, ohne etwas zu tun.

 Möge man das was ich will nicht verwechseln
mit endgültigem Nichtstun:
das Leben ist nur was man macht,
ich will nichts mit dem Tod.

Wenn wir nicht einig sein konnten
während wir unsere Leben so bewegten,
vielleicht einmal nichts tun
vielleicht eine große Stille könnte
diese Traurigkeit durchbrechen
dieses uns nie verstehen
und uns mit dem Tod bedrohen,
vielleicht lehrte uns die Erde
wenn alles tot scheint
und dann doch alles lebendig war.

Jetzt zähle ich bis zwölf
und du bist still und ich gehe.

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CALLARSE
(Pablo Neruda)

Ahora contaremos doce
y nos quedamos todos quietos.
Por una vez sobre la tierra
no hablemos en ningun idioma,
por un segundo detengamonos,
no movamos tanto los brazos.

Seria un minuto fragante,
sin prisa, sin locomotoras,
todos estariamos juntos
en una inquietud instantanea.

Los pescadores del mar frio
no harian danio a las ballenas
y el trabajador de la sal
miraria sus manos rotas.

Los que preparan guerras verdes,
guerras de gas, guerras de fuego,
victorias sin sobrevivientes,
se pondrian un traje puro
y andarian con sus hermanos
por la sombra, sin hacer nada.

No se confunda lo que quiero
con la inaccion definitiva:
la vida es solo lo que se hace,
no quiero nada con la muerte.

Si no pudimos ser unanimes
moviendo tanto nuestras vidas,
tal vez no hacer nada una vez,
tal vez un gran silencio pueda
interrumpir esta tristeza,
este no entendernos jamas
y amenazarnos con la muerte,
tal vez la tierra nos ensenie
cuando todo parece muerto
y luego todo estaba vivo.

Ahora contare hasta doce
y tu te callas y me voy.

Als Bäume werden wir sanfter sein

Mit Hilde Domins LICHTINSEL begann mein Tag heute. Nachmittags kam mir das Gedicht dann wieder in den Sinn, als Zeuge des sanften Miteinanders von Eiche und Birke am Sakrower See.

PINDO

LICHTINSEL

Mein Schatten
der schmalste einsamste
unter den Toten

Auf der Lichtinsel
streunend
herrenlos

Vielleicht
diese Scharen
vielleicht
unter ihnen
wir
neu ausgesät

Als Bäume
werden wir sanfter sein

Vielleicht
als Bäume