Archiv der Kategorie: Poesie

„…die tausend Lieder der Welt singen“

Hermann Hesse erzählt in seinem Märchen Flötentraum von einem jungen Mann, der in die Welt zieht, um die Menschen mit Flöte und Gesang zu erfreuen. Beim Wandern lauscht er den Geräuschen der Natur und macht eine mystische Erfahrung, die Hesse in die folgende, wunderbaren Worte fasst:

… und der Wald sprach fein und kühl vom Berg herunter: ich war noch nie so vergnügt gewandert. Einge ganze Weile sang ich munter zu, bis ich aufhören musste vor lauter Fülle; es war allzu vieles, was vom Tal und vom Berg und aus Gras und Laub und Fluss und Gebüschen zusammenrauschte und erzählte. Da musste ich denken: wenn ich all diese tausend Lieder der Welt zugleich verstehen und singen könnte, von Gräsern und Blumen und Menschen und Wolken und allem, vom Laubwald und vom Föhrenwald und auch von allen Tieren, und dazu noch alle Lieder der fernen Meere und Gebirge und die der Sterne und Monde und wenn all das zugleich in mir innen tönen und singen könnte, dann wäre ich der liebe Gott und jedes neue Lied müsste als ein Stern am Himmel stehen.
Hermann Hesse, Flötentraum

Pindo

„Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden“ …

Gestern ein ruhiger Tag mit der Familie im Wald.
Buchen, Linden, Eichen, Schluchten, Spechte, Kobolde, Vogelgesang, Holzofenbrot und ein Schlossgespenst an der Burg Rabenstein im hohen Fläming. Ein zauberhafter Ort.
Auf dem Weg ins Tal entstehen Fotos. Wir kommen an einer Tafel vorbei, die ein Gedicht von Erich Kästner darbietet:

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.

 

Pindo

„Nach einer Weile“ … ein Fundstück im Facebookstrom

Ja, auch Facebook kann eine Quelle der Inspiration sein, wenn auch eine gefährliche, da sie dich leicht mitreißt in einen Fluss aus Informationen, Meinungen, Emotionen zu allen wichtigen und weniger wichtigen Aspekten im Leben so vieler Menschen, die du in dieser digitalen Parallelwelt zu deinen Freunden ernannt hast.

Gestern jedenfalls fand ich im Mitteilungsstrom meiner Facebook-Freundin C.D. ein wunderbares spanisches Gedicht von Veronica Shoffstall. Die ursprüngliche Fassung ist in englischer Sprache im Jahr 1971 entstanden und heißt AFTER A WHILE.

Das lyrische Ich ist zwar weiblich. Für mich sind die Zeilen jedoch ein Ausdruck allgemein menschlicher Erfahrung und Weisheit.

Ich finde, das Werk passt gut ins Gedankenmosaik dieses Blogs. Deswegen habe ich es kurzerhand ins Deutsche übersetzt. Ich hoffe, die Schönheit des Originals kommt ansatzweise zum Ausdruck.

Pindo

Nach einer Weile lernst du
dass es ein feiner Unterschied ist
ob du eine Hand hältst oder eine Seele ankettest
und du lernst
dass Lieben nicht Anlehnen meint
und Gesellschaft nicht immer Sicherheit
Und du beginnst zu lernen
dass Küsse keine Kontrakte sind
und Geschenke keine Gelöbnisse
und du beginnst deine Niederlagen zu akzeptieren
mit erhobenem Kopf und nach vorne gerichteten Augen
mit der Würde einer Frau, nicht der Trauer eines Kindes
und du lernst
all deine Straßen auf das Heute zu bauen
weil der Boden des Morgen
zu unsicher ist für Pläne
und Zukünfte es an sich haben
mitten im Flug abzustürzen.
Nach einer Weile lernst du
dass sogar Sonnenschein brennt
wenn du zu viel davon bekommst
so pflanzt du deinen eigenen Garten
und schmückst deine eigene Seele
anstatt auf jemanden zu warten,
der dir Blumen bringt.
Und du lernst dass du wirklich etwas aushalten kannst
du wirklich stark bist
wirklich etwas wert bist
und du lernst
und du lernst
mit jedem Abschied, lernst du…

Veronica Shoffstall

… bist du der Brunnenstein

Mal wieder eine Entdeckung bei Meister Rilke:

Wir hören seit lange die Brunnen mit.
Sie klingen uns beinah wie Zeit.
Aber sie halten viel eher Schritt
mit der wandelnden Ewigkeit.

Das Wasser ist fremd und das Wasser ist dein,
von hier und doch nicht von hier.
Eine Weile bist du der Brunnenstein,
und es spiegelt die Dinge in dir.

Rainer Maria Rilke (1872-1926)

Todo cambia – Alles ändert sich

Gestern war der letzte Schultag meiner Abiturienten. Den Schülerinnen und Schülern meines Leistungskurses Spanisch habe ich zum Abschied und zum Abschluss einer Lebensphase ein Lied geschenkt. Es heißt TODO CAMBIA – ALLES ÄNDERT SICH und ist von Mercedes Sosa (1935-2009), der vielleicht größten Sängerin Lateinamerikas.

Mercedes Sosa singt darin ein Gedicht des chilenischen Dichters Julio Numhauser über die Veränderlichkeit als einzige Konstanz im Leben, den Schmerz und die Heimatliebe des Exilanten, und auch über die Hoffnung  auf eine künftige politische Änderung, aufsteigend aus dem Wissen um das universale Gesetz der Veränderlichkeit.

Hier das Lied in zwei Fassungen. Zunächst die Studioversion, die die ganze Schönheit des Gesangs wiedergibt. Anschließend ein Konzertmitschnitt aus der späten Schaffensphase der Sosa. In sich ein Dokument der Änderung und zugleich Zeugnis der Freude und Liebe, die Musik im Menschen auslösen kann. Unter den Videos folgt meine eigene Übersetzung.

Pindo

 

Es ändert sich das Oberflächliche

Es ändert sich auch das Profunde

Es ändert sich die Art zu Denken

Es ändert sich alles in dieser Welt

Es ändert sich das Klima mit den Jahren

Es ändert der Schäfer seine Herde

Und so wie sich alles ändert,

Ändere auch ich mich, wen wundert es

Es ändert der feinste Brillant

Wenn er von Hand zu Hand geht seinen Glanz

Es ändert sein Nest der Vogel

Es ändert seine Empfindungen der Liebende

Es ändert die Richtung der Wanderer

Auch wenn es ihm Schmerz bereitet

Und so wie sich alles ändert,

Ändere auch ich mich, wen wundert es.

Es ändert sich alles, alles ändert sich

Es ändert sich alles, alles ändert sich

Es ändert sich der Lauf der Sonne,

Während die Nacht da ist

Es ändert sich die Pflanze

und zieht sich grün an im Frühling

Es ändert sein Fell das wilde Tier

Es ändert sein Haar der Greis

Und so wie sich alles ändert,

Ändere auch ich mich, wen wundert es.

Aber es ändert sich nicht meine Liebe,

Möge ich auch weit fort sein

Noch die Erinnerung oder

Der Schmerz meines Volkes

Und meiner Leute

Was sich gestern geändert hat,

Muss sich morgen wieder ändern

So wie ich mich ändere

Hier, weit entfernt

Es ändert sich alles, alles ändert sich

Es ändert sich alles, alles ändert sich

Aber es ändert sich nicht meine Liebe

Die Liebe selbst

Ein Moment der Erleuchtung, in den wunderbaren Worten von Leonard Cohen:

LOVE ITSELF

The light came through the window,
Straight from the sun above,
And so inside my little room
There plunged the rays of Love.

In streams of light I clearly saw
The dust you seldom see,
Out of which the Nameless makes
A Name for one like me.

I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love Itself
Love Itself was gone.

All busy in the sunlight
The flecks did float and dance,
And I was tumbled up with them
In formless circumstance.

I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love Itself
Love Itself was gone.

Then I came back from where I’d been.
My room, it looked the same –
But there was nothing left between
The Nameless and the Name.

All busy in the sunlight
The flecks did float and dance,
And I was tumbled up with them
In formless circumstance.

I’ll try to say a little more:
Love went on and on
Until it reached an open door –
Then Love itself,
Love Itself was gone.
Love Itself was gone.

Leonard Cohen, Ten New Songs, 2001