Archiv der Kategorie: Schule

Die Bedeutung von Musik – und von Stille

Im Zeitmagazin vom 22.8.19 bin ich auf ein inspirierendes Interview mit dem Dirigenten Christoph Eschenbach gestoßen. Darin erzählt er unter anderem, wie ihn ein furchtbares Kindheitstrauma für lange Zeit vollkommen verstummen ließ. Und wie ihn die Musik dann wieder zum Sprechen brachte.

Besonders beeindruckt haben mich ein paar Sätze zur Bedeutung von Stille und Konzentration:

Was bedeutet Ihnen Stille?

Alles wird aus der Stille geboren in dieser lauten Welt. Stille ist unglaublich notwendig für Konzentration, Denken und Fühlen. Dafür müssen Sie sich zurückziehen. Stille hat auch sehr viel mit Spannung zu tun. Am Ende eines Stückes muss ein Raum entstehen, wo etwas nachwirkt und nicht zerklatscht wird. Das kommt auch aus dem Zentrum. Man muss wahnsinnig kontrolliert sein mit dem Atem. Sonst kann man die Stille nicht regieren.

Konzentration scheint für Sie besonders wichtig zu sein.

Ja , im wörtlichen Sinne, „Kon“ und „Zentrum“, So dirigiere ich, aus dem Zentrum heraus in die Bewegung. Diese Körperlichkeit beim Dirigieren ist mit dem Atem verbunden. Sie setzt sich durch den Atem im Orchester fort, und dann bekomme ich den Schwung von Atem wieder zurück. Das ist fast wie Ballett.

Mich fasziniert der Werkstattbericht dieses großen Künstlers. Und er bestärkt mich, meine Schülerinnen und Schüler immer wieder aufs Neue mit Stille und Konzentration, diesen ihnen recht unbekannten und teilweise auch negativ besetzten Konzepten zu konfrontieren.

So auch vergangene Woche, in der ersten Stunde eines Achtsamkeitstrainings für meine neue 9. Klasse. Nach einer kurzen Einführung und einer sechsminütigen Meditation mit dem Fokus „Außen Fühlen“, beendete ich die Einheit mit dem Klangstab. Gemeinsam lauschten wir dem verhallenden Glockenton und da war er, dieser „Raum, wo etwas nachwirkt und nichts zerklatscht wird“. Keiner hatte das Bedürfnis zu sprechen. Die Schüler waren regelrecht ergriffen von diesem Moment der Ruhe, des Durchatmens, des Verbundenseins, den wir uns gemeinsam geschaffen hatten, mitten im profanen Getöse des Schulalltags.

Die Früchte der Achtsamkeit sind oft spektakulär unspektakulär.

Pindo

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Nach sieben Jahren Achtsamkeitsarbeit in der Schule bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass diese besondere Spielart von Aufmerksamkeit uns einen wichtigen, wenn nicht den Schlüssel für die notwendige Transformation von Schule geben kann.

Nur, wie benutzen wir ihn am besten? Alle, die in der Schule arbeiten, wissen, mit wie viel Widerstand wir „in der Wagenburg“ auf die Experten von außen reagieren, die uns wieder mal erklären, wie wir unseren Beruf zu erledigen haben.

Und der Widerstand ist auch verständlich: In den vergangenen Jahren sind leider viel zu viele Borstenviecher durch die Schuldörfer getrieben worden. Die nächsten machen sich gerade im Rahmen des Digitalisierungspaktes startklar.

Die Folge dieser Erfahrungen ist, dass es auch externe Achtsamkeitstrainer*innen schwer haben wenn sie zu uns in die Schulen kommen. Und selbst, wenn sie ihren Job großartig machen bleibt die zweite Frage: Was bleibt, wenn sie wieder fort sind? Wie münden die wichtigen Impulse in nachhaltige Veränderungen?

Daher bin ich überzeugt: Wenn nicht wir Lehrer*innen und Erzieher*innen unsere Haltung verändern und den Impuls geben für eine Veränderung des Systems von innen heraus, wird gar nichts passieren. Entscheidend beeinflusst hat mich darin die langjährige, inspirierende Kooperation mit Sabine Heggemann von Fokus Achtsamkeit in Lüneburg, bei der ich Mind the Music kennen gelernt habe, diesen wunderbaren Ansatz, der Achtsamkeit mit Musik schülerkompatibel macht. (Weiterführendes hier.)

Kürzlich erschien nun ein Buch, das das Zeug hat, zu einer Bibel für uns achtsamkeitsinteressierte Lehrer*innen in Schulen zu werden: WACHE SCHULE: MIT ACHTSAMKEIT ZU RUHE UND PRÄSENZ.

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Die Autorin Susanne Krämer arbeitet am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig, wo sie seit 2013 Lehramtsstudent*innen mit Achtsamkeit als Grundlage für gelingende Kommunikation vertraut macht.

In der Einleitung zu WACHE SCHULE formuliert Susanne Krämer ihr Anliegen: Sie möchte den „Duft der Praxis“ vermitteln.

Es geht um alltagstaugliche Übungen, die Ihnen ermöglichen eigene Erfahrungen zu machen. Nur was Sie selbst kennenlernen, was Sie am „eigenen Leibe“ erfahren, wird Spuren in Ihrem Denken und Verhalten hinterlassen. Kommen Sie selbst auf den Geschmack! Oder wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther es formuliert: „Haltungen kann man nur verändern, indem man das verändert, was die Haltung hervorgebracht hat, nämlich die Erfahrung – Haltungen sind das Ergebnis von Erfahrung, sie bestimmen ganz entscheidend darüber, wie Menschen die Welt und das Geschehen um sie herum bewerten.“ (Krämer 2019: 14)

Und um Haltung geht es zuallererst. Denn: „Ihre eigene authentische Haltung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, Achtsamkeit in die Schule zu bringen – wach zu werden für eine neue (Schul-)Kultur des Miteinanders (Krämer 2019: ebd).

WACHE SCHULE hat zwei Teile. In Teil 1 erhalten Lehrkräfte Hilfestellung dabei „DIE HALTUNG DER ACHTSAMKEIT“ einzuüben. Hier die zentralen Bausteine dieses Fundaments aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Bewusst im Hier und Jetzt
  • Der Übungsweg
  • Lernort Schule: Umgang mit schwierigen Emotionen
  • Stress lass nach – Entwicklung von Resilienz
  • Wohlbefinden – das Herzstück der Achtsamkeitspraxis
  • Empathie und Mitgefühl – die Schule des Herzens
  • Humor – eine Lebenskunst
  • Kommunikation
  • Netzwerke bilden – sich in der Praxis unterstützen.

Teil 2 gibt unter dem Titel ACHTSAMKEIT MACHT SCHULE Einblick in einen Werkzeugkasten, der uns unschätzbare Hilfe dabei leistet, das zu unserer Schule passende Achtsamkeitsangebot zu entwickeln. Auch hier die Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses als appetizer:

  • Die nötigen Voraussetzungen schaffen
  • Bausteine eines Achtsamkeitscurriculums
  • Einladung zu einer Forschungsreise
  • Basisübungen
  • Möglichkeiten der Reflexion
  • Stress und schwierige Emotionen
  • Wohlbefinden oder das Schulfach „Glück“
  • Empathie und Mitgefühl

Kennen gelernt habe ich Susanne Krämer im Frühjahr 2018. Sie war über diesen Blog auf meine Arbeit aufmerksam geworden und bat mich darum, ihr Buch durch ein Gespräch über meine Erfahrungen zu unterstützen. Außerdem führte sie ein langes Interview mit vier meiner Schüler*innen, die sich über mehrere Jahre eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufgebaut haben. Und so ist das Buch durchzogen von Gesprächsausschnitten mit praktizierenden Lehrkräften, Schüler*innen und Student*innen, die mosaikartig das Thema Achtsamkeit aus Sicht der Praktizierenden darstellen. Eine Schülerin aus unserer AG formuliert etwa:

Achtsamkeit (steigert) für mich die Lebensqualität in vielerlei Hinsicht (…). Weil du dir selbst einfach bewusster wirst, sowohl über die guten Dinge als auch über die schlechten. Aber du lernst dann, mit den schlechten besser umzugehen und die Guten mehr zu gewichten. Das hilft mir, in die Mitte zu kommen und den Fokus zu finden. Das gibt mir so viel an – wie gesagt – Lebensqualität und das ist ein sehr starkes Wort für mich. Aber ich meine das auch so: Das verbessert wirklich viel.“ (Krämer 2019: 36)

Solche Sätze zeigen mir, wie wertvoll unsere oft sehr anstrengende Arbeit mit Achtsamkeit in Schule ist. Diese Schülerin verändert – im Sinne von Gerald Hüther – ihre Erfahrung und darüber ihre Haltung zum Leben.

Am Ende formuliert Susanne Krämer einen AUSBLICK unter der Überschrift „SEINEN EIGENEN WEG FINDEN“. Sie bringt für mich nochmals den Wert von WACHE SCHULE auf den Punkt: Es ist durchwirkt von einer Haltung größten Respekts vor der Einzigartigkeit jeder Lebens- und Arbeitssituation, die es verbietet vorgefertigte Rezepte als Allheilmittel zu verordnen.

Es ist diese Haltung, die wir Agierenden in der Schule brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen, die es uns erlaubt uns zu öffnen für eine veränderte Erfahrung, welche wiederum die Grundlage ist für jegliche nachhaltige Veränderung.

Unbedingt lesen!

Pindo

Wörter sind Energie




Vor Unterrichtsbeginn im Spätwinter vor meiner Schule

Eines der Schlagwörter, das aus der Quantenphysik in den allgemeinen Diskurs übergangen ist, besteht aus dem Satz: ALLES IST ENERGIE. Bei Google ergibt die Wortkombination 122.000 Treffer. Schnell stößt man auf das folgende Zitat:

„Alles ist Energie, und dazu ist nicht mehr zu sagen. Wenn du dich einschwingst in die Frequenz der Wirklichkeit, die du anstrebst, dann kannst du nicht verhindern, dass sich diese manifestiert. Es kann nicht anders sein. Das ist nicht Philosophie. Das ist Physik.“

Albert Einstein

In diesem Beitrag geht es um die Energie von Wörtern. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erfahren, welch drastischen Unterschied es macht, wie ich einen Sachverhalt formuliere. Erläutern möchte ich das Phänomen anhand der beiden deutschen Verben müssen und können. Erstmals erzählte mir Sonsoles Cerviño in einem Gespräch über ihre Arbeit als Kommunikationstrainerin und systemische Coach davon, welch großen Unterschied es mache, wenn sie ein und dieselbe Aussage mit „Du musst…“, oder „Du kannst…“ einleite. Sie versuche grundsätzlich, das Verb „müssen“ im Gespräch mit Klienten zu vermeiden, da dieses beim Gesprächspartner sehr leicht Widerstand auslösen könne. Ebenso ermuntert sie ihre Klienten dazu, in eigenen Sätzen das „Ich muss“ durch ein „Ich kann“ zu ersetzen.

Neugierig geworden begann ich darauf hin, in meiner Arbeit als Lehrer mit meiner eigenen Sprache zu experimentieren und stellte interessante Effekte fest. Um diese nachzuvollziehen, lade ich Sie zu einem Experiment ein. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind Schüler*in in meinem Spanischunterricht, haben einen längeren Text in einer Klassenarbeit geschrieben und lesen bei der Rückgabe der Arbeit nun den folgenden Satz als Reaktion von mir:

Lieber X: Puh, Das sind aber viele Fehler! Du musst Dich jetzt endlich mal hinsetzen und Grammatik lernen.

Wie erging es Ihnen? Spüren Sie – wie viele andere – Unwillen, Ärger, Widerstand oder Frust?

Ein Lehrerkommentar wie der obige ist meist Resultat von Übermüdung und Überforderung angesichts der Korrektur des 27. Textes in Folge. Vordergründig bezieht sich der Kommentar auf den Text, eigentlich bringt er aber meine ganze Unzufriedenheit mit der Situation zum Ausdruck. Nur: Der lesende Schüler weiß das natürlich nicht. Er bezieht alles nur auf sich und geht je nach Veranlagung in den Widerstand – „Du Idiot, kannst mich mal! Ich hasse Spanisch!“ – oder in die Selbstkritik: „Ich kann kein Spanisch. Das lern ich nie!“

Seitdem ich das erfahren habe, bemühe ich mich heute beim Korrigieren immer wieder um einen kurzen Moment des Durchatmens und Auftauchens aus dem Tunnel. Wenn mir dies gelingt, schreibe ich anschließend einen Kommentar wie den folgenden. Wieder lade ich Sie ein, Ihre eigene emotionale Reaktion darauf zu erforschen.

„Lieber X. Du machst immer noch eine ganze Reihe von Fehlern. Einige davon entstehen jedoch gerade dadurch, dass Du versucht, auch komplexe Gedanken auszudrücken. Das finde ich klasse. Tipp zur weiteren Verbesserung? Du könntest Dich in den kommenden Wochen mal intensiver mit den Verbformen der Vergangenheit beschäftigen.“

Wie haben Sie reagiert? Fühlen Sie sich gewürdigt? Spüren Sie die Offenheit für eine mögliche Entwicklung, die im „NOCH“ steckt? Die Freiheit der Handlungsoption im „Dann könntest du mal…“? Reagiert der Schüler auf den ersten Kommentar mit „Ich kann das nicht!“, zieht dieser hier vielleicht die Konsequenz: „Ich kann ja mal einen Blick auf die Verbformen werfen“…

Taatsächlich laden wir also Sachverhalte energetisch völlig unterschiedlich auf, wenn wir sie mit KÖNNEN oder MÜSSEN präsentieren. „DU MUSST“ ist aggressive Druck-Energie und erzeugt Widerstand; „DU KANNST“ schafft eine Perspektive der Offenheit und Verbundenheit.

Spannend, wie wir als Lehrkräfte die Möglichkeit haben, mit kleinen Anpassungen große Veränderungen einzuleiten. Welch eine VERANTWORTUNG dieser Beruf doch mit sich bringt! Wenn man das alles weiß, erscheint es natürlich noch unverständlicher, wie groß unsere Klassen und damit auch die Korrekturberge sind, die es so schwierig machen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Pindo

Gegen die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung

Im Dezember 2018 publizierte die Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht Französisch ein Heft zum Thema Achtsamkeit. In einem Artikel zeige ich darin an einem konkreten Beispiel aus dem Unterricht, welch große Chance Achtsamkeit für die Transformation von Schule bietet – vorausgesetzt, die Voraussetzungen stimmen.

Der Oldenbourg-Verlag ermöglicht Ihnen das kostenlose Herunterladen des Artikels im PDF-Format, wenn Sie ein Kundenkonto eröffnen.

Pindo

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo

Kaninchen vor der Schlange

Thema meines letzten Blogeintrags war Jorge Bucays Buch der Weisheit, konkret die Passage, in der der argentinische Autor eine von Brechts Kalendergeschichten zitiert.

Direkt vor den Haifischen spricht Bucay über die Bedingungen für ein sinnhaftes, freudevolles Leben:

Das Leben kann ein Spiel sein, wenn es in der Gegenwart gelebt wird.

Das Leben ist eine Freude, wenn es die Quelle für das ist, was wir sind, der angemessene Ausdruck unseres Seins. Und nicht Mittel zum Zweck, damit wir werden, was wir noch nicht sind, oder um etwas zu erreichen, das wir noch nicht besitzen, sei es Geld, Prestige, gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit.

Jorge Bucay: Buch der Weisheit

Mir als Lehrer donnert dieser Satz in den Ohren. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich diesen Beruf achtsam ausüben kann, desto mehr wird mir deutlich: So viele meiner Schülerinnen und Schüler leiden, weil sie davon überzeugt sind, jetzt nicht das zu leisten, was ihnen später einmal ein erfolgreiches und erfülltes Leben ermöglicht.

Da zeigt etwa ein Schüler in der 11. Klasse bei der Rückgabe einer Klausur klare Anzeichen von Angst, fast Panik. Ich bin erstaunt, weil die Arbeit in der Bewertung gut – wenn auch nicht sehr gut – ist. Im Gespräch stellt sich dann heraus, dass der Schüler schon jetzt weiß, dass er nach dem Abitur unbedingt Psychologie studieren möchte, wo derzeit ein absurd hoher Numerus Clausus von 1,0 den Zugang zum Studium beschränkt.

Welch ein Leiden tut sich hier auf!

In diesem Moment erlebt der Schüler sein aktuelles Sein bei uns an der Schule als ‚Mittel zum Zweck‘, damit er wird, was er noch nicht ist, damit er erreicht, was er noch nicht hat. Er gleicht einem erstarrten Kaninchen, das auf die vor ihm sitzende Schlange starrt. Mit dem Unterschied, dass seine Schlange real gar nicht vorhanden ist. Es existiert lediglich eine gewisse Möglichkeit, dass der Schüler in zwei Jahren vor dieser Schlange sitzen könnte. (Vielleicht ändert sich ja seine Lebensplanung noch grundlegend.)

Und doch ist die Schlange für uns ein reales Hindernis. Ihr Gift wirkt (mindestens) dreifach: Erstens beeinträchtigt es die eigentlich sehr hohe Lebensqualität des Schülers, in dem er denkt, dies habe seinen Sinn nur, wenn es ihm die Eintrittskarte für das danach Folgende verschafft. Zweitens wirkt es negativ, da es ihn so lähmt, dass er sein eigentliches Leistungsvermögen gar nicht umsetzen kann. Drittens schließlich lähmt es seine Beziehung zu mir, weil er mir den Druck aufbürdet, mit meiner heute angefertigten Bewertung einer Aufgabe Verantwortung für das persönliche Lebensglück meines Gegenübers zu tragen.

Ich mache dem Schüler gar keinen Vorwurf. Das gesamte Ausbildungssystem, in dem er sich seit 11 Jahren bewegt, konditioniert ihn ja in dieser Richtung.

Umso mehr zeigt sich auch hier die Chance, die Achtsamkeit uns allen an der Schule bietet. Sie öffnet uns die Augen für eine zentrale Erkenntnis. Sie lautet:

Schule bereitet dich NICHT auf das Leben vor. Sie IST dein Leben – bzw. ein essentieller Teil davon.

Und sie bietet uns das Handwerkszeug, diese Erkenntnis Schritt für Schritt zu erfahren.

Pindo