Archiv der Kategorie: Schule

Gegen die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung

Im Dezember 2018 publizierte die Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht Französisch ein Heft zum Thema Achtsamkeit. In einem Artikel zeige ich darin an einem konkreten Beispiel aus dem Unterricht, welch große Chance Achtsamkeit für die Transformation von Schule bietet – vorausgesetzt, die Voraussetzungen stimmen.

Der Oldenbourg-Verlag ermöglicht Ihnen das kostenlose Herunterladen des Artikels im PDF-Format, wenn Sie ein Kundenkonto eröffnen.

Pindo

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo

Kaninchen vor der Schlange

Thema meines letzten Blogeintrags war Jorge Bucays Buch der Weisheit, konkret die Passage, in der der argentinische Autor eine von Brechts Kalendergeschichten zitiert.

Direkt vor den Haifischen spricht Bucay über die Bedingungen für ein sinnhaftes, freudevolles Leben:

Das Leben kann ein Spiel sein, wenn es in der Gegenwart gelebt wird.

Das Leben ist eine Freude, wenn es die Quelle für das ist, was wir sind, der angemessene Ausdruck unseres Seins. Und nicht Mittel zum Zweck, damit wir werden, was wir noch nicht sind, oder um etwas zu erreichen, das wir noch nicht besitzen, sei es Geld, Prestige, gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit.

Jorge Bucay: Buch der Weisheit

Mir als Lehrer donnert dieser Satz in den Ohren. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich diesen Beruf achtsam ausüben kann, desto mehr wird mir deutlich: So viele meiner Schülerinnen und Schüler leiden, weil sie davon überzeugt sind, jetzt nicht das zu leisten, was ihnen später einmal ein erfolgreiches und erfülltes Leben ermöglicht.

Da zeigt etwa ein Schüler in der 11. Klasse bei der Rückgabe einer Klausur klare Anzeichen von Angst, fast Panik. Ich bin erstaunt, weil die Arbeit in der Bewertung gut – wenn auch nicht sehr gut – ist. Im Gespräch stellt sich dann heraus, dass der Schüler schon jetzt weiß, dass er nach dem Abitur unbedingt Psychologie studieren möchte, wo derzeit ein absurd hoher Numerus Clausus von 1,0 den Zugang zum Studium beschränkt.

Welch ein Leiden tut sich hier auf!

In diesem Moment erlebt der Schüler sein aktuelles Sein bei uns an der Schule als ‚Mittel zum Zweck‘, damit er wird, was er noch nicht ist, damit er erreicht, was er noch nicht hat. Er gleicht einem erstarrten Kaninchen, das auf die vor ihm sitzende Schlange starrt. Mit dem Unterschied, dass seine Schlange real gar nicht vorhanden ist. Es existiert lediglich eine gewisse Möglichkeit, dass der Schüler in zwei Jahren vor dieser Schlange sitzen könnte. (Vielleicht ändert sich ja seine Lebensplanung noch grundlegend.)

Und doch ist die Schlange für uns ein reales Hindernis. Ihr Gift wirkt (mindestens) dreifach: Erstens beeinträchtigt es die eigentlich sehr hohe Lebensqualität des Schülers, in dem er denkt, dies habe seinen Sinn nur, wenn es ihm die Eintrittskarte für das danach Folgende verschafft. Zweitens wirkt es negativ, da es ihn so lähmt, dass er sein eigentliches Leistungsvermögen gar nicht umsetzen kann. Drittens schließlich lähmt es seine Beziehung zu mir, weil er mir den Druck aufbürdet, mit meiner heute angefertigten Bewertung einer Aufgabe Verantwortung für das persönliche Lebensglück meines Gegenübers zu tragen.

Ich mache dem Schüler gar keinen Vorwurf. Das gesamte Ausbildungssystem, in dem er sich seit 11 Jahren bewegt, konditioniert ihn ja in dieser Richtung.

Umso mehr zeigt sich auch hier die Chance, die Achtsamkeit uns allen an der Schule bietet. Sie öffnet uns die Augen für eine zentrale Erkenntnis. Sie lautet:

Schule bereitet dich NICHT auf das Leben vor. Sie IST dein Leben – bzw. ein essentieller Teil davon.

Und sie bietet uns das Handwerkszeug, diese Erkenntnis Schritt für Schritt zu erfahren.

Pindo


Achtsam und kreativ – ein Schulprojekt

IMG_5125Projekttage am Friedrich-Ebert-Gymnasium Berlin. Seit Jahren mache ich an dieser Schule Angebote zur Achtsamkeit – für Schülerinnen und Schüler sowie auch für Kolleginnen und Kollegen.

In diesem Jahr habe ich mir etwas Neues überlegt.Die Idee war, Meditation mit Handeln zu verbinden, ein Produkt aus einem achtsamen Geist heraus zu erstellen. Daraus wurde das Projekt „Achtsam und kreativ“.

Wir sind am ersten Tag auf das Südgelände Berlin gegangen, einen alten Rangierbahnhof, der sich nach dem Krieg in eine Wildnis verwandelt hat und vor einigen Jahren als Naturpark wach geküsst wurde.

Dort haben wir den Vormittag verbracht. Wir sind langsam über das Gelände gegangen, haben uns an verschiedenen Orten niedergelassen und ich habe in verschiedene Meditationstechniken eingeführt. Der Fokus lag vor allem im Außen, außen sehen und außen hören. Dazu Körperwahrnehmung und achtsames Atmen.

Heute, am zweiten Tag, haben wir uns dann in der Schule gesprochen, weiter mineinander praktiziert. Schließlich begann eine Phase intensiver Einzelarbeit, in der wir gemeinsam die unten stehende Webseite erstellt haben. Alle Beiträge, mit einigen wenigen Ausnahmen, die ich beigesteuert habe, sind von meinen Schülerinnen und Schülern. Am Projekt haben Jugendliche aller an der Schule vertretenen Klassen – von der 7. bis zum 2. Semester der Oberstufe – teilgenommen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend.

Pindo

Made with Padlet

Dusch mich, aber mach mich nicht nass

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Beelitzer Land im Vorfrühling 2018

Mein Blogeintrag zur emotionalen Grundhaltung an Schulen stößt bei vielen Leserinnen und Lesern auf Resonanz. Herzlichen Dank für die vielen Kommentare.

Besonders berührt hat mich der nachfolgend zitierte Text einer Lehrerin, die an ihrer Schule gerne unerkannt bleiben möchte:

Danke für diesen tollen Text!! Mir sind wirklich die ganze Zeit während des Lesens die Tränen geflossen, weil ich mit genau diesem „Grundgefühl“ seit Monaten durch die Schule gehe. Ich finde es gerade sehr schwierig, auszuhalten, von vielen Kolleginnen immer noch angeschaut zu werden, als hätte man etwas Unanständiges gesagt, sobald man das Wort „Achtsamkeit“ in den Mund nimmt. Bezeichnenderweise sind das oft genau die Kolleginnen, die sich bei mir (als Beratungslehrerin) darüber beklagen, dass sie nachts so schlecht schlafen und ab vier Uhr morgens wach liegen, weil die Gedanken rasen und ihr Default Mode Network auf Hochtouren läuft…

Einigen Kollegen geht es wirklich schlecht, aber ich habe das Gefühl, es ist oft immer dasselbe, so nach dem Motto: Dusch mich, aber mach mich nicht nass… Irgendwie hat Achtsamkeit immer noch ein riesiges PR-Problem…

Ich finde den Text so bemerkenswert, weil er aus der Negativsicht heraus nochmals sehr gut deutlich macht, welche Chance Achtsamkeit für eine Schule eröffnet: Wenn ein kleiner Kreis von Kolleginnen und Kollegen beginnt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, dann entsteht ein Raum, der von Vertrauen geprägt ist. Und wo Vertrauen ist, da traue ich mich, auch als Lehrer zu zeigen, dass ich verletzlich bin. Ich vertraue anderen an, dass ich tatsächlich Schwierigkeiten habe, unter diesen MEGA-bescheidenen Rahmenbedingungen (alles ist ja MEGA heute…) erfolgreich und erfüllt zu arbeiten. Und das schafft Erleichterung.

Noch eine Anmerkung zu der immer wieder gehörten Behauptung, wir Meditationsfreaks würden mit Achtsamkeit das System stabilisieren, indem wir uns selbst noch widerstandsfähiger und dadurch leistungsstärker machen wollen oder indem wir Passivität an den Tag legen:

Achtsamkeit besteht, wie der mich sehr inspirierende Shinzen Young in seinem System Unified Mindfulness lehrt, aus drei zusammen wirkenden Fertigkeiten:
Konzentration, Klarheit und Gelassenheit. Dabei wird der Aspekt der Gelassenheit sehr oft missverstanden, weswegen meditierende Menschen sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie gerieten durch ihre Praxis in eine apathische Grundhaltung, die notwendige Veränderungen verhindere.

Dies ist falsch.

Gelassenheit in der Meditation übe ich nie gegenüber den sozialen Bedingungen in meiner Umwelt, sondern immer nur gegenüber meiner WAHRNEHMUNG derselben. Ich bin also mit mir selbst gelassen – und dies auch in schwierigen Momenten, gelassen mit meiner Unzulänglichkeit, meiner Unfähigkeit, mich zu konzentrieren, meinem Ärger, meiner Traurigkeit, meiner Müdigkeit, meiner Unlust, den nächsten Korrekturberg bis morgen noch abzutragen, gelassen gegenüber dem schlechten Gewissen, dass ich damit meine Schüler enttäusche, denen ich eigentlich versprochen hatte, dass sie morgen ihre Arbeit zurück bekommen, …

Indem ich gelassen bin mit all diesen starken, belastenden Emotionen, löse ich mich aus der Umklammerung meines inneren Kritikers und sorge so für mich selbst. Und ich eröffne Räume für andere, denen es eben so geht, Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern, Eltern und ich lebe vor, dass es auch ihnen erlaubt ist, dies ebenfalls zu tun.

Vielleicht erreichen wir ja so irgendwann eine kritische Masse und stellen plötzlich erstaunt fest, dass wir mit unserem individuellen Verhalten gemeinsam unsere Umwelt verändert haben…

Eine Utopie? Mag sein. Aber mal im Ernst: Glaubt tatsächlich jemand , dass man in unserer von höchstem Druck auf allen Ebenen geprägten Welt des 21. Jahrhunderts nachhaltig etwas erreichen kann, indem man … Druck ausübt?

Also originell klingt anders.

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Beelitzer Land im Vorfrühling 2018

Pindo