Archiv der Kategorie: Schule

Achtsamer Umgang mit Prüfungsangst

Herbstfarbener Schulhof

Bei uns am Gymnasium stehen viele unserer Schülerinnen und Schüler unter großem Druck. Nach langer Zeit bin ich in diesem Schuljahr mal wieder Klassenlehrer in einer 7. Klasse und bekomme dort mit, wie angespannt die Kinder darauf reagieren, dass das 7. Schuljahr ein Probejahr ist – für sie also eine chronische Prüfungssituation.

Achtsamkeit biete mir da gute Möglichkeiten, meine Klasse dabei zu begleiten, den Anforderungen mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Vor ein paar Wochen fiel mir dabei spontan eine Übung ein, die ich hier vorstellen möchte.

Wir befanden uns in der letzten Stunde vor der ersten Spanisch-Klassenarbeit. In solchen Stunden biete ich den Schüler*innen immer an, letzte offenen Fragen zu klären und die in der Arbeit relevanten Aufgabenformate zu trainieren. Diesmal kam mir zudem die Idee, das Thema Prüfungsangst aufzugreifen und nutzte dazu das Achtsamkeitsritual, mit dem wir unsere Stunden beginnen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Spielart der Sitzmeditation, wobei der Fokus, der uns als Anker für unsere Aufmerksamkeit dient, immer wechseln kann. Diesmal erläuterte ich vorweg, dass wir mit der bekannten Atembeobachtung beginnen würden und dass ich anschließend einen Satz aussprechen würde und sie dann die Aufgabe hätten, ihre Gedanken und Gefühle zu diesem Satz zu beobachten. Der Klangstab läutete die Meditationsphase ein, die Klasse kam zur Ruhe und begann, geleitet durch meine Worte, mit der Atembeobachtung. Nach einigen Momenten sagte ich:

„Und nun der Satz: MORGEN SCHREIBT IHR EURE ERSTE SPANISCHARBEIT!“

„Achtet auf Eure Gedanken. Wie zeigen sie sich Euch? SEHT Ihr etwas auf Eurem mentalen Bildschirm? Oder HÖRT Ihr, dass Ihr mit Euch selbst redet? Vielleicht hört Ihr auch die Stimme einer anderen Person?

Und nun sagt Euch den Satz nochmals mit Eurer inneren Stimme: „MORGEN SCHREIBE ICH MEINE ERSTE SPANISCHARBEIT“. Jetzt achtet Ihr ganz bewusst darauf, welche Emotionen dieser Satz in Euch auslöst…

Wo genau fühlt Ihr die Emotionen? Was genau fühlt Ihr?

Hat die Emotion einen Namen? Hat sie eine Farbe? Eine Form? Bewegt sie sich vielleicht?

Und nun lasst Eure Gedanken und Eure Emotionen los und wechselt den Fokus, so als ob wir den Lichtkegel einer Taschenlampe in einem dunklen Raum auf etwas anderes richten und nehmt Eure Füße ins Visier, die auf dem Boden stehen. Spürt Eure Füße, ihren Kontakt mit dem Boden. Spürt wie der Boden Euch trägt.

Nehmt nun die Wahrnehmung des Stuhls dazu. Spürt wie Euer Körper dort aufliegt, wie Euer ganzes Gewicht von Stuhl und Boden sicher getragen werden.

Und nun experimentiert einmal damit, hin und her zu schalten, zwischen Euren Gedanken, Euren Emotionen, die mit Euren Gedanken in Verbindung stehen und der Wahrnehmung Eures Unterkörpers.

Die meisten Menschen spüren im unteren Körperbereich keine Gedanken und nur ganz wenige Emotionen. Und wenn sie diese Körperregion fokussieren, dann verlieren die Gedanken und Emotionen ein wenig von ihrer Kraft und ihrem Einfluss. Wie ist das bei Euch? Trainiert mal so noch ein wenig weiter.

Nachdem der Klangstab die Übungsphase beendet hat, beginnt ein interessantes Gespräch, in dem die Schülerinnen und Schüler mit großer Begeisterung von ihren Erfahrungen berichteten, von bildhaften Gedanken, wie dem Moment, in dem der Lehrer die Arbeiten austeilt, von gehörten Gedanken, Stimmen, die etwa sagten, wie viel noch zu lernen war, von Aufregung, Angst und Stress, die durch solche Gedanken ausgelöst wurden und von Körperregionen, in denen sie zu spüren war, von neutralen Körperbereichen, die sie so noch nie wahrgenommen haben, von Körperhaltungen, die sich veränderten bei der Verschiebung des Fokus und von Atembewegungen, die langsamer wurden.

Eine der großartigen Konsequenzen, die die Achtsamkeitsarbeit für meinen Unterricht hat, ist die, dass sie mir und meinen Schüler*innen eine gemeinsame Sprache zur Verfügung stellt, mit der die Kinder und Jugendlichen Phänomene oft zum ersten Mal in ihrem Leben benennen und ihnen so Form geben können und dass sie die Erfahrung machen, dass Dinge, die man so ausspricht, weniger bedrohlich wirken und leichter zu ertragen sind.

Zudem löst die Erfahrung, solche Themen eigener Verletztlichkeit im Klassenverband besprechen zu können und von anderen Bestärkung statt Hohn zu erfahren, einen starken Impuls für die Klassengemeinschaft aus.

Wieder einmal zeigt sich: Achtsamkeit und Gymnasium – ja das geht, unbedingt.

Pindo

Achtsame Schule in Zeiten von Corona

Meine Schule ist seit 10 Tagen geschlossen. Ich habe einige Tage benötigt, um mich als Lehrer auf die neue Situation einzustellen, aber nun sind alle Klassen in digitalen Lernräumen mit Aufgaben versorgt. Einmal die Woche sehen wir uns per Videokonferenz, vor allem um die Gemeinschaft zu spüren, miteinander zu reden und aus der Vereinzelung heraus zu kommen.

Wichtig ist mir auch, die Räume für Achtsamkeit, die wir in der Schule geschaffen zu haben, in der virtuellen Welt neu zu eröffnen. Für meine Kolleginnen und Kollegen biete ich nun dreimal die Woche eine Meditation per Telefonkonferenz an. Soeben saßen wir bereits zum zweiten Mal mit 7 Kolleginnen und Kollegen beisammen und ließen gemeinsam die Aufmerksamkeit durch unseren Körper wandern. Faszinierend, dass die beseelte Ruhe, die sich in einer meditierenden Gruppe nach kurzer Zeit einstellt, auch am Telefon entsteht.

Coronataugliche Achtsamkeitsutensilien

Auch meine Achtsamkeits-AG läuft per Video-Konferenz weiter. Gestern tagten wir zum ersten Mal. Die 6 vertrauten Gesichter sitzen nun nicht mit mir im Kreis, sondern sind vor mir schachbrettartig auf dem Monitor angeordnet. Aber sonst ist vieles gleich. Dieselbe Vertrautheit, schöne Gespräche entstehen, wir hören gemeinsam Musik und sprechen über unsere Erfahrungen. Und wir schmieden Pläne. Wir wollen uns selbst und die anderen in der Auszeit stützen, indem wir noch intensiver miteinander Achtsamkeit praktizieren. Jede Woche steht ein Leitthema im Raum, am Anfang das Nähren des Positiven. Mehr dazu morgen in einem weiteren Blogeintrag.

Das Lächeln einer Träne

Kürzlich war ich in Barcelona, mit 30 Schülerinnen und Schülern. Wir genossen es, uns durch diese großartige Stadt treiben zu lassen und experimentierten auch – ganz offiziell, im Rahmen eines EU-geförderten Projekts – mit Achtsamkeit.

An einem Nachmittag besuchten wir die Fundación Joan Miró. Dort gab ich den Schülern die Möglichkeit, eine Stunde lang durch die Ausstellung zu streifen und eigene Schwerpunkte zu setzen.

Leider stellte ich dann nach relativ kurzer Zeit fest, dass eine größere Schülergruppe sich auf einer Sitzgruppe versammelt hatte und an den Handys spielte. Schon zuvor hatte ich mehrfach höhnisches Lachen und prustendes Gekicher von einzelnen vernommen, als sie vor einem Bild standen und ich fragte sie, was los sei, ob ihnen die Bilder nicht gefielen.

Die Schüler wollten höflich sein und trauten sich nicht recht, ihre Meinung kundzutun. Mir war klar, dass die in irgendeiner Variation eines Urteils bestand wie: „Das soll Kunst sein? Das kann doch meine kleine Schwester besser!“ Darauf lächelte ich sie an und sagte: „Ihr macht einen Fehler: Ihr wollt diese Bilder VERSTEHEN. Aber das funktioniert nicht. Euer Verstand bekommt das nicht hin und urteilt: ‚SCHWACHSINN!‘ Und damit ist das Thema für Euch erledigt. Wenn Ihr wollt, dann gebt Joan Miró noch eine Chance. Aber diesmal SCHAUT Ihr einfach nur und versucht, die Bilder zu FÜHLEN. Und wenn sich der Verstand meldet, dann ignoriert sein Urteilen und macht einfach weiter.“

Ich ließ die Gruppe an ihrem Ort und setzte meinen Rundgang fort. Bald darauf sah ich mit Freude, dass mehrere sich tatsächlich wieder auf den Weg gemacht hatten und vor Bildern standen. Anschließend schrieb eine meiner Schülerinnen einen Text, der für mich ein großartiges Zeugnis für die Kraft einer AUßEN SEHEN – Meditation ist. Er handelt vom folgenden Bild mit dem Titel La sonrisa de una lágrima, zu Deutsch: Das Lächeln einer Träne:

Die Schülerin schreibt dazu:

Ich habe mir die Sätze meines Lehrers zu Herzen genommen und es umgesetzt. Dann hab ich mir ein Kunstwerk ausgesucht und es mehrere Minuten lang betrachtet. Das Gemälde trug den Titel „La sonrisa de una lágrima“. Zu Beginn erschien es mir so, als hätte das Gemälde keinen Zusammenhang mit dem Titel. Doch während des achtsamen Sehens erkannte ich kleine Details und habe versucht die Vorgehensweise des Künstlers nachzuvollziehen. Zum Beispiel habe ich gesehen, dass das Gemälde durch eine hauchdünne, kaum sichtbare Mittellinie getrennt wird. Die Farben, die Miró benutzt, sind oberhalb der Mittellinie eher schwach, unterhalb dagegen kräftig. Außerdem ist mir aufgefallen, dass viele seiner Kunstwerke größtenteils nur aus den Komplementärfarben (blau, rot, grün, gelb) bestehen. Die Träne befindet sich oberhalb bzw. auf der Mittellinie. Daraus schließe ich, dass es nur eine hauchdünne Linie zwischen Lächeln und Tränen gibt.

Eine hauchdünne Linie zwischen Lächeln und Tränen. Ja, genauso ist oft das Leben. Danke, Ilayda, für Deine Beharrlichkeit und für diesen schönen Text.

Pindo

Die Bedeutung von Musik – und von Stille

Im Zeitmagazin vom 22.8.19 bin ich auf ein inspirierendes Interview mit dem Dirigenten Christoph Eschenbach gestoßen. Darin erzählt er unter anderem, wie ihn ein furchtbares Kindheitstrauma für lange Zeit vollkommen verstummen ließ. Und wie ihn die Musik dann wieder zum Sprechen brachte.

Besonders beeindruckt haben mich ein paar Sätze zur Bedeutung von Stille und Konzentration:

Was bedeutet Ihnen Stille?

Alles wird aus der Stille geboren in dieser lauten Welt. Stille ist unglaublich notwendig für Konzentration, Denken und Fühlen. Dafür müssen Sie sich zurückziehen. Stille hat auch sehr viel mit Spannung zu tun. Am Ende eines Stückes muss ein Raum entstehen, wo etwas nachwirkt und nicht zerklatscht wird. Das kommt auch aus dem Zentrum. Man muss wahnsinnig kontrolliert sein mit dem Atem. Sonst kann man die Stille nicht regieren.

Konzentration scheint für Sie besonders wichtig zu sein.

Ja , im wörtlichen Sinne, „Kon“ und „Zentrum“, So dirigiere ich, aus dem Zentrum heraus in die Bewegung. Diese Körperlichkeit beim Dirigieren ist mit dem Atem verbunden. Sie setzt sich durch den Atem im Orchester fort, und dann bekomme ich den Schwung von Atem wieder zurück. Das ist fast wie Ballett.

Mich fasziniert der Werkstattbericht dieses großen Künstlers. Und er bestärkt mich, meine Schülerinnen und Schüler immer wieder aufs Neue mit Stille und Konzentration, diesen ihnen recht unbekannten und teilweise auch negativ besetzten Konzepten zu konfrontieren.

So auch vergangene Woche, in der ersten Stunde eines Achtsamkeitstrainings für meine neue 9. Klasse. Nach einer kurzen Einführung und einer sechsminütigen Meditation mit dem Fokus „Außen Fühlen“, beendete ich die Einheit mit dem Klangstab. Gemeinsam lauschten wir dem verhallenden Glockenton und da war er, dieser „Raum, wo etwas nachwirkt und nichts zerklatscht wird“. Keiner hatte das Bedürfnis zu sprechen. Die Schüler waren regelrecht ergriffen von diesem Moment der Ruhe, des Durchatmens, des Verbundenseins, den wir uns gemeinsam geschaffen hatten, mitten im profanen Getöse des Schulalltags.

Die Früchte der Achtsamkeit sind oft spektakulär unspektakulär.

Pindo

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Nach sieben Jahren Achtsamkeitsarbeit in der Schule bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass diese besondere Spielart von Aufmerksamkeit uns einen wichtigen, wenn nicht den Schlüssel für die notwendige Transformation von Schule geben kann.

Nur, wie benutzen wir ihn am besten? Alle, die in der Schule arbeiten, wissen, mit wie viel Widerstand wir „in der Wagenburg“ auf die Experten von außen reagieren, die uns wieder mal erklären, wie wir unseren Beruf zu erledigen haben.

Und der Widerstand ist auch verständlich: In den vergangenen Jahren sind leider viel zu viele Borstenviecher durch die Schuldörfer getrieben worden. Die nächsten machen sich gerade im Rahmen des Digitalisierungspaktes startklar.

Die Folge dieser Erfahrungen ist, dass es auch externe Achtsamkeitstrainer*innen schwer haben wenn sie zu uns in die Schulen kommen. Und selbst, wenn sie ihren Job großartig machen bleibt die zweite Frage: Was bleibt, wenn sie wieder fort sind? Wie münden die wichtigen Impulse in nachhaltige Veränderungen?

Daher bin ich überzeugt: Wenn nicht wir Lehrer*innen und Erzieher*innen unsere Haltung verändern und den Impuls geben für eine Veränderung des Systems von innen heraus, wird gar nichts passieren. Entscheidend beeinflusst hat mich darin die langjährige, inspirierende Kooperation mit Sabine Heggemann von Fokus Achtsamkeit in Lüneburg, bei der ich Mind the Music kennen gelernt habe, diesen wunderbaren Ansatz, der Achtsamkeit mit Musik schülerkompatibel macht. (Weiterführendes hier.)

Kürzlich erschien nun ein Buch, das das Zeug hat, zu einer Bibel für uns achtsamkeitsinteressierte Lehrer*innen in Schulen zu werden: WACHE SCHULE: MIT ACHTSAMKEIT ZU RUHE UND PRÄSENZ.

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Die Autorin Susanne Krämer arbeitet am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig, wo sie seit 2013 Lehramtsstudent*innen mit Achtsamkeit als Grundlage für gelingende Kommunikation vertraut macht.

In der Einleitung zu WACHE SCHULE formuliert Susanne Krämer ihr Anliegen: Sie möchte den „Duft der Praxis“ vermitteln.

Es geht um alltagstaugliche Übungen, die Ihnen ermöglichen eigene Erfahrungen zu machen. Nur was Sie selbst kennenlernen, was Sie am „eigenen Leibe“ erfahren, wird Spuren in Ihrem Denken und Verhalten hinterlassen. Kommen Sie selbst auf den Geschmack! Oder wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther es formuliert: „Haltungen kann man nur verändern, indem man das verändert, was die Haltung hervorgebracht hat, nämlich die Erfahrung – Haltungen sind das Ergebnis von Erfahrung, sie bestimmen ganz entscheidend darüber, wie Menschen die Welt und das Geschehen um sie herum bewerten.“ (Krämer 2019: 14)

Und um Haltung geht es zuallererst. Denn: „Ihre eigene authentische Haltung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, Achtsamkeit in die Schule zu bringen – wach zu werden für eine neue (Schul-)Kultur des Miteinanders (Krämer 2019: ebd).

WACHE SCHULE hat zwei Teile. In Teil 1 erhalten Lehrkräfte Hilfestellung dabei „DIE HALTUNG DER ACHTSAMKEIT“ einzuüben. Hier die zentralen Bausteine dieses Fundaments aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Bewusst im Hier und Jetzt
  • Der Übungsweg
  • Lernort Schule: Umgang mit schwierigen Emotionen
  • Stress lass nach – Entwicklung von Resilienz
  • Wohlbefinden – das Herzstück der Achtsamkeitspraxis
  • Empathie und Mitgefühl – die Schule des Herzens
  • Humor – eine Lebenskunst
  • Kommunikation
  • Netzwerke bilden – sich in der Praxis unterstützen.

Teil 2 gibt unter dem Titel ACHTSAMKEIT MACHT SCHULE Einblick in einen Werkzeugkasten, der uns unschätzbare Hilfe dabei leistet, das zu unserer Schule passende Achtsamkeitsangebot zu entwickeln. Auch hier die Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses als appetizer:

  • Die nötigen Voraussetzungen schaffen
  • Bausteine eines Achtsamkeitscurriculums
  • Einladung zu einer Forschungsreise
  • Basisübungen
  • Möglichkeiten der Reflexion
  • Stress und schwierige Emotionen
  • Wohlbefinden oder das Schulfach „Glück“
  • Empathie und Mitgefühl

Kennen gelernt habe ich Susanne Krämer im Frühjahr 2018. Sie war über diesen Blog auf meine Arbeit aufmerksam geworden und bat mich darum, ihr Buch durch ein Gespräch über meine Erfahrungen zu unterstützen. Außerdem führte sie ein langes Interview mit vier meiner Schüler*innen, die sich über mehrere Jahre eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufgebaut haben. Und so ist das Buch durchzogen von Gesprächsausschnitten mit praktizierenden Lehrkräften, Schüler*innen und Student*innen, die mosaikartig das Thema Achtsamkeit aus Sicht der Praktizierenden darstellen. Eine Schülerin aus unserer AG formuliert etwa:

Achtsamkeit (steigert) für mich die Lebensqualität in vielerlei Hinsicht (…). Weil du dir selbst einfach bewusster wirst, sowohl über die guten Dinge als auch über die schlechten. Aber du lernst dann, mit den schlechten besser umzugehen und die Guten mehr zu gewichten. Das hilft mir, in die Mitte zu kommen und den Fokus zu finden. Das gibt mir so viel an – wie gesagt – Lebensqualität und das ist ein sehr starkes Wort für mich. Aber ich meine das auch so: Das verbessert wirklich viel.“ (Krämer 2019: 36)

Solche Sätze zeigen mir, wie wertvoll unsere oft sehr anstrengende Arbeit mit Achtsamkeit in Schule ist. Diese Schülerin verändert – im Sinne von Gerald Hüther – ihre Erfahrung und darüber ihre Haltung zum Leben.

Am Ende formuliert Susanne Krämer einen AUSBLICK unter der Überschrift „SEINEN EIGENEN WEG FINDEN“. Sie bringt für mich nochmals den Wert von WACHE SCHULE auf den Punkt: Es ist durchwirkt von einer Haltung größten Respekts vor der Einzigartigkeit jeder Lebens- und Arbeitssituation, die es verbietet vorgefertigte Rezepte als Allheilmittel zu verordnen.

Es ist diese Haltung, die wir Agierenden in der Schule brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen, die es uns erlaubt uns zu öffnen für eine veränderte Erfahrung, welche wiederum die Grundlage ist für jegliche nachhaltige Veränderung.

Unbedingt lesen!

Pindo

Der Ruf der Nachtigall

Dreimal in der Woche findet an meiner Schule eine Mittagsmeditation statt. Sie ist inzwischen für eine Reihe von Schüler*innen und Kolleg*innen fester Bestandteil des Alltags.

Für mich ist es ein Wunder, dass diese Achtsamkeitsroutine in der nur halbstündigen Mittagspause nun schon seit drei Jahren existiert: Um 12:15 klingelt es zum Stundenende. Ab 12:20 trudeln Menschen ein, in der Regel zwischen 5 und 15. Um 12:23 schließen wir die Tür, ich begrüße die Anwesenden, stelle die Klangschalen-App auf 12 Minuten und beginne anzuleiten.

Dabei lasse ich mich von dem führen, was sich zeigt. Im Mittelpunkt steht meist das „Außen fühlen“ in Form einer Reise durch den Körper. Wir beginnen bei den Füßen, spüren den Kontakt mit dem festen, stützenden Boden, erkunden die Friedlichkeit neutraler Körperregionen, geben der Anspannung in Schultern Raum, erspüren, wie es sich anfühlt, wenn sich Unterkiefer und Stirn entspannen, lauschen unserem Atem…

An einigen Tagen drängen jedoch die Geräusche des Schulalltags so in unsere Wahrnehmung, dass wir uns ihnen öffnen, „ganz Ohr werden“ und das „Außen hören“ praktizieren. Geschrei auf dem Schulhof, ploppende Basketbälle, Torjubel auf dem Fußballplatz. Gepolter auf dem Gang, die quietschende Durchgangstür vor unserem Raum … All dies wird Objekt unserer Meditation und wir zum Auge des Orkans.

Um 12:36 beenden drei Gongschläge die Praxis. Es folgen 4 Minuten Nachklang: Entweder wir sitzen schweigend und genießen die im wahrsten Sinne des Wortes andächtige Stille in der Gruppe – oder wir tauschen uns über die Praxis aus- 240 Sekunden oft ganz tiefer Einblicke in Seelen, geteilt von Lehrenden und Lernenden. Dann bedanken wir uns beieinander, verabschieden uns und gehen unserer Wege, die meist bis zum nächsten Klassenzimmer führen, wo 5 Minuten später die nächste Stunde beginnt.

Heute ist ein besonderer Tag. Die Friday for Future Demonstration am Brandenburger Tor zieht viele Schüler an und so sitze ich mit Moritz, einem lieben Kollegen allein. Wir sind beide erfahrene Meditierende und genießen die Minuten in Gemeinschaft schweigend. Anschließend erzählt er mir von einer „Außen hören“-Erfahrung. Ein eigenartiges Miteinander von Vogelwelt und pausierenden Schüler ist ihm aufgefallen. Solange die Pause im vollen Gang war und der Schulhof erfüllt von der lauten Energie junger Menschen, hörte er nur das Tschilpen der Spatzen. Dann, als die Menge sich zurück Richtung Gebäude orientierte und der Hof wieder zu einem Ort der Ruhe wurde, erlebte er diesen ganz besonderen Moment, als die Nachtigall wieder zu singen begann, erst ganz zaghaft und dann zunehmend selbstbewusst, wissend, dass es sich nun wieder lohnte, die Welt mit ihrem bezaubernden Lied zu erfüllen.

So war ich eben noch angestrengt, überfordert in dieser harten Abiturwoche mit ihren viel zu vielen Anforderungen und nun beginne ich zu lächeln, erfüllt von der Naturerfahrung des Kollegen.

DAS meine ich, wenn ich sage, dass Achtsamkeit Schule transformiert.

Pindo

 

 

 

 

Wörter sind Energie




Vor Unterrichtsbeginn im Spätwinter vor meiner Schule

Eines der Schlagwörter, das aus der Quantenphysik in den allgemeinen Diskurs übergangen ist, besteht aus dem Satz: ALLES IST ENERGIE. Bei Google ergibt die Wortkombination 122.000 Treffer. Schnell stößt man auf das folgende Zitat:

„Alles ist Energie, und dazu ist nicht mehr zu sagen. Wenn du dich einschwingst in die Frequenz der Wirklichkeit, die du anstrebst, dann kannst du nicht verhindern, dass sich diese manifestiert. Es kann nicht anders sein. Das ist nicht Philosophie. Das ist Physik.“

Albert Einstein

In diesem Beitrag geht es um die Energie von Wörtern. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder erfahren, welch drastischen Unterschied es macht, wie ich einen Sachverhalt formuliere. Erläutern möchte ich das Phänomen anhand der beiden deutschen Verben müssen und können. Erstmals erzählte mir Sonsoles Cerviño in einem Gespräch über ihre Arbeit als Kommunikationstrainerin und systemische Coach davon, welch großen Unterschied es mache, wenn sie ein und dieselbe Aussage mit „Du musst…“, oder „Du kannst…“ einleite. Sie versuche grundsätzlich, das Verb „müssen“ im Gespräch mit Klienten zu vermeiden, da dieses beim Gesprächspartner sehr leicht Widerstand auslösen könne. Ebenso ermuntert sie ihre Klienten dazu, in eigenen Sätzen das „Ich muss“ durch ein „Ich kann“ zu ersetzen.

Neugierig geworden begann ich darauf hin, in meiner Arbeit als Lehrer mit meiner eigenen Sprache zu experimentieren und stellte interessante Effekte fest. Um diese nachzuvollziehen, lade ich Sie zu einem Experiment ein. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind Schüler*in in meinem Spanischunterricht, haben einen längeren Text in einer Klassenarbeit geschrieben und lesen bei der Rückgabe der Arbeit nun den folgenden Satz als Reaktion von mir:

Lieber X: Puh, Das sind aber viele Fehler! Du musst Dich jetzt endlich mal hinsetzen und Grammatik lernen.

Wie erging es Ihnen? Spüren Sie – wie viele andere – Unwillen, Ärger, Widerstand oder Frust?

Ein Lehrerkommentar wie der obige ist meist Resultat von Übermüdung und Überforderung angesichts der Korrektur des 27. Textes in Folge. Vordergründig bezieht sich der Kommentar auf den Text, eigentlich bringt er aber meine ganze Unzufriedenheit mit der Situation zum Ausdruck. Nur: Der lesende Schüler weiß das natürlich nicht. Er bezieht alles nur auf sich und geht je nach Veranlagung in den Widerstand – „Du Idiot, kannst mich mal! Ich hasse Spanisch!“ – oder in die Selbstkritik: „Ich kann kein Spanisch. Das lern ich nie!“

Seitdem ich das erfahren habe, bemühe ich mich heute beim Korrigieren immer wieder um einen kurzen Moment des Durchatmens und Auftauchens aus dem Tunnel. Wenn mir dies gelingt, schreibe ich anschließend einen Kommentar wie den folgenden. Wieder lade ich Sie ein, Ihre eigene emotionale Reaktion darauf zu erforschen.

„Lieber X. Du machst immer noch eine ganze Reihe von Fehlern. Einige davon entstehen jedoch gerade dadurch, dass Du versucht, auch komplexe Gedanken auszudrücken. Das finde ich klasse. Tipp zur weiteren Verbesserung? Du könntest Dich in den kommenden Wochen mal intensiver mit den Verbformen der Vergangenheit beschäftigen.“

Wie haben Sie reagiert? Fühlen Sie sich gewürdigt? Spüren Sie die Offenheit für eine mögliche Entwicklung, die im „NOCH“ steckt? Die Freiheit der Handlungsoption im „Dann könntest du mal…“? Reagiert der Schüler auf den ersten Kommentar mit „Ich kann das nicht!“, zieht dieser hier vielleicht die Konsequenz: „Ich kann ja mal einen Blick auf die Verbformen werfen“…

Taatsächlich laden wir also Sachverhalte energetisch völlig unterschiedlich auf, wenn wir sie mit KÖNNEN oder MÜSSEN präsentieren. „DU MUSST“ ist aggressive Druck-Energie und erzeugt Widerstand; „DU KANNST“ schafft eine Perspektive der Offenheit und Verbundenheit.

Spannend, wie wir als Lehrkräfte die Möglichkeit haben, mit kleinen Anpassungen große Veränderungen einzuleiten. Welch eine VERANTWORTUNG dieser Beruf doch mit sich bringt! Wenn man das alles weiß, erscheint es natürlich noch unverständlicher, wie groß unsere Klassen und damit auch die Korrekturberge sind, die es so schwierig machen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Pindo

Gegen die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung

Im Dezember 2018 publizierte die Zeitschrift Praxis Fremdsprachenunterricht Französisch ein Heft zum Thema Achtsamkeit. In einem Artikel zeige ich darin an einem konkreten Beispiel aus dem Unterricht, welch große Chance Achtsamkeit für die Transformation von Schule bietet – vorausgesetzt, die Voraussetzungen stimmen.

Der Oldenbourg-Verlag ermöglicht Ihnen das kostenlose Herunterladen des Artikels im PDF-Format, wenn Sie ein Kundenkonto eröffnen.

Pindo

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo