Auf die Party des Nachbarn lauschen

Hier ein kleines Beispiel dafür, wie Achtsamkeit Leiden im Alltag reduzieren kann:

Vergangenen Donnerstag war ich auf dem Weg ins Bett und wurde plötzlich gewahr, dass in einer Wohnung im Nachbarhaus sehr laute Musik lief. Offensichtlich feierte jemand eine Party und brachte dabei die Holzbalkenkonstruktion in unserem Altbau zum Vibrieren. In mir begann Unruhe; ich befürchtete ein paar unproduktive Stunden, während derer ich mich, von Ärger wach gehalten, im Bett wälzen würde.

Und dann kam doch alles anders: Ich legte mich hin und begann spontan einen Fokus auf mein Gehör zu legen.

In Shinzen Youngs Meditationssystem Unified Mindfulness) heißt diese Technik „Hear out – Außen Hören“. Sie besteht darin, dass man beginnt, all seine Aufmerksamkeit aufs Hören zu legen und den Fokus immer wieder zu erneuern, wenn die Gedanken abschweifen. Gleichzeitig begegnet man dem Gehörten mit der größtmöglichen Gelassenheit.

Ich lag also da, lauschte dem Lärm und stellte plötzlich fest, wie sich meine Reaktion darauf veränderte. Mir gelang, ihn als gegeben hinzunehmen und nach und nach merkte ich, dass ich dem Lärm so lauschte, als handele es sich um Stille. Ich fühlte mich ausgesprochen angenehm unterhalten und wurde immer ruhiger.

Dann läutete plötzlich der Wecker und es war morgen. Ich hatte die Nacht traumlos durchgeschlafen.

Pindo

 

Achtsamkeitarbeit an der FEO Berlin – ein Zwischenresümee

Muscheln am Strand

Muscheln an einem galicischen Strand – Symbol meiner Achtsamkeitsangebote am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin

Seit zwei Wochen läuft am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin in meiner 9. Klasse ein Basistraining Achtsamkeit. Die etwa 30 Schülerinnen und Schüler  kommen noch bis Weihnachten einmal pro Woche freiwillig eine Stunde früher und lassen sich von mir in die Praxis des Achtsamen Entspannens, Hörens, Sehens, Wahrnehmens des Positiven und Ziele Setzens einführen. Sie sind sehr aufmerksam und probieren  die Techniken neugierig und mit großer Ernsthaftigkeit aus. Albernes Kichern fehl am Platz. Niemals muss ich disziplinierend eingreifen. In den Feedbackrunden sind sie noch etwas schüchtern. Die entspannten, dankbar lächelnden Gesichter, die die meisten von ihnen am Ende der Sitzungen zeigen, sprechen aber für sich. Dann die Bestätigung am Elternsprechtag vergangenen Mittwoch. Mehrere Eltern kommen extra zu mir, um mir für die Arbeit mit ihren Kindern zu danken. Eine Mutter berichtet begeistert, ihr Sohn mache mit der ganzen Familie am Abendbrottisch  Achtsamkeitsübungen. Sie ist fasziniert von dieser Entwicklung – und von der Wirkung, die sie selbst verspürt.

Die Eltern der Schule haben mich nun mehrfach gebeten, auch ein Angebot speziell für sie zu machen. Nun findet es tatsächlich statt: Am 10. Januar biete ich die Abendveranstaltung „Achtsam ins Neue Jahr“ an. Darin möchte ich in einige grundlegende Techniken einführen und zeigen, wie diese zu Ankerpunkten für ein entspannteres Zusammenleben in der Familie werden können.

Seit meinen ersten Experimenten mit Achtsamkeit hat sich an meiner Schule einiges getan:

  • Etwa 120 Schülerinnen und Schüler haben in den vergangenen Jahren mit mir mehrwöchige Basistrainings absolviert und sehr positiv darauf reagiert;
  • Montags und freitags treffen sich in der Mittagspause regelmäßig zwischen 5 und 15 Jugendliche und Erwachsene, um miteinander eine Viertelstunde zu meditieren;
  • Zur Achtsamkeits-AG kommen nun im 4. Jahr diejenigen Schülerinnen und Schüler, die wirklich tief eintauchen möchten und faszinieren mich mit ihrer Begeisterung und Ernsthaftigkeit;
  • 4 Kolleginnen und Kollegen haben die von Fokus Achtsamkeit organisierte Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer / zur Trainerin mitgemacht, die ich gemeinsam mit Sabine Heggemann im Frühjahr 2016 in Berlin durchgeführt habe.

Es kommt immer wieder vor, dass ich unzufrieden bin: Die positiven Erfahrungen lösen in mir Ungeduld aus. Ich suche nach Wegen, die Arbeit im größeren Rahmen anzubieten, weil ich davon überzeugt bin, dass wir unseren Schülerinnen und Schüler heute kaum etwas Wertvolleres vermitteln können, als eine achtsame Grundhaltung. Sie bietet den Jugendlichen die Chance zu einem intensiveren Kontakt mit sich selbst, die Möglichkeit, in der heutigen Welt mit all ihren besorgniserregenden Entwicklungen mental und physisch gesund zu bleiben, die Klarheit, dass sie selbst wertvolle Mensch sind, die diese scheinbar so unvollkommene Welt ein wenig besser machen können, indem sie sich auf den spannenden Weg begeben, die bestmöglichen Menschen zu werden, die sie selbst- und nur sie selbst – sein können.

Natürlich könnte alles viel größer, wichtiger, spektakulärer sein. Dennoch weiß ich, dass die vielen kleinen Akzente, die ich an meiner Schule setzen kann, schon jetzt wertvoll sind. Und das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Pindo

 

Über Australier und Deutsche

Nach meiner Rückkehr hatte ich nun schon mehrfach Gespräche wie dieses:

Er: Und, wie sind die Australier so?

Ich: Eins hat mich beeindruckt: Auch die Australier arbeiten sehr viel. Aber es gelingt ihnen mehr, nicht in diesen Tunnel abzutauchen, in dem wir Deutsche uns so oft befinden. Diesen Tunnel, in dem du deine sozialen Kontakte runter fährst und nur noch die Vielzahl deiner Aufgaben siehst, in dem du verkrampfst und schlecht gelaunt bist. Die Australier sind da sozialer. Sie organisieren sich mehr als Gruppe, verteilen Aufgaben untereinander und treffen sich dann regelmäßig, z.B. nach dem Abholen von Kindern für ein kurzes Bier oder ein kleines Barbecue auf einer Veranda. Insgesamt sind die Leute viel freundlicher zueinander.

Er: Hm, aber ist das auch wirklich ernst gemeint oder doch nur oberflächlich?

Ich: Who t… f… cares? Ist es denn tiefschürfender und authentischer, miesepetrig zu sein und den anderen runter zu ziehen?

 

 

Das Häslein

Ein Buchgeschenk meiner Mutter lässt mich Christian Morgenstern neu entdecken. Das folgende Gedicht passt hier her:

Das lyrische Ich erfährt draußen in der Natur einen wunderbaren Moment des Verbundenseins mit dem großen Ganzen. Zauberhaft in Worte gefasst.

Die Verse stehen im Dialog mit einem Waldfoto, das im Sommer auf der Halbinsel Morrazo in Galicien entstanden ist.

Pindo

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Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.

Plötzlich rauscht das nasse Gras –
stille! nicht gemuckt! -:
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has…

Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?

Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.

Ohne Atem lieg ich fast,
laß die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen…

Um uns beide – tropf – tropf – tropf –
traut eintönig Rauschen…
Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf.
Und wir lauschen… lauschen…

Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnubbert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;

schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken…
Herzlich hab ich aufgelacht -:
Ei der wilde Schrecken!

Gleiswildnis

Mehrere Parks in Berlin waren so wie das Südgelände in Schöneberg früher einmal Teile von Bahnhofsanlagen. An diesen Orten gelingt es, die Ästhetik der oft so verstörenden Vergänglichkeit  wahrzunehmen. Scheinbar Zerstörtes bildet gemeinsam mit dem scheinbar Zerstörenden ein neues harmonisches Ganzes.

Weitere Bilder vom Berliner Südgelände finden Sie in meinem Beitrag Meditatives Sehen: Technik und Natur auf dem Südgelände.

Pindo

Bäume als Persönlichkeiten 

Auf einer Farm bei Yass, etwa 40 km westlich von Canberra entstanden diese Fotos. Es ist Winter. In der Abendsonne, die nicht mehr wärmt, rutschen die Temperaturen Richtung Gefrierpunkt.

Ich ziehe los und fotografiere Eukalyptusbäume, Gum Trees nennen die Australier sie meist. Ich kann mich nicht sattsehen an diesen  charaktervollen Gestalten, die selbst im Tod noch die Landschaft prägen.

Der richtige Ort am Ende eines ereignisreichen Jahres Down Under. In wenigen Tagen geht es zurück nach Europa.

Und wieder beginnt etwas Neues.

Pindo

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