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Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Nach sieben Jahren Achtsamkeitsarbeit in der Schule bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass diese besondere Spielart von Aufmerksamkeit uns einen wichtigen, wenn nicht den Schlüssel für die notwendige Transformation von Schule geben kann.

Nur, wie benutzen wir ihn am besten? Alle, die in der Schule arbeiten, wissen, mit wie viel Widerstand wir „in der Wagenburg“ auf die Experten von außen reagieren, die uns wieder mal erklären, wie wir unseren Beruf zu erledigen haben.

Und der Widerstand ist auch verständlich: In den vergangenen Jahren sind leider viel zu viele Borstenviecher durch die Schuldörfer getrieben worden. Die nächsten machen sich gerade im Rahmen des Digitalisierungspaktes startklar.

Die Folge dieser Erfahrungen ist, dass es auch externe Achtsamkeitstrainer*innen schwer haben wenn sie zu uns in die Schulen kommen. Und selbst, wenn sie ihren Job großartig machen bleibt die zweite Frage: Was bleibt, wenn sie wieder fort sind? Wie münden die wichtigen Impulse in nachhaltige Veränderungen?

Daher bin ich überzeugt: Wenn nicht wir Lehrer*innen und Erzieher*innen unsere Haltung verändern und den Impuls geben für eine Veränderung des Systems von innen heraus, wird gar nichts passieren. Entscheidend beeinflusst hat mich darin die langjährige, inspirierende Kooperation mit Sabine Heggemann von Fokus Achtsamkeit in Lüneburg, bei der ich Mind the Music kennen gelernt habe, diesen wunderbaren Ansatz, der Achtsamkeit mit Musik schülerkompatibel macht. (Weiterführendes hier.)

Kürzlich erschien nun ein Buch, das das Zeug hat, zu einer Bibel für uns achtsamkeitsinteressierte Lehrer*innen in Schulen zu werden: WACHE SCHULE: MIT ACHTSAMKEIT ZU RUHE UND PRÄSENZ.

Wache Schule: Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz

Die Autorin Susanne Krämer arbeitet am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig, wo sie seit 2013 Lehramtsstudent*innen mit Achtsamkeit als Grundlage für gelingende Kommunikation vertraut macht.

In der Einleitung zu WACHE SCHULE formuliert Susanne Krämer ihr Anliegen: Sie möchte den „Duft der Praxis“ vermitteln.

Es geht um alltagstaugliche Übungen, die Ihnen ermöglichen eigene Erfahrungen zu machen. Nur was Sie selbst kennenlernen, was Sie am „eigenen Leibe“ erfahren, wird Spuren in Ihrem Denken und Verhalten hinterlassen. Kommen Sie selbst auf den Geschmack! Oder wie der Neurowissenschaftler Gerald Hüther es formuliert: „Haltungen kann man nur verändern, indem man das verändert, was die Haltung hervorgebracht hat, nämlich die Erfahrung – Haltungen sind das Ergebnis von Erfahrung, sie bestimmen ganz entscheidend darüber, wie Menschen die Welt und das Geschehen um sie herum bewerten.“ (Krämer 2019: 14)

Und um Haltung geht es zuallererst. Denn: „Ihre eigene authentische Haltung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, Achtsamkeit in die Schule zu bringen – wach zu werden für eine neue (Schul-)Kultur des Miteinanders (Krämer 2019: ebd).

WACHE SCHULE hat zwei Teile. In Teil 1 erhalten Lehrkräfte Hilfestellung dabei „DIE HALTUNG DER ACHTSAMKEIT“ einzuüben. Hier die zentralen Bausteine dieses Fundaments aus dem Inhaltsverzeichnis:

  • Bewusst im Hier und Jetzt
  • Der Übungsweg
  • Lernort Schule: Umgang mit schwierigen Emotionen
  • Stress lass nach – Entwicklung von Resilienz
  • Wohlbefinden – das Herzstück der Achtsamkeitspraxis
  • Empathie und Mitgefühl – die Schule des Herzens
  • Humor – eine Lebenskunst
  • Kommunikation
  • Netzwerke bilden – sich in der Praxis unterstützen.

Teil 2 gibt unter dem Titel ACHTSAMKEIT MACHT SCHULE Einblick in einen Werkzeugkasten, der uns unschätzbare Hilfe dabei leistet, das zu unserer Schule passende Achtsamkeitsangebot zu entwickeln. Auch hier die Gliederungspunkte des Inhaltsverzeichnisses als appetizer:

  • Die nötigen Voraussetzungen schaffen
  • Bausteine eines Achtsamkeitscurriculums
  • Einladung zu einer Forschungsreise
  • Basisübungen
  • Möglichkeiten der Reflexion
  • Stress und schwierige Emotionen
  • Wohlbefinden oder das Schulfach „Glück“
  • Empathie und Mitgefühl

Kennen gelernt habe ich Susanne Krämer im Frühjahr 2018. Sie war über diesen Blog auf meine Arbeit aufmerksam geworden und bat mich darum, ihr Buch durch ein Gespräch über meine Erfahrungen zu unterstützen. Außerdem führte sie ein langes Interview mit vier meiner Schüler*innen, die sich über mehrere Jahre eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis aufgebaut haben. Und so ist das Buch durchzogen von Gesprächsausschnitten mit praktizierenden Lehrkräften, Schüler*innen und Student*innen, die mosaikartig das Thema Achtsamkeit aus Sicht der Praktizierenden darstellen. Eine Schülerin aus unserer AG formuliert etwa:

Achtsamkeit (steigert) für mich die Lebensqualität in vielerlei Hinsicht (…). Weil du dir selbst einfach bewusster wirst, sowohl über die guten Dinge als auch über die schlechten. Aber du lernst dann, mit den schlechten besser umzugehen und die Guten mehr zu gewichten. Das hilft mir, in die Mitte zu kommen und den Fokus zu finden. Das gibt mir so viel an – wie gesagt – Lebensqualität und das ist ein sehr starkes Wort für mich. Aber ich meine das auch so: Das verbessert wirklich viel.“ (Krämer 2019: 36)

Solche Sätze zeigen mir, wie wertvoll unsere oft sehr anstrengende Arbeit mit Achtsamkeit in Schule ist. Diese Schülerin verändert – im Sinne von Gerald Hüther – ihre Erfahrung und darüber ihre Haltung zum Leben.

Am Ende formuliert Susanne Krämer einen AUSBLICK unter der Überschrift „SEINEN EIGENEN WEG FINDEN“. Sie bringt für mich nochmals den Wert von WACHE SCHULE auf den Punkt: Es ist durchwirkt von einer Haltung größten Respekts vor der Einzigartigkeit jeder Lebens- und Arbeitssituation, die es verbietet vorgefertigte Rezepte als Allheilmittel zu verordnen.

Es ist diese Haltung, die wir Agierenden in der Schule brauchen, um uns ernst genommen zu fühlen, die es uns erlaubt uns zu öffnen für eine veränderte Erfahrung, welche wiederum die Grundlage ist für jegliche nachhaltige Veränderung.

Unbedingt lesen!

Pindo

Das Leben ist schön

Wie immer schließt meine Schulwoche mit der Achtsamkeits-AG. Wir beginnen mit 15 Minuten Meditation mit Fokus Innen Sehen – Thema: Bilder des Tages. Anschließend tauschen wir uns über die Woche aus, immer aus dem Blickwinkel der Achtsamkeit.

Die Schülerinnen und Schüler, sie sind aus der 8., 10., 11. Jahrgangsstufe, dazu kommen einige ältere Ehemalige, hören sich mit großer Ernsthaftigkeit zu. Hier wird nicht diskutiert, sondern geteilt. Ich weiß nicht, ob es noch einen Ort in der Schule gibt, an dem Lernende so unterschiedlicher Altersstufen in solch einer entspannten, von Vertrauen geprägten Atmosphäre miteinander kommunizieren.

Jemand berichtet, dass er im Moment so intensiv an Comics zeichnet, dass er abends beim Schlafengehen immer die Bilder vor Augen hat und dann nicht einschlafen kann. Dann erzählt eine ehemalige Schülerin dass sie auf dem Weg zur Arbeit im Bus ihre Fahrt einfach nur genießen konnte, weil es ihr gelang, die innere Anspannung, nicht zu spät kommen zu wollen, für einen Moment loszulassen.

Anschließend hören wir zwei Lieder, die Schülerinnen aussuchen. Dabei meditieren wir mit dem Fokus Außen Hören. Nachdem der letzte Klang verhallt ist, verharren wir noch in der Versenkung, lauschen auf die Stille und ich beschließe die Runde intuitiv mit folgender Anleitung:

Nun bitte ich Euch zum Abschluss unseres Treffens … richtet euch mit euer inneren Stimme nacheinander an alle Anwesenden im Raum und drückt ihnen eure Dankbarkeit aus. Eure Dankbarkeit dafür, dass sie gekommen sind und so diesen gemeinsamen Moment möglich gemacht haben.

(Stille)

Und nun richtet Ihr Euch bitte an Euch selbst. Und sagt Euch selbst Danke, dafür dass ihr gekommen seid und so euch und uns allen diesen schönen Moment geschenkt habt.

Dann läute ich die Glocke. Ich frage, ob noch jemand etwas sagen möchte. Und eine Schülerin erzählt, dass sie das Gefühl der Dankbarkeit die ganze Zeit spüren konnte. Dass es sehr kraftvoll und angenehm war. Und als sie dann sich selbst dankte, da ertönte in ihr eine Stimme die sagte: „Das Leben ist schön.“

Eine Woche, die mit solch einem Satz ihren Abschluss findet, war eine gute Woche.

Pindo

Achtsamkeitarbeit an der FEO Berlin – ein Zwischenresümee

Muscheln am Strand

Muscheln an einem galicischen Strand – Symbol meiner Achtsamkeitsangebote am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin

Seit zwei Wochen läuft am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin in meiner 9. Klasse ein Basistraining Achtsamkeit. Die etwa 30 Schülerinnen und Schüler  kommen noch bis Weihnachten einmal pro Woche freiwillig eine Stunde früher und lassen sich von mir in die Praxis des Achtsamen Entspannens, Hörens, Sehens, Wahrnehmens des Positiven und Ziele Setzens einführen. Sie sind sehr aufmerksam und probieren  die Techniken neugierig und mit großer Ernsthaftigkeit aus. Albernes Kichern fehl am Platz. Niemals muss ich disziplinierend eingreifen. In den Feedbackrunden sind sie noch etwas schüchtern. Die entspannten, dankbar lächelnden Gesichter, die die meisten von ihnen am Ende der Sitzungen zeigen, sprechen aber für sich. Dann die Bestätigung am Elternsprechtag vergangenen Mittwoch. Mehrere Eltern kommen extra zu mir, um mir für die Arbeit mit ihren Kindern zu danken. Eine Mutter berichtet begeistert, ihr Sohn mache mit der ganzen Familie am Abendbrottisch  Achtsamkeitsübungen. Sie ist fasziniert von dieser Entwicklung – und von der Wirkung, die sie selbst verspürt.

Die Eltern der Schule haben mich nun mehrfach gebeten, auch ein Angebot speziell für sie zu machen. Nun findet es tatsächlich statt: Am 10. Januar biete ich die Abendveranstaltung „Achtsam ins Neue Jahr“ an. Darin möchte ich in einige grundlegende Techniken einführen und zeigen, wie diese zu Ankerpunkten für ein entspannteres Zusammenleben in der Familie werden können.

Seit meinen ersten Experimenten mit Achtsamkeit hat sich an meiner Schule einiges getan:

  • Etwa 120 Schülerinnen und Schüler haben in den vergangenen Jahren mit mir mehrwöchige Basistrainings absolviert und sehr positiv darauf reagiert;
  • Montags und freitags treffen sich in der Mittagspause regelmäßig zwischen 5 und 15 Jugendliche und Erwachsene, um miteinander eine Viertelstunde zu meditieren;
  • Zur Achtsamkeits-AG kommen nun im 4. Jahr diejenigen Schülerinnen und Schüler, die wirklich tief eintauchen möchten und faszinieren mich mit ihrer Begeisterung und Ernsthaftigkeit;
  • 4 Kolleginnen und Kollegen haben die von Fokus Achtsamkeit organisierte Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer / zur Trainerin mitgemacht, die ich gemeinsam mit Sabine Heggemann im Frühjahr 2016 in Berlin durchgeführt habe.

Es kommt immer wieder vor, dass ich unzufrieden bin: Die positiven Erfahrungen lösen in mir Ungeduld aus. Ich suche nach Wegen, die Arbeit im größeren Rahmen anzubieten, weil ich davon überzeugt bin, dass wir unseren Schülerinnen und Schüler heute kaum etwas Wertvolleres vermitteln können, als eine achtsame Grundhaltung. Sie bietet den Jugendlichen die Chance zu einem intensiveren Kontakt mit sich selbst, die Möglichkeit, in der heutigen Welt mit all ihren besorgniserregenden Entwicklungen mental und physisch gesund zu bleiben, die Klarheit, dass sie selbst wertvolle Mensch sind, die diese scheinbar so unvollkommene Welt ein wenig besser machen können, indem sie sich auf den spannenden Weg begeben, die bestmöglichen Menschen zu werden, die sie selbst- und nur sie selbst – sein können.

Natürlich könnte alles viel größer, wichtiger, spektakulärer sein. Dennoch weiß ich, dass die vielen kleinen Akzente, die ich an meiner Schule setzen kann, schon jetzt wertvoll sind. Und das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Pindo

 

Neurowissenschaft, Achtsamkeit und ein Auftrag

Die Erforschung von Achtsamkeit mit den Methoden westlicher Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren beeindruckende Ergebnisse hervor gebracht. Inzwischen liegen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über den enorm positiven Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen vor.

Regelrecht spektakulär sind die Ergebnisse des Resource-Projekts, dem weltweit größten Forschungsprojekt zur Meditation,  das Tania Singer in den vergangenen Jahren am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig auf den Weg gebracht hat. Singers Forschungsteam zeigt, dass meditierende Menschen ihr Gehirn so umbauen, dass sie empathiefähiger werden.

Die Konsequenz: Egoistisches Denken, das die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden dominiert und in unserem Zeitalter des globalisierten Kapitalismus mächtiger denn je erscheint, ist also prinzipiell überwindbar. Tania Singer ist davon so überzeugt, dass sie gemeinsam mit anderen Persönlichkeiten einen regelrechten Feldzug gegen die vorherrschende These, der Mensch sei zuallererst ein Homo Oeconomicus, führt und dabei selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Gehör findet. Für mich ist dies eine der wenigen Nachrichten, die mich derzeit mit ein wenig Hoffnung bezüglich der Zukunft unserer Spezies erfüllt.

Heruntergebrochen auf den Mikrokosmos der Schule leite ich aus den Erkenntnissen eine klare Legitimation, wenn nicht einen Handlungsauftrag für unsere Achtsamkeitsarbeit ab:

Wenn wir Schülerinnen und Schüler in achtsamer Wahrnehmung trainieren, dann helfen wir ihnen, sich selbst und den anderen mit mehr Empathie zu begegnen. Damit legen wir letztlich die Grundlage für eine bessere Zukunft.

Wissenschaftlich erwiesen – PUNKT

Wie kann aber eine nachhaltige Verankerung von Achtsamkeitsgedanken in ener öffentlichen Schule aussehen? Damit beschäftigt sich ein anderer Blogeintrag.

Pindo

 

 

Eine Formel für Glück (1)

 

Ein Vortrag von David Steindl-Rast bei einem TED-Treffen 2013 in Edinburgh inspiriert mich seit Wochen. In den 15 Minuten erläutert der Benediktinermönch, für mich einer der ganz großen spirituellen Lehrer unserer Zeit, den Zusammenhang zwischen Glück, Dankbarkeit und Achtsamkeit.

Auf die Essenz reduziert sag DSL aus:

  • Alle Menschen vereint, dass sie zuallererst danach streben, glücklich zu sein.
  • Die Voraussetzung für Glück ist das Empfinden von Dankbarkeit (Und nicht etwa umgekehrt!)
  • Die Voraussetzung für das Empfinden von Dankbarkeit schaffe ich, indem ich meine Wahrnehmung des Alltags bewusst verlangsame.
  • Wir können diese Verlangsamung mithilfe einer Strategie erreichen,  die wir  unseren Kindern beibringen, um sicher über die Straße zu kommen: STOP. LOOK. GO! Dabei steht GO für die der jeweiligen Situation angemessene Handlung. In den meisten Fällen besteht sie nach Aussage von DSL einfach in einem ENJOY, der Aufgabe, den jeweiligen Moment als Geschenk anzunehmen und zu genießen.

Wie ist Ihre Reaktion? Ziehen Sie sich beim Lesen innerlich bereits zurück mit einem verhaltenen „Na ja …, aaaaber ….“?

Dann bitte ich Sie, ebenso wie alle anderen, sich für den Moment eines Urteils zu enthalten,  damit eine der Grundhaltungen der Achtsamkeit zu üben und 15 Minuten Ihres Lebens zu investieren, um dem Vortrag zu lauschen, so wie ich es mit den Schülern meines Leistungskurses gemacht habe: mit einer Haltung des „Ganz Ohr Seins“, der sich möglichst umfassenden Hingabe an Ihre Fähigkeit, zu lauschen.

Nach dem Hören bitte ich Sie, für eine Minute die Augen zu schließen und auf eine mögliche Resonanz des Gehörten in sich zu achten.

Was empfinden Sie? Vielleicht mögen Sie Ihre Reaktion in einem kleinen Kommentar zu diesem Blogeintrag niederschreiben? Ich bin gespannt.

To be continued …

Pindo