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Schule ist Leben

Schule, das ist … Lärm … Eile … Hektik … Gewusel … Ansprüche … Termine … Auseinandersetzungen … Ärger … Enttäuschung … Wut …

Viele Menschen, die mit Schule zu tun haben – als Lehrer, Schüler, Eltern – reduzieren Schule darauf. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei, dieses Bild zu verfestigen. Überall ist die Rede von Unfähigkeit und Unzulänglichkeit, Versagen. Je nach politischer Couleur des Schreibenden sind die Unfähigen pauschal die Schüler, die Eltern, die Lehrer, die Politiker, die Bildungsforscher, die Unesco, unsere Gesellschaft, die den Bach runtergeht, das unfähige Land Berlin, das noch nicht mal einen Flughafen bauen kann, kein Wunder bei solch einem Bildungssystem…

Alle urteilen in jedem Moment über alles, zementieren ihre jeweiligen Wahrheiten und verstecken sich in ihren Schützengräben.

Die Folgen dieses Vorgehens sind gravierend: Solange ich so denke, kann ich nicht begreifen, dass dieser Blick auf Schule unangemessen reduziert ist: Schule ist so sehr viel mehr!

Letztlich ist sie die Summe aller Erfahrungen und Emotionen, die wir mit und in ihr wahrnehmen, ein Dschungel, mit vielen Schattenbereichen und eben so vielen sonnendurchfluteten Lichtungen. Für uns, die wir mit Schule täglich zu tun haben, ist sie nichts anderes als ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Seitdem ich von Achtsamkeit weiß, d.h. von der Möglichkeit, den jeweiligen Moment urteilsfrei wahr- und anzunehmen, gelingt es mir viel besser, dies zu erkennen und diesen Teil meines Lebens wert zu schätzen. Ich erlebe nach wie vor Lärm, Eile, Ärger, … bemühe mich nun aber darum, sie so genau wie möglich wahrzunehmen und mich in ihnen zu erfahren. Und ich erkenne mit größerer Leichtigkeit all die vielen flüchtigen Glücksmomente, die Schule bietet und erlebe sie intensiver.

Ich werde in der nächsten Zeit darüber berichten, wie ich mir in den vergangenen Monaten Verhaltensweisen angewöhnt habe, die mir Momente der Achtsamkeit bescheren, und die auf ganz unspektakuläre Weise meine Alltagserfahrung von Schule transformiert haben.

Pindo

 

 

 

 

„Es funktioniert!“ – über das achtsame Erledigen von Hausaufgaben

Vor einigen Tagen musste ich einen kranken Kollegen in einer mir fremden 10. Klasse vertreten. Eigentlich ist das eine unangenehme Aufgabe, da die Schüler meist nicht die Lust haben, sich auf eine inhaltliche Arbeit einzulassen und ich als unbekannter Lehrer nicht in der Position bin, eine solche einzufordern, ohne dabei selbst Stress zu erleben.

Diesmal war alles anders. Ich habe den Schülern von meiner Achtsamkeits-AG erzählt und sie eingeladen, eine der Techniken auszuprobieren. Die Aussicht, im Unterricht eigene Musik hören zu können, machte sie neugierig und brach – wieder einmal – das Eis. Ich erzählte kurz in drei Minuten etwas über den Sinn der Übung: über Präsenz, über Gedanken, die wir aus Vergangenheit oder Zukunft zurück in den Moment holen können und über die Folgen davon, das intensivere Erleben dessen, was wir gerade tun und das damit verbundene, nicht zu beschreibende Wohlgefühl. Wir absolvierten zwei Übungen. Nach der zweiten ließ ich die Klasse für einen Moment die Augen geschlossen zu halten und wies sie auf die friedvolle Stille hin, die uns –  31 Jugendliche und einen Lehrer – umhüllte. In diese Stille drang nach einer Minute die Pausenglocke vor, was mehrere Schüler zu einem spontanen, enttäuschten „Ooooooooh“ veranlasste…

Nachmittags war Mind the Music-AG und prompt tauchte Johanna, eine der Schülerinnen vom Morgen neu in der Gruppe auf. Sie machte die Übungen mit großer Teilnahme mit und hörte sich meine Erläuterungen sehr aufmerksam an. Ich schlug vor, wie sie die Technik des Gedankenzurückholens ganz einfach auf den Nachmittag, etwa auf den Moment des Erledigens von Hausaufgaben übertragen könnten:

„Ihr achtet auf euren Atem und verfolgt, wie er sich an der Bauchdecke bemerkbar macht. Beim Ausatmen entspannt ihr, beim Einatmen achtet ihr auf eure Körperhaltung. Dabei sendet ihr mit eurer inneren Stimme immer wieder das Signal ‚Ich sehe / ich lese‘ an euren Geist.  Sobald ihr bemerkt, dass eure Gedanken abgeschweift sind, was völlig normal ist, benennt ihr kurz, wo ihr seid („Facebook … meine Freundin X“) und kehrt mit einem neuerlichen ‚Ich sehe / ich lese‘ zurück zu dem, was ihr gemacht habt.“

Am nächsten Morgen in der Pause passte Johanna mich vor dem Lehrerzimmer ab. Ihre Augen leuchteten, sie lächelte und sagte: „Ich habe das gestern bei den Englischhausaufgaben ausprobiert. Es funktioniert!!! Darf ich nächste Woche wieder kommen?“

Pindo