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Eine Formel für Glück (2)

Dieser Eintrag ist der zweite Teil einer Betrachtung über den Zusammenhang von Glück, Dankbarkeit und achtsamer Wahrnehmung. Vielleicht mögen Sie zuerst Teil 1 lesen?

Ich zeigte den Vortrag von David Steindl-Rast in meinem Leistungskurs Englisch in einem Moment großer emotionaler Offenheit. Wir waren seit einigen Wochen dabei, den großartigen Roman Fahrenheit 451 von Ray Bradbury zu lesen. Ich lese dieses dystopische Meisterwerk aus den 50er Jahren zunehmend als ein einziges Plädoyer für ein achtsames Leben. In der autoritären Gesellschaft von F451 sind Bücher, als scheinbare Auslöser für Unzufriedenheit, subversive Elemente, die vernichtet werden müssen.

Gleich zu Beginn des Romans trifft der Protagonist Guy Montag zum ersten Mal auf das Nachbarsmädchen Clarisse. Bradbury zeigt sie in einem Moment absoluter Präsenz, vollkommener Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur:

The autumn leaves blew over the moonlit pavement in such a way as to make the girl who was moving there seem fixed to a sliding walk, letting the motion of the wind and the leaves carry her forward, Her head was half bent to watch her shoes stir the circling leaves. Her face was slender and milk-white and in it was a kind of gentle hunger that touched over everything with tireless curiosity. It was a look, almost of pale surprise; the dark eyes were so fixed to the world that no move escaped them. Her dress was white and it whispered. He almost thought he heard the motion of her hands as she walked and the infinitely small sound now, the white stir of her face turning when she discovered she was a moment away from a man who stood in the middle of the pavement waiting.

Durch ihre Begegnung öffnet Clarisse Guy die Augen. Sie zeigt ihm Dinge, die er nie gesehen hat und löst damit eine dramatische Entwicklung in seinem Leben aus. Sie selbst verschwindet bald darauf spurlos, vermutlich beseitigt als gefährliche Staatsfeindin in der anti-achtsamen Gesellschaft von F451.

Bradbury geht in seiner Zukunftsvision von Tendenzen aus, die er in der US-Gesellschaft seiner Zeit sah und entwirft ein Szenario, wie sich der technologische Fortschritt auf das soziale Miteinander der Menschen auswirken könnte. Meine Schülerinnen und Schüler waren sehr überrascht, in wievielen Bereichen unserer Gesellschaft sie Parallelen zu dieser so gruselig wirkenden Welt entdecken konnten: Unsere Fixiertheit auf Smartphones, banalste TV-Unterhaltung auf riesenhaften Fernsehgeräten, die dramatische Zunahme an Geschwindigkeit, Dauerberieselung mit Musik in öffentlichen Räumen, Adrenalinkitzel als Freizeitspaß, Reality-TV, die Parallelgesellschaften in den sozialen Netzwerken …, all diese Dinge sah Bradbury voraus.

Nachdem wir all die Analogien herausgearbeitet hatten stellten wir uns die Frage, ob unsere Gesellschaft sich denn nun in einer weiteren Entwicklungsstufe tatsächlich in eine Art F451 verwandeln würde und wir überlegten, was wir tun könnten, um das zu verhindern. In diesem Moment kam mir die Idee, sie mit David Steindl-Rast bekannt zu machen. Ich bat sie, sich den Vortrag anzusehen und anschließend darüber nachzudenken, ob er für unsere Fragestellung relevant sei.

Ich war auf die Reaktion der Schülerinnen und Schüler sehr gespannt und stellte dann sehr erfreut fest, dass die meisten tief berührt waren. Darauf hin lud ich sie zu einem kleinen Experiment ein. Ich schlug ihnen vor, das STOP-LOOK-GO einmal auszuprobieren und bat sie die Augen zu schließen. Dann legte ich jedem von ihnen eine kleine Muschel in die geöffnete Hand, die ich gemeinsam mit meiner Familie vor Jahren an einem Strand in Australien gefunden hatte. Ich bat sie die Augen zu öffnen und während der folgenden drei Minuten nichts anderes zu tun, als die Muschel mit allen Sinnen wahrzunehmen, immer wieder … und immer wieder … und wenn ihnen ihre Gedanken dazwischen funkten, dann sollten sie dies kurz feststellen und anschließend zurückkehren zum Sehen und Tasten und Fühlen.P1000035

Die drei Minuten waren erfüllt von Stille und höchster Konzentration und als ein Gong die Übung beendete, blickte ich in viele lächelnde Gesichter. Ein Schüler berichtete, die Muschel habe ihn in die Zeit zurückversetzt, als er als kleiner Junge mit seinen Eltern den Sommer am Meer verbrachte. Ein Mädchen erlebte verträumt einen Moment des vergangenen Sommers nach. Schließlich berichtete eine andere Schülerin, nennen wir sie Andrea, bei ihr habe etwas ganz anderes stattgefunden: „Ich habe die Muschel angesehen immer wieder und immer wieder … und auf einmal … habe ich mich einfach nur noch gut gefühlt“.

Anschließend half ich den Jugendlichen, ihre Erfahrungen einzuordnen. Die ersten beiden hatten sich von ihren Gedanken forttragen lassen aus dem aktuellen Moment in eine schöne Erinnerung. Und ich erklärte ihnen, dass das wunderbar sei, dass es aber neben diesen schönen Gedanken eben auch sehr viele unangenehme gebe, die uns aus dem Jetzt fortziehen können und Angst, Sorge und Stress auslösen, obwohl diese Gefühle im Moment eigentlich gar nicht von Relevanz seien. Für die meisten Menschen ist dies ein unbewusster Prozess, der andauernd stattfindet.

Bei Andrea dagegen hatte sich etwas anderes ereignet. Sie machte genau die Erfahrung, die David Steindl-Rast als Konsequenz aus seiner Strategie des Stop-Look-Go beschreibt: Allein durch die Verlangsamung der Wahrnehmung war sie in einen Zustand des Glücklichseins gelangt – ganz aus sich selbst heraus und ohne jedes Hilfsmittel.

Dann erinnerte ich sie an DSL’s Definition von einem Geschenk:

A gift is something meaningful that is given to you freely.

Und ich schloss die Stunde mit den Worten:

And as I have the impression that the shells are meaningful to you you can keep them as a present of mine.

Seitdem ich meditiere, gelingen mir manchmal solche Stunden. Sie sind kleine Inseln, auf denen ich durchatme, inmitten eines stürmischen Ozeans, indem wir ansonsten so oft nur ums Überleben kämpfen.

Pindo