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Vom „Du genügst nicht“ zum „Ich bin ok“

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Als Lehrer führe ich oft Dutzende von Gesprächen am Tag,  Gespräche mit Schülern, mit Kollegen, mit Eltern, oft nur Gesprächsfetzen zwischen Tür und Angel, hineingequetscht in eine 5-Minuten-Pause, Minidialoge im Feinstaubnebel des Kopierers, Gespräche auf der Treppe, im Schritt, manchmal nur ein Austausch von wenigen Worten oder gar nur von Blicken, während der nächste große Dompteursakt vor einer Gruppe von 32 Pubertierenden schon an uns beiden zerrt.

Wenn ich nachmittags auf dem Fahrrad durch den Park nach Hause fahre und mir die Augen zufallen, weil das Adrenalin aus meinem Körper weicht, kommt mir im Gähnen  regelmäßig der Gedanke: „So viele Leben waren das heute wieder, in die du kurz eingetaucht bist…“

Seit ich Achtsamkeit erfahren habe, höre ich den Menschen mehr zu, lausche ihren Worten, auch in diesen kurzen Momenten und lasse sie widerhallen in mir. Und mehr und mehr nehme ich einen emotionalen Grundton wahr, der alles zu durchströmen scheint und der sich auf die folgende selbstzerstörerische Feststellung bringen lässt:

„Du genügst nicht!“

Schule ist der Ort, an dem Menschen mit dieser selben Grundüberzeugung in drei unterschiedlichen Rollen zusammen kommen:

Wir Lehrer genügen nicht!

Wir haben eine Lehrverpflichtung, die in den vergangenen 20 Jahren um 25% zugenommen hat und reagieren darauf mit zwei Strategien: Die einen unterrichten die 26 Stunden (am Berliner Gymnasium, an anderen Schulformen noch mehr) und verausgaben sich dabei oft derart, dass sie die nächste unterrichtsfreie Zeit („Ferien“) mehr müde als wach und mehr krank als gesund erreichen. Die anderen reduzieren ihr Lehrdeputat, weil sie glauben, so besser gesund bleiben zu können oder weil sie den Ansprüchen an die eigene Arbeit genügen wollen, erzeugen damit in sich aber den emotionalen Konflikt, dass sie den Erwartungen ihres Arbeitgebers und letztlich der Gesellschaft nicht genügen zu können.

Wir stehen vor Korrekturbergen, die durch Vergleichsarbeiten (Lernausgangslage 7, Vera 8, MSA) immer weiter wachsen.

Wir erhalten in regelmäßigen Abständen neue Rahmenlehrpläne, die uns auf Trab halten, in schulinterne Curricula gegossen werden müssen, um zu gewährleisten, dass wir unsere Schüler vor Ort individuell optimal auf ihre künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereiten können.

Wir werden regelmäßig inspiziert, weil man uns nicht traut, dass wir unsere Arbeit professionell nach den Maßstäben erfüllen, die „eigentlich“ gelten.

Wir verfügen an der Schule über keine eingerichteten Arbeitsplätze, so dass wir zuhause  zwischen der nie fertig werdenden Arbeit für die Schule und den Ansprüchen unserer Rollen als Väter, Mütter und Lebenspartner permanent vom Drahtseil fallen.

Auch unsere Schüler genügen nicht:

Sie checken auf dem Weg zum Frühstück ihren Whatsapp-Klassenchat, wo sich über Nacht 150 neue Mitteilungen angesammelt haben, darunter immer auch die eine oder andere Bösartigkeit („Zum Glück nicht über mich!“).

Sie werden am Frühstückstisch von Papi noch mal eben gefragt, ob sie auch wirklich genug für die Mathearbeit heute gelernt haben („Was heißt eigentlich genug?“).

Sie freuen sich über anerkennende und neidische Blicke ihrer Freunde und Gegner auf die neuen coolen Sneakers („Puh, endlich mal die richtige Wahl getroffen!“)

Sie stellen beim Blick in die Tasche fest, dass sie das Mathebuch vergessen haben und sehen auf ihrem mentalen Bildschirm dann schon die Ungläubigkeit in den Augen des Lehrers, wenn sie wieder erklären müssen, dass es bei Mama zu Hause liegt, wo sie den ersten Teil der Woche wohnen und nicht bei Papa, wo sie heute übernachtet haben.

Sie erhalten vom Sportlehrer Listen für die möglichen Elemente einer Bodenturnen-Kür und landen beim Erproben der „Brücke aus dem Stand“ zu Hause mit dem Kopf auf dem harten Küchenboden, weil sie glauben, dass man auch da eine Eins haben muss.

Sie hören jeden Tag, wie wichtig, Mathe, nein Deutsch, nein Spanisch, nein Physik, nein … ist und dass sie jetzt fürs Leben lernen und dass sie sich ihre Chancen verbauen, wenn sie sich jetzt nicht ENDLICH konzentrieren. („Ich KANN mich aber nicht konzentrieren!“)

Sie leben damit, dass in der Woche drei Klassenarbeiten geschrieben werden dürfen, für Tests und andere Evaluationen aber keine klaren Regeln existieren und sich somit die Wochen vor den Ferien andauernd in Examensdauerläufe verwandeln.

Sie bekommen den Vokabeltest in Spanisch zurück und überlegen sich, wie sie den Eltern beibiegen können, dass sie mal wieder „verkackt“ haben. („Sorry, so reden die heute tatsächlich alle, auch am Gymnasium. „Müssten wir als Lehrer nicht dafür sorgen, dass die nicht so reden … ? (siehe oben!) Nein, ha!, das ist Job der Eltern, höhö! (siehe unten)“.

Sie lernen in der Oberstufe, dass jede Note entscheidend sein kann, weil jeder Zehntelpunkt hinter dem Komma darüber bestimmt, ob ihr Leben dann auch nach der Schule weiter einen Sinn hat oder endlich einen erhält … (Hinweis: An der Freien Universität Berlin lag der NC für Psychologie im vergangenen Jahr bei 1,0, der für Politikwissenschaft bei 1,1. Hallo? Geht’s noch?!!!)

Und ihre Eltern, die genügen schon gar nicht:

Sie leben in der ständigen Überzeugung versagt zu haben, weil das eigene Kind in der Schule nicht funktioniert, weil es nicht hinein passt in dieses System, in dem Menschen unter Anwendung einiger willkürlich ausgesuchter Kriterien danach bewertet werden, wieviel Prozent von X sie heute erreicht haben (und wieviel ihnen fehlt um perfekt zu sein…)

Sie haben sich vielleicht gerade selbstständig gemacht, leben daher vorübergehend von Hartz 4 und nun im inneren Konflikt, ob sie ihrem Kind die wunderbare Erfahrung der Klassenfahrt nach Spanien ermöglichen  und dafür die Demütigung auf sich nehmen sollen, eine Komplettförderung zu beantragen;

Sie werden von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie sich nicht genügend darum kümmern, ob ihr Sohn das Richtige isst, die Hausaufgaben ordentlich macht, nicht so viel am Handy ist, sich ausreichend bewegt, diese schreckliche Sprache benutzt („Vorhin hat er schon wieder ‚VERKACKT‘ gesagt …“)

Während ich schreibe, spüre ich in mich hinein und fühle all die Beklemmung, Scham, Angst, Ärger, Überforderung, das ganze Spektrum an Emotionen, das uns tagtäglich in der Schule überflutet, mit dem wir uns gegenseitig negativ aufladen und schwächen.

Dann hebt sich mein Blick und ich sehe die Kirschbäume vor dem Fenster, mit den ersten Knospen, endlich, nach so langem Frost, in der klaren Berliner Frühlingssonne. Und ein zartes, wohliges Gefühl der Dankbarkeit kitzelt den Emotionsknoten klein.

Es ist zu Beginn Dankbarkeit für diesen schönen Tag, meinen zweiten Ferientag. Aber dann weitet sie sich aus beim Gedanken an die Achtsamkeit, die mir einen Weg weist, wie ich dieser Negativität etwas entgegen setzen kann, im Kleinen, indem ich meinen Mitmenschen an der Schule lausche, ganz Ohr werde, indem ich meine Schüler Schritt für Schritt entdecken lasse, wie wir unsere Wirklichkeit über unsere Wahrnehmung selbst konstruieren, im Zusammenspiel von Gedanken, externen Erfahrungen und Emotionen..

Und wenn sie dann beginnen, das Durcheinander klarer zu sehen und es mit Gelassenheit zu betrachten und sie Raum für die Erkenntnis schaffen, dass sie nicht alles glauben müssen, was sie sich selbst tagtäglich erzählen, dann kommt der Moment für ein Gespräch über die innere Stimme, über dieses vergiftende „Ich genüge nicht!“. Und wir starten Experimente, wie  es sich anfühlt, wenn wir es bewusst ersetzen durch Affirmationen, die uns gut tun, Sätze wie „Ich bin ok!“, „Ich bin da!“ oder „Du bist genug“. Und sie spüren nach, wie sich „Ich liebe mich!“ anfühlt und sie merken, dass das nicht geht. („Echt zu heavy!“) Aber das „Ich bin ok“ ganz gut kommt.

Und mir wird wieder bewusst, wieviel Qualität die Achtsamkeit in meinen Beruf bringt und wie wenig mich die x.te neue Studie schert, die in Frage stellt, dass Achtsamkeitsprogramme bei Jugendlichen wirken, eine Studie, die nichts als ein weiterer Reflex der „Du-Genügst-Nicht“-Gesellschaft ist, die fordert, dass Wirkungen quantifizierbar nachgewiesen werden müssen und die nicht kapiert oder zu verhindern versucht, dass die Einzelne in ihre Kraft kommt, und dann, indem sie SICH verändert, beginnt,ihre UMWELT zu transformieren.

Pindo