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Neurowissenschaft, Achtsamkeit und ein Auftrag

Die Erforschung von Achtsamkeit mit den Methoden westlicher Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren beeindruckende Ergebnisse hervor gebracht. Inzwischen liegen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über den enorm positiven Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen vor.

Regelrecht spektakulär sind die Ergebnisse des Resource-Projekts, dem weltweit größten Forschungsprojekt zur Meditation,  das Tania Singer in den vergangenen Jahren am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig auf den Weg gebracht hat. Singers Forschungsteam zeigt, dass meditierende Menschen ihr Gehirn so umbauen, dass sie empathiefähiger werden.

Die Konsequenz: Egoistisches Denken, das die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden dominiert und in unserem Zeitalter des globalisierten Kapitalismus mächtiger denn je erscheint, ist also prinzipiell überwindbar. Tania Singer ist davon so überzeugt, dass sie gemeinsam mit anderen Persönlichkeiten einen regelrechten Feldzug gegen die vorherrschende These, der Mensch sei zuallererst ein Homo Oeconomicus, führt und dabei selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Gehör findet. Für mich ist dies eine der wenigen Nachrichten, die mich derzeit mit ein wenig Hoffnung bezüglich der Zukunft unserer Spezies erfüllt.

Heruntergebrochen auf den Mikrokosmos der Schule leite ich aus den Erkenntnissen eine klare Legitimation, wenn nicht einen Handlungsauftrag für unsere Achtsamkeitsarbeit ab:

Wenn wir Schülerinnen und Schüler in achtsamer Wahrnehmung trainieren, dann helfen wir ihnen, sich selbst und den anderen mit mehr Empathie zu begegnen. Damit legen wir letztlich die Grundlage für eine bessere Zukunft.

Wissenschaftlich erwiesen – PUNKT

Wie kann aber eine nachhaltige Verankerung von Achtsamkeitsgedanken in ener öffentlichen Schule aussehen? Damit beschäftigt sich ein anderer Blogeintrag.

Pindo

 

 

Eine Formel für Glück (1)

 

Ein Vortrag von David Steindl-Rast bei einem TED-Treffen 2013 in Edinburgh inspiriert mich seit Wochen. In den 15 Minuten erläutert der Benediktinermönch, für mich einer der ganz großen spirituellen Lehrer unserer Zeit, den Zusammenhang zwischen Glück, Dankbarkeit und Achtsamkeit.

Auf die Essenz reduziert sag DSL aus:

  • Alle Menschen vereint, dass sie zuallererst danach streben, glücklich zu sein.
  • Die Voraussetzung für Glück ist das Empfinden von Dankbarkeit (Und nicht etwa umgekehrt!)
  • Die Voraussetzung für das Empfinden von Dankbarkeit schaffe ich, indem ich meine Wahrnehmung des Alltags bewusst verlangsame.
  • Wir können diese Verlangsamung mithilfe einer Strategie erreichen,  die wir  unseren Kindern beibringen, um sicher über die Straße zu kommen: STOP. LOOK. GO! Dabei steht GO für die der jeweiligen Situation angemessene Handlung. In den meisten Fällen besteht sie nach Aussage von DSL einfach in einem ENJOY, der Aufgabe, den jeweiligen Moment als Geschenk anzunehmen und zu genießen.

Wie ist Ihre Reaktion? Ziehen Sie sich beim Lesen innerlich bereits zurück mit einem verhaltenen „Na ja …, aaaaber ….“?

Dann bitte ich Sie, ebenso wie alle anderen, sich für den Moment eines Urteils zu enthalten,  damit eine der Grundhaltungen der Achtsamkeit zu üben und 15 Minuten Ihres Lebens zu investieren, um dem Vortrag zu lauschen, so wie ich es mit den Schülern meines Leistungskurses gemacht habe: mit einer Haltung des „Ganz Ohr Seins“, der sich möglichst umfassenden Hingabe an Ihre Fähigkeit, zu lauschen.

Nach dem Hören bitte ich Sie, für eine Minute die Augen zu schließen und auf eine mögliche Resonanz des Gehörten in sich zu achten.

Was empfinden Sie? Vielleicht mögen Sie Ihre Reaktion in einem kleinen Kommentar zu diesem Blogeintrag niederschreiben? Ich bin gespannt.

To be continued …

Pindo

 

 

Ein achtsamer Blick auf den Schulhof

Vor einigen Wochen habe ich die Schülerinnen und Schüler in meiner Achtsamkeits-AG in eine Technik der Sehmeditation eingeführt. Das Vorgehen ist einfach: Wir nehmen uns vor, „ganz Auge zu sein“, das heißt, den Fokus für mehrere Minuten exklusiv aufs Sehen zu richten. Immer, wenn wir uns bewusst werden, dass unsere Gedanken abschweifen, reagieren wir darauf mit wohlwollender Aufmerksamkeit und erneuern dann unseren Fokus des Sehens. Einigen hilft es, den Fokus zu intensivieren, indem sie sich mit ihrer mentalen Stimme in einem Rhythmus von mehreren Sekunden immer wieder aufs Neue sagen: „Sehen! … Sehen!…“.

Ausgangspunkt für diese spontane Übung war die Frage eines Teilnehmers, ob ich einen Tipp habe, wie er seinen „inneren Schweinehund“ überwinden könne, wenn er – wie so oft – keine Lust habe, mit den Hausaufgaben zu beginnen.

Ich schlug darauf hin diese Sehmeditation vor. Wir begannen, indem wir für 3 Minuten den Tischen, an denen wir saßen, unsere volle Aufmerksamkeit widmeten. Anschließend berichteten alle Schüler, dass sie nach kurzer Zeit begannen, Dinge zu entdecken, die sie vorher nicht gesehen hatten. Die Folge war, dass sie dann anschließend mit gesteigertem Interesse auf die Suche nach weiteren Details gingen, die ihnen vorher entgangen waren.

Ich half ihnen, zu verstehen, dass sie da eine eigentlih sehr bedeutsame Erfahrung gemacht hatten. Es war ihnen nämlich gelungen, aus dem Nichts heraus Interesse an einem zunächst völlig banalen  Gegenstand zu entwickeln. Dieses faszinierende Phänomen habe ich erstmals durch die Unterweisungen von Soryu Forall, dem „Erfinder“ der Achtsamkeitsprogramme MIND THE MUSIC und MODERN MINDFULNESS kennen gelernt. Er zeigt Jugendlichen, dass sie sich so ganz einfach selbst motivieren können. Für die meisten Jugendlichen, die in der Schule selten wissen, warum sie das alles tun sollen, kann die Entwicklung dieser Fähigkeit einen entscheidenden Impuls für mehr Erfolg und Zufriedenheit in ihrem Leben geben.

Dann bat ich die Teilnehmer/innen, aus dem Fenster zu sehen und für ein paar Minuten nichts anderes zu tun, als den Blick auf den Schulhof (vgl. Foto) zu richten und den Fokus immer wieder zu erneuern. Wir sahen:

Bäume über Bäume,
die aus der Erde empor wachsen,
hunderte verschiedener Töne von
Grün, Gelb und Braun,
tausende herumschwirrender Marienkäfer,
schemenhafte Schornsteine im Dunst am Horizont,
die Mäander einer Weinranke auf einer Hauswand,
Saugnnäpfe einer Pflanze
direkt vor uns im Fensterrahmen

Anschließend ergab der Austausch, dass alle Meditierenden das fokussierte Sehen als extrem angenehm empfunden hatten. Es führte zu regelrecht wohligen Körpergefühlen. Ein Schüler berichtete außerdem, wie ihn die Saugnäpfe der Pflanze vor ihm (vgl. Foto) faszinierten und dass er zunächst den Impuls hatte, sie abzureißen, dann aber zu dem Schluss kam, das man so etwas Schönes nicht einfach zerstören dürfe.

Solche Erfahrungen zeigen mir immer wieder aufs Neue wie wichtig es ist, Jugendliche an die Achtsamkeit heranzuführen. Sie kommen durch diese Übungen mit sich selbst in Kontakt. Sie lernen, ihr eigenes Wohlempfinden zu steigern, indem sie in sich hinein fühlen oder die Umgebung, in der sie sich befinden, achtsam wahrnehmen. Und sie lernen Empathie – und sei es mit den Saugnäpfen einer Pflanze, die zu einem Wundwerk der Schöpfung wird.

Solche Jugendliche brauchen wir, heute mehr denn je.

Pindo

PS: Diese Sehmeditation habe ich bei meiner Beschäftigung mit Shinzen Youngs inspirierendem Meditationssystem Basic Mindfulness kennen gelernt. Interessierte finden hier weitere Hinweise und sehr wertvolle Übungsanleitungen.

Thich Nhat Hanh an das amerikanische Volk – ein zentraler Text in dunkelster Zeit

Das Grauen von Paris lässt mich verstummen. Ich bin voller Trauer und fühle mich hilflos angesichts der sich nun schon so oft wiederholenden Bilder aus New York, London, Madrid, Paris …

Und ich fühle Wut ob der ritualisierten Reaktionen in der westlichen Welt: Eigentlich renommierte Tageszeitungen, deren Journalisten sich in Reportagen ergehen, die brutaler daher kommen, als irgendein Splattermovie, unsere Weltführer/innen, die die immer gleichen Reaktionen ankündigen, mit denen sie mit dafür verantwortlich dafür sind, dass die Welt mindestens seit 9/11 in einer sich immer schneller drehenden Spirale von Hass und Gewalt versinkt.  Politiker in Deutschland, die schon zwei Tage nach den Anschlägen beginnen, die Vorgänge parteipolitisch auszuschlachten.

In dieser Situation der Hilflosigkeit und Wut erinnerte ich mich an eine Rede, die der vietnamesische Zenmeister Thich Nhat Than wenige Wochen nach dem Angriff auf das World Trade Center in New York ans amerikanische Volk richtete. In ihr geht es um den Umgang mit … Wut.

Die Lektüre hat mich sehr ergriffen und so beschloss ich kurzerhand Thays Worte ins Deutsche zu übersetzen. Möglicherweise gibt es bereits eine Übersetzung, für mich war die Arbeit aber wichtig, sie wurde zu einer Schreibmeditation, die mich beruhigt und mich wieder zu mir gebracht hat. Der Text ist lang, aber das Lesen lohnt sich. Ich denke, es handelt sich um einen der ganz wenigen wirklich wichtigen Texte in dieser Zeit. Denn: Thich Nhat Than beschreibt hier in klaren, einfachen Worten einen, vielleicht den einzig möglichen Ausweg für die Menschheit aus der Gewaltspirale: den der Achtsamkeit.

Pindo

Thich Nhat Than, Riverside Church New York, 25. September 2001
Meine liebe Freunde, ich möchte euch erzählen, wie ich praktiziere, wenn ich wütend werde. Während des Kriegs in Vietnam gab es viel Ungerechtigkeit, und Tausende, darunter viele meiner Freunde, viele meiner Schüler, wurden getötet. Ich wurde sehr wütend. Einmal erfuhr ich, dass die Stadt Ben Tre, eine Stadt mit 300.000 Einwohnern, von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert worden war, nur weil einige Guerillas in die Stadt gekommen waren und versucht hatten, amerikanische Flugzeuge abzuschießen. Die Guerillas hatten keinen Erfolg und gingen anschließend fort und die Stadt wurde zerstört. Und der Militär, der dafür verantwortlich war, erklärte später, dass er die Stadt Ben Tre zerstören musste, um sie zu retten. Ich war sehr wütend.
Aber zu der Zeit war ich schon ein Praktizierender, ich hatte eine solide Praxis. Ich sagte nichts, ich handelte nicht, weil ich wusste, dass es nicht weise ist, zu handeln oder Dinge sagen, während du wütend bist. Es kann viel Zerstörung verursachen. Ich ging zurück zu mir, erkannte meine Wut, umarmte sie und schaute tief in die Natur meines Leidens.

In der buddhistischen Tradition haben wir die Praxis des achtsamen Atmens, des achtsamen Gehens, um die Energie der Achtsamkeit zu erzeugen. Es ist genau mit der Energie der Achtsamkeit, dass wir unsere Wut erkennen, umarmen und transformieren können. Achtsamkeit ist die Art Energie, die uns hilft, uns bewusst zu machen, was in uns und um uns herum vorgeht, und jeder kann achtsam sein. Wenn du eine Tasse Tee trinkst und du weißt, dass du gerade eine Tasse Tee trinkst, das ist achtsames Trinken. Wenn du einatmest und du weißt, dass du einatmest und du fokussierst deine Aufmerksamkeit auf das Einatmen, dann ist das Achtsamkeit des Atmens. Wenn du einen Schritt machst und du bist dir bewusst, dass du einen Schritt machst, dann nennt man das die Achtsamkeit des Gehens. Die grundlegende Praxis in Zen-Zentren, Meditationszentren, ist die Praxis des Erzeugens von Achtsamkeit in jedem Moment deines täglichen Lebens. Wenn du wütend bist, dann bist du dir bewusst, dass du wütend bist. Weil du schon die Energie der Achtsamkeit in dir durch die Praxis erzeugt hast, deswegen hast du genug von ihr, um die Natur deines Leidens zu erkennen, zu umarmen, tief in es hineinzusehen und zu verstehen.

Ich war dazu in der Lage, die Natur des Leidens in Vietnam zu verstehen. Ich sah, dass während des Vietnamkriegs nicht nur Vietnamesen litten, sondern auch Amerikaner. Der junge Amerikaner, der nach Vietnam gesendet worden war, um zu töten und getötet zu werden, erfuhr viel Leiden und das Leiden setzt sich bis heute fort. Die Familien, die Nation leidet auch. Ich konnte sehen, dass die Ursache unseres Leidens in Vietnam nicht die amerikanischen Soldaten waren. Es ist eine Politik, die nicht weise ist. Es ist ein Missverständnis. Es ist eine Angst, die der Politik zugrunde liegt.
Viele in Vietnam hatten sich selbst verbrannt, um ein Ende der Zerstörung zu fordern. Sie wollten keinen Schmerz auf andere Leute laden, sie wollten den Schmerz auf sich selbst nehmen, um ihre Botschaft zu vermitteln. Aber die Geräusche der Flugzeuge und Bomben waren zu laut. Von den Menschen in der Welt waren nicht viele dazu fähig, uns zu hören. So beschloss ich, nach Amerika zu gehen, um zum Ende der Gewalt aufzurufen. Das war im Jahr 1966, und deswegen konnte ich anschließend nicht mehr nach Hause gehen. Und ich habe seit der Zeit, seit 1966 im Exil gelebt.

Ich konnte sehen, dass der wahre Feind des Menschen nicht der Mensch ist. Der wahre Feind ist unsere Ignoranz, die Diskriminierung, unsere Angst, unser Verlangen und die Gewalt. Ich hatte keinen Hass gegen das amerikanische Volk, die amerikanische Nation. Ich kam nach Amerika, um für eine Art des tiefen Sehens zu plädieren, die es eurer Regierung ermöglichen sollte, ihre Politik zu überdenken. Ich erinnere mich, dass ich den Verteidigungsminister Robert MacNamara traf. Ich erzählte ihm von der Wahrheit über das Leiden. Er behielt mich für eine lange Zeit bei sich und er hörte mir intensiv zu und ich war sehr dankbar für die Qualität seines Zuhörens. Drei Monate später, als der Krieg sich intensivierte, hörte ich, dass er von seinem Posten zurücktrat.

Hass und Wut waren nicht in meinem Herzen. Deswegen hörten mir viele junge Menschen in meinem Land zu. Und ich riet Ihnen, dem Pfad der Versöhnung zu folgen, und zusammen trugen wir dazu bei, die neuen Organisationen für Frieden in Paris zu gründen. Ich hoffe, meine Freunde hier in New York sind dazu in der Lage, dasselbe zu praktizieren. Ich verstand, Ich verstehe Leiden und  Ungerechtigkeit, und ich fühle dass ich das Leiden von New York, von Amerika zutiefst verstehe. Ich fühle, dass ich ein New Yorker bin. Ich fühle dass ich ein Amerikaner bin.

Du möchtest für dich da sein, mit dir sein und nicht handeln oder Dinge sagen, wenn du nicht ruhig bist. Es gibt Wege, zu uns selbst zurückzukehren und zu praktizieren, so dass wir unsere Ruhe und Klarheit wieder entdecken. Es gibt Wege der Praxis, mit denen wir die wahren Ursachen des Leidens verstehen. Und dass das Verstehen uns helfen wird, zu tun, was getan werden muss und nicht zu tun, was für uns oder andere Menschen schädlich sein könnte. Lasst uns gemeinsam für eine halbe Minute achtsames Atmen praktizieren, bevor wir weitermachen.

In der buddhistischen Psychologie sprechen wir vom Bewusstsein als Samen. Wir haben den Samen der Wut in unserem Bewusstsein. Wir haben den Samen der Verzweiflung, der Angst. Aber wir haben auch den Samen des Verstehens, der Weisheit, des Mitgefühls in uns. Diese Samen werden sich als machtvolle Energie manifestieren, die uns hilft, einen Akt des Vergebens und Mitgefühls auszuführen. So wird es möglich sein, für unsere Nation und unsere Welt sofort Erleichterung zu bringen. Das ist meine Überzeugung.
Ich habe den tiefen Glauben, dass die amerikanischen Menschen in sich viel Weisheit und Mitgefühl haben. Ich wünsche euch, dass ihr die besten eurer selbst seid, wenn ihr beginnt zu handeln, für das Wohl Amerikas und für das Wohl der Welt. Mit Klarheit, mit Verständnis und Mitgefühl werdet ihr euch den Menschen, die euch viel Schaden und Leiden zugefügt haben, zuwenden und ihnen viele Fragen stellen.
„Wir verstehen nicht genug von eurem Leiden, könnt ihr uns davon erzählen? Wir haben euch nichts getan, wir haben nicht versucht, euch zu zerstören, wir haben euch nicht diskriminiert, und wir verstehen nicht, warum ihr dies mit uns getan habt. In euch muss viel Leiden sein. Wir möchten euch zuhören. Vielleicht können wir euch helfen. Und zusammen können wir Frieden in der Welt schaffen.“ Und wenn ihr solide seid, wenn ihr Mitgefühl zeigt, während ihr diese Aussage macht, werden sie euch von ihrem Leiden erzählen
.

Im Buddhismus sprechen wir von der Praxis des tiefen Zuhörens, des Zuhörens mit Mitgefühl, eine wundervolle Methode, durch die wir Kommunikation wiederherstellen können, Kommunikation zwischen Partnern, Kommunikation zwischen Vater und Sohn, Kommunikation zwischen Mutter und Tochter, Kommunikation zwischen Nationen. Die Praxis des tiefen Zuhörens sollte von Eltern aufgenommen werden, von Partnern, so dass sie das Leiden der anderen Person verstehen können. Diese Person mag unsere Ehefrau sein, unser Ehemann, unser Sohn oder unsere Tochter.  Vielleicht haben wir genug guten Willen, um zuzuhören, Aber viele von uns haben die Fähigkeit des tiefen Zuhörens verloren, weil wir in uns viel Wut und Gewalt haben. Die anderen Menschen wissen nicht, wie sie freundliche Sprache verwenden; sie beschuldigen und urteilen immer. Und Sprache ist oft sauer und bitter. Diese Art des Sprechens wird immer zu Irritation und Wut in uns führen, und uns davon abhalten, tief und mit Mitgefühl zuzuhören. Deswegen reicht es nicht aus, guten Willen zum Zuhören zu haben. Wir brauchen ein Training, um mit Tiefe und Mitgefühl zuzuhören.
Ich denke, ich glaube, ich habe die Überzeugung, dass ein Vater, der weiß, wie er seinem Sohn mit Tiefe und Mitgefühl zuhört, eine Tür zum Herzen seines Sohns öffnen kann, um so Kommunikation wiederherzustellen.

Die Menschen in unserem Kongress und unseren Senat sollten sich auch im Zuhören mit Tiefe und Mitgefühl trainieren. Es gibt viel Leiden im Land und viele Menschen fühlen, dass ihr Leiden nicht verstanden wird. Deswegen müssen Politiker, Mitglieder des Parlaments, Mitglieder des Kongresses, sich in der Art des tiefen Zuhörens trainieren, um ihren eigenen Menschen und dem Leiden im Land zuzuhören, denn es gibt Ungerechtigkeit und Diskriminierung im Land. Es gibt viel Wut im Land. Wenn wir einander zuhören können, können wir auch den Menschen in anderen Ländern zuhören. Viele von ihnen sind in einer Situation der Verzweiflung, viele leiden unter Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Die Menge an Gewalt und Verzweiflung in ihnen ist riesig. Und wenn wir wissen, wie wir als Nation ihrem Leiden zuhören, dann können wir schon viel Erleichterung bringen. Sie werden sich verstanden fühlen. Das kann die Bombe schon entschärfen.

Ich rate einem Paar immer, dass, wenn sie wütend auf einander sind, sie zu ihrem Atmen zurückkehren sollen, zum achtsamen Gehen, dass sie ihre Wut umarmen und tief in die Natur ihrer Wut hineinsehen sollen. Und dass sie in der Lage sein können, ihre Wut in nur 15 Minuten oder ein paar Stunden zu transformieren. Wenn sie das nicht können, dann müssen Sie der anderen Person erzählen, dass sie leiden, dass sie wütend sind und dass sie wollen, dass die andere Person das weiß. Sie werden versuchen, es auf eine ruhige Weise zu sagen: „ Mein/e Liebe/r, ich leide und ich möchte, dass du das weißt.“

In Plum Village, wo ich lebe und praktiziere, raten wir unseren Freunden, dass sie ihre Wut nicht für mehr als 24 Stunden für sich behalten, ohne es der anderen Person zu sagen: „Mein/e Liebe/r, ich leide, und ich möchte dass du das weißt. Ich weiß nicht, warum du mir solch eine Sache angetan hast. Ich weiß nicht, warum du so etwas zu mir gesagt hast.“ Das ist die erste Sache, die sie der anderen Person sagen sollten. Und wenn sie nicht ruhig genug sind es zu sagen, dann können sie es auf ein Stück Papier schreiben.

Die zweite Sache, die sie sagen oder niederschreiben können, ist: „Ich tue mein Bestes.“ Das bedeutet: „ Ich bin bereit zu üben, nichts mit Wut zu sagen oder zu tun, weil ich weiß, dass, wenn ich das tue, ich mehr Leiden erzeuge. So umarme ich meine Wut, Ich blicke tief in die Natur meiner Wut.“ Ihr sagt der anderen Person, dass ihr übt, Eure Wut zurückzuhalten, Eure Wut zu verstehen, um herauszufinden, ob die Wut aus eurem eigenen Missverstehen entstanden ist, eurer eigenen falschen Wahrnehmung, aus mangelnder Achtsamkeit oder einer mangelnden Fertigkeit.

Und die dritte Sache, die ihr ihm oder ihr vielleicht sagen möchtet, ist: „Ich brauche deine Hilfe.“ Normalerweise möchten wir das Gegenteil tun, wenn wir wütend auf jemanden werden. Wir möchten sagen: „ Ich brauche dich nicht. Ich kann alleine überleben.“ „Ich brauche deine Hilfe“ bedeutet: „Ich brauche deine Praxis, Ich brauche dein tiefes Sehen, ich brauche deine Hilfe, meine Wut zu überwinden, weil ich leide.“ Und wenn ich leide, gibt es keine Möglichkeit, dass du glücklich bist, weil Glück keine individuelle Angelegenheit ist. Wenn eine andere Person leidet, gibt es keinen Weg, dass du allein wirklich glücklich bist. Indem ihr also der anderen Person helft, weniger zu leiden, zu lächeln, werdet ihr selbst auch glücklich.

Der Buddha sagte: „Dies ist so, weil das so ist. Dies ist, weil das ist.“ Die drei Sätze, die ich vorschlage, sind die Sprache der wahren Liebe. Sie wird die andere Person inspirieren, zu praktizieren, tief zu blicken und zusammen werdet ihr Verständnis und Versöhnung finden. Ich schlage meinen Freunden vor, diese Sätze auf ein Stück Papier zu schreiben, und sie in ihre Brieftasche zu stecken. Jedes Mal, wenn sie wütend auf ihren Partner oder ihren Sohn oder ihre Tochter werden, dann können sie achtsames Atmen üben, den Zettel herausnehmen und lesen. Er wird eine Glocke der Achtsamkeit sein, die Ihnen sagen wird, was zu tun und was zu lassen ist. Dies sind die drei Sätze: „Ich leide und ich möchte dass du das weißt.“ „ Ich tue mein Bestes.“ „ Bitte hilf.“

Ich glaube, dass auch in einem internationalen Konflikt diese Art der Praxis möglich ist. Deswegen schlage ich Amerika als Nation vor, dasselbe zu tun. Ihr sagt den Menschen, dass ihr glaubt, dass ihr die Ursache ihres Leidens seid, dass Ihr wollt, dass sie dies wissen, dass ihr wissen wollt, warum sie euch solch eine Sache angetan haben, und dass ihr euch darin übt, mit Tiefe und Mitgefühl zuzuhören. 
Die Qualität unseres Seins ist dabei sehr wichtig, denn durch sie ist diese Frage, diese Aussage keine Verurteilung, sondern der Wille, wahre Kommunikation zu erzeugen. „Wir sind bereit, euch zuzuhören. Wir wissen, dass ihr viel gelitten haben müsst, Um uns solch eine Sache anzutun. Ihr mögt gedacht haben, dass wir die Ursache eures Leidens sind. Sagt uns deshalb bitte ob wir versucht haben, euch zu zerstören, ob wir versucht haben, euch zu diskriminieren, damit wir es verstehen können. Und wir wissen, dass, wenn wir euer Leiden verstehen, wir euch helfen können.“ Das ist es, was wir im Buddhismus „ liebendes Reden“ oder „liebevolle Sprache“, nennen, und es hat das Ziel, Kommunikation zu erzeugen, Kommunikation wiederherzustellen. Und wenn die Kommunikation wiederhergestellt ist, wird Frieden möglich sein.

In diesem Sommer kam eine Gruppe von Palästinensern nach Plum Village und praktizierte gemeinsam mit einer Gruppe von Israelis. Es waren ein paar Dutzend. Wir finanzierten ihr Kommen und gemeinsames Praktizieren. In zwei Wochen lernten Sie, gemeinsam zu sitzen, gemeinsam achtsam zu gehen, gemeinsam das Essen schweigend zu genießen, und ruhig zu sitzen, um einander zuzuhören. Die aufgenommene Praxis war sehr erfolgreich. Am Ende der zwei Wochen Praxis gaben sie uns einen wunderbaren, wunderbaren Bericht. Eine Frau sagte: „Thay, dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sehe, dass Frieden im Nahen Osten möglich ist.“ Ein anderer junger Mensch sagte: „Thay, als ich in Plum Village ankam, glaubte ich zunächst nicht, dass Plum Village etwas Reales war, weil du in der Situation in meinem Land in permanenter Angst und Wut lebst. Wenn deine Kinder in den Bus einsteigen, bist du nicht sicher, dass sie wieder nach Hause kommen. Wenn du auf den Markt gehst, bist du nicht sicher, dass du überleben wirst, um wieder nach Hause zu deiner Familie zu gehen. Wenn du nach Plum Village kommst, dann siehst du Menschen, die einander mit liebender Güte ansehen, die freundlich miteinander sprechen, die voller Frieden laufen und alles mit Achtsamkeit tun. Wir glaubten nicht, dass das möglich war. Es sah unwirklich für mich aus.“
Aber in der friedlichen Umgebung von Plum Village war es ihnen möglich, zusammen zu sein, zusammen zu leben, einander zuzuhören und am Ende kam das Verstehen. Sie versprachen, ihre Praxis weiterzuführen, wenn Sie in den Nahen Osten zurückkehrten. Sie werden jede Woche einen Tag der Praxis auf lokaler Ebene und einen Tag der Achtsamkeit auf nationaler Ebene organisieren. Und sie planen, mit einer größeren Gruppe nach Plum Village zu kommen, um ihre Praxis fortzuführen.
Ich denke, dass, wenn Nationen wie Amerika diese Art der Umgebung organisieren können, wo Menschen zusammen kommen können, und ihre Zeit miteinander verbringen, um Frieden zu praktizieren, dann werden sie dazu in der Lage sein, ihre Gefühle und ihre Ängste zu beruhigen und friedliches Verhandeln wird viel einfacher sein.

Die neuen Leiden der Generation W.

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Vergangene Woche gab ich während der Projekttage an unserer Schule eine Einführung in die Achtsamkeit für Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen, unsere „Kleinen“ also.

Wir experimentierten damit, wie die Beobachtung des eigenen Atems oder eine Reise mit der Wahrnehmung durch den Körper uns helfen kann, im aktuellen Moment zu bleiben. Die Schüler erkannten schnell, dass dadurch die Gedanken und Gefühle, die an andere, nicht aktuelle Momente geknüpft sind, in den Hintergrund treten – und dass dies eine Erleichterung sein kann.

In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf unsere Handys zu sprechen. Ich fragte, wie sie die Geräte einschätzten, ob sie uns eher helfen könnten, im Moment zu sein oder ob sie das Gegenteil bewirkten. In der Folge ergab sich eine sehr reghafte Diskussion zwischen den 15 Experten in meiner Runde, die, im Alter von 12-13 Jahren, alle ein Smartphone haben und die es gewohnt sind, über diese permanent in einem Klassen-Chat miteinander in Verbindung zu stehen.

Natürlich haben die Kids kein Bewusstsein davon, dass sie die erste Generation sind, die mit einer solchen digitalen Dauerverbindung zuteinander aufwachsen. Die meisten fanden diese Art der Kommunikation cool oder einfach normal. Einige erzählten aber auch nachdenklich, dass sie es schon anstrengend fänden, dem Dauergeschnatter folgen zu müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Und sie berichteten von einem Stressfaktor, den ich so als Jugendlicher definitiv nicht hatte: Alle finden es sehr belastend, dass das Chat-Programm ihnen sofort zeigt, ob ihre Nachricht an einen Freund angekommen ist und ob er diese gelesen hat. Sobald dieses Signal erscheint, beginnt bei ihnen das Warten auf die Antwort. Bleibt sie aus, fühlen sie innere Ungeduld und auch Ärger, der sich dann beim nächsten persönlichen Treffen in einem regelrechten Streit entladen kann: „Warum hast du denn nicht geantwortet? Das fand ich total doof!“ Andererseits fühlen sie sich selbst unter enormem Druck, wenn sie selbst eine Nachricht erhalten, keine Lust haben zu antworten und genau wissen, dass bei ihrem Freund genau die oben beschriebene Reaktionskette abläuft.

Ich war sehr beeindruckt. In meiner Schulzeit war ich mittags immer heilfroh, wenn ich bis zum nächsten Tag aus dem sozialen Gefüge meiner Klasse aussteigen konnte und wieder Privatmensch wurde. Dann konnte ich mich mit meinem Freund verabreden und mich mit ihm ganz darauf konzentrieren, unseren Nachmittag zu genießen. Wir spielten miteinander Fußball, redeten über den Morgen, lästerten auch über andere, waren aber immer bei uns und mit uns allein. Heute haben die Jugendlichen ihr Handy immer dabei und sind darüber fortlaufend im digitalen Netzwerk ihrer Freunde und Feinde mit all ihren Ansprüchen und Gehässigkeiten gefangen.

Wir Erwachsene klagen oft über die permanente Verfügbarkeit, die wir als belastend empfinden, wenn wir über E-mail und andere Kommunikationskanäle auch abends und am Wochenende erreichbar sind. Nun habe ich verstanden, dass unsere Kinder noch einen Schritt weiter gehen, indem sie sich dieser Verfügbarkeit ganz freiwillig und unter dem Druck, cool sein zu müssen, auch in ihrem Privatleben aussetzen.

Dieses neue Leiden der Generation Whatsapp weckt mein tiefstes Mitgefühl.

Pindo

Empathie und der Sinn des Lebens

Jules, eine Leserin aus Kanada, die dort als Kinder- und Jugendpsychologin arbeitet, hat mich auf die faszinierende Arbeit von Brené Brown hingewiesen.

Brené Brown ist Sozialwissenschaftlerin an der Universität Houston. Sie erforscht unser Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen. Laut Brown ist es DAS Gefühl, für das wir leben, das unserem Leben einen Sinn gibt.

In dem unten stehenden, sehr gelungen animierten Video spricht Brown über Empathie und Mitleid (engl.: sympathy). Dies sind zwei Haltungen, die viele Menschen miteinander vermengen, die jedoch gravierend unterschiedliche Konsequenzen haben: Während Empathie uns mit anderen Menschen verbindet – und so sinnstiftend wirkt, hat Mitleid die gegenteilige Konsequenz. Sie wirkt trennend.

Empathie, die Fähigkeit, mit einem anderen Menschen zu fühlen, setzt vier einzelne Teilfertigkeiten voraus:

  • die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen
  • sich dabei eines Urteils zu enthalten
  • die Gefühle des Anderen zu erkennen
  • darüber kommunizieren zu können.

Voraussetzung für empathisches Verhalten ist, dass wir mit uns selbst in Kontakt sind. Wir können erst dann angemessen auf das Gefühl des Anderen reagieren, wenn wir es auch in uns selbst wahrnehmen.

Für den Anderen ist dann gar nicht so sehr das entscheidend, WAS wir ihm sagen. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Gefühl der Verbundenheit, das wir ihm mit unserer empathischen Reaktion vermitteln.

Hier wird deutlich, warum Achtsamkeit so gut tut und wieso ein Achtsamkeitstraining für Kinder und Jugendliche so wichtig ist: Wir trainieren dort nichts anderes als die Teilfertigkeiten der Empathie und ermöglichen ihnen damit ein sinnhaftes, erfülltes Leben.

Pindo.