Schlagwort-Archive: Lärm

Auf die Party des Nachbarn lauschen

Hier ein kleines Beispiel dafür, wie Achtsamkeit Leiden im Alltag reduzieren kann:

Vergangenen Donnerstag war ich auf dem Weg ins Bett und wurde plötzlich gewahr, dass in einer Wohnung im Nachbarhaus sehr laute Musik lief. Offensichtlich feierte jemand eine Party und brachte dabei die Holzbalkenkonstruktion in unserem Altbau zum Vibrieren. In mir begann Unruhe; ich befürchtete ein paar unproduktive Stunden, während derer ich mich, von Ärger wach gehalten, im Bett wälzen würde.

Und dann kam doch alles anders: Ich legte mich hin und begann spontan einen Fokus auf mein Gehör zu legen.

In Shinzen Youngs Meditationssystem Unified Mindfulness) heißt diese Technik „Hear out – Außen Hören“. Sie besteht darin, dass man beginnt, all seine Aufmerksamkeit aufs Hören zu legen und den Fokus immer wieder zu erneuern, wenn die Gedanken abschweifen. Gleichzeitig begegnet man dem Gehörten mit der größtmöglichen Gelassenheit.

Ich lag also da, lauschte dem Lärm und stellte plötzlich fest, wie sich meine Reaktion darauf veränderte. Mir gelang, ihn als gegeben hinzunehmen und nach und nach merkte ich, dass ich dem Lärm so lauschte, als handele es sich um Stille. Ich fühlte mich ausgesprochen angenehm unterhalten und wurde immer ruhiger.

Dann läutete plötzlich der Wecker und es war morgen. Ich hatte die Nacht traumlos durchgeschlafen.

Pindo

 

Ein Schulausflug wird zur achtsamen Herausforderung

Vor einigen Wochen erhielt ich einen Eindruck von der transformierenden Kraft der Achtsamkeitstechniken, die ich mir angeeignet habe:  Ich saß als begleitender Lehrer mit meiner Klasse in einem Berliner Theater und wartete auf den Beginn einer Autorenlesung. Der Saal war mit 350 lärmenden Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren aus verschiedenen Schulen voll besetzt. Als die Protagonisten der Veranstaltung auftraten, ein amerikanischer Jugendbuchautor, seine Übersetzerin und der Moderator der Veranstaltung, ahnte ich bereits Böses.Der Moderator war ein unerträglich selbstverliebter Ignorant, der es offensichtlich gewohnt war, in Fernsehsendungen aufzutreten, wo schon die Anforderungen an die Tonaufnahmetechnik das Publikum in Schach hielten und für absolute Ruhe sorgten. In dem Ambiente hier im wirklichen Berliner Leben war er völlig überfordert. Während die Akteure auf der Bühne in einen routinierten Gutelaune-Talkshow-Habitus verfielen, näherte sich im Saal der Tonpegel nach anfänglichem kurzen Abebben schnell wieder dem einer Bahnhofshalle. Die Minuten verstrichen und meine Kollegin und ich schauten uns sprachlos an. Für mich kam die Situation einer Folter gleich. Ich kann respektloses Verhalten jeder Art nur schwer ertragen – und hier zeigten die Schüler im Saal mit ihrem lautstark demonstrierten Desinteresse die höchste Form von Respektlosigkeit gegenüber den Akteuren oben auf der Bühne. Gleichzeitig war mir völlig klar, dass es für mich absolut ausgeschlossen war, durch eine autoritäre Handlung irgendeiner Art die Situation zu verändern. Meine eigenen Schüler saßen weit von mir entfernt und all die anderen Klassen hätten mich vermutlich ausgelacht, wenn ich versucht hätte, sie für ihr Verhalten zu kritisieren. Und so nahm das Drama zunächst seinen gewohnten Lauf. Ich begann zu schwitzen und spürte, wie in mir die Aggression hoch stieg. Auf meiner Brust lastete ein starker Druck, der mir das Atmen erschwerte. Die Veranstaltung dauerte noch über eine Stunde und ich glaubte, keine Chance zu haben, in irgendeiner Weise Einfluss nehmen zu können.

Und dann erinnerte ich mich genau in diesem Moment höchsten Stresses an meine Achtsamkeitstechniken… Versuchsweise konzentrierte ich mich auf meinen Atem, folgte den Bewegungen meines Brustkorbes und meiner Bauchdecke –  und spürte mit großer Verblüffung schon nach wenigen Sekunden, dass sich in mir etwas veränderte. Der Druck auf meiner Brust ließ nach, mein Atmen wurde ruhiger, ich hörte auf zu schwitzen und fand langsam aber sicher meine Fassung wieder. Von da an war meine Neugier geweckt und ich begann, die eben noch ausweglose Sitution als Herausforderung wahrzunehmen. Zunächst einmal konzentrierte ich mich darauf, meinen Atem weiter zu beobachten, um meine Ruhe weiter zu stabilisieren. Als ich wieder völlig im Kontakt mit mir selbst war, ging ich schließlich einen Schritt weiter: Ich entließ nun den Atem aus meinem Fokus und konzentrierte mich hundertprozentig auf meinen Hörsinn. Dies tat ich, indem ich mit meiner inneren Stimme immer wieder das Wort „Hören“ wiederholte. Zunächst verschaffte ich mir damit einen Überblick über alle Geräusche, die an mein Ohr drangen. Dann fokussierte ich die Akteure auf der Bühne und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich nun in der Lage war, jedes einzelne Wort, das dort oben gewechselt wurde, zu verstehen. Ungläubig ’switchte‘ ich zurück in den ‚Vollmodus‘ und war gleich wieder mitten drin in der Bahnhofshalle! Aber auch das zweite Umschalten in die Talkshow auf dem Szenario glückte problemlos. Von da an wurde die Veranstaltung ein Genuss für mich. Der Autor nebst Übersetzerin und der Moderator waren nur mäßig interessant. Für mich löste aber allein die Tatsache, dass ich sie nun verstehen konnte, ein Triumphgefühl sondergleichen aus. Den Rest der Veranstaltung genoss ich sehr und verließ den Saal anschließend in heiterer Gelassenheit.

Pindo