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Blick eines Schülers auf den Schweinehund

Einer meiner Schüler berichtete kürzlich in der Mind the Music – AG von  seinem achtsamen Umgang mit dem inneren Schweinehund. Ich war so beeindruckt, dass ich ihn bat, seine Gedanken zu verschriftlichen. Hier ist das Resultat:

Für mich war es früher immer sehr schwer meinen inneren „Schweinehund“ zu überwinden. Ich will damit nicht sagen, dass ich nur faul rumgelegen habe, aber ich habe z.B. meine Pflichten immer sehr unmotiviert und schlecht gelaunt erledigt. So ging mir das manchmal sogar bei Hobbies, obwohl mir die ja eigentlich Spaß machen müssten.

Als Sie uns dann Achtsamkeit gezeigt haben, war ich erstmal ganz normal interessiert und habe  geguckt, ob das wirklich was für mich ist. Anfangs ging ich noch gar nicht davon aus. Nach den ersten positiven Erfahrungen kam ich in die AG, das war dann auch für mich die schwerste Zeit, da der Kritiker in mir immer wieder aufhören wollte. Irgendwann hatte ich dann eine richtig intensive Erfahrung und da habe ich gemerkt, dass ich danach viel klarer denken konnte und viel fokussierter war. Das half mir dann auch, meinen „Schweinehund“ zu überwinden: Ich habe ihn einfach immer wieder angeguckt, so, wie Sie uns das beigebracht haben und ich habe geguckt, ob da noch andere Gefühle sind.

So ähnlich mache ich das jetzt immer, wenn ich den Fokus verliere oder wenn ich schlecht gelaunt bin. Jetzt fällt mir das auch schon viel leichter als früher, und ich kann spontan aufkommende Gefühle, wie Wut und Ärger besser unter Kontrolle bringen. Früher war mir das nie gelungen, wenn ein Wutausbruch etwas heftiger wurde. Für diese Sachen benutze ich Achtsamkeit heute eigentlich immer und ich habe dadurch eine ganz neue Lebensqualität erlangt.

M.H.

Auf dem Weg zur achtsamen Schule

Die westliche Neurowissenschaft hat in den vergangenen Jahren nachgewiesen , dass Achtsamkeit für den einzelnen Menschen wie auch für die gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung sein kann: Menschen mit einer eigenen Praxis tun etwas für ihre eigene körperliche und geistige Gesundheit und zeigen mehr Empathie für ihre Mitmenschen. In einem meiner letzten Blogeinträge habe ich mehr darüber geschrieben.

Das WARUM ist also zweifelsfrei geklärt. Achtsamkeitsarbeit in der Schule ist von höchster gesellschaftlicher Relevanz. In unserer Zeit der Wissenschaftsgläubigkeit ist diese Erkennntnis sehr bedeutsam. Sie gibt allen Menschen, die wie ich daran arbeiten, Schule mit Achtsamkeit zu transformieren, eine wichtige Argumentationsbasis und eine sichere Grundlage für unser Handeln.

Damit stellt sich die Frage des WIE? Wie kann es gelingen, eine nachhaltige Achtsamkeitskultur in einer Schule zu etablieren? Nach vier Jahren eigener Erfahrungen mit diesem Projekt stelle ich die folgenden Thesen als Zwischenfazit meiner Arbeit zur Diskussion:

  • Schule ist eine Gesellschaft, in der Menschen (Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern) miteinander leben und arbeiten. Diese Gesellschaft lebt in einer chronischen Krise, weil sie die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllt. Sie steht unter permanenter Beobachtung, wird fortlaufend kritisiert und  durch Einflussnahme von außen willkürlich verändert.
  • Beobachtung, Kritik und Einflussnahme belasten die schulische Gesellschaft sehr. Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Schülerinnen und Schüler fühlen sich überfordert und nicht wertgeschätzt . Viele reagieren auf weitere Reformvorschläge von außen zynisch oder zumindest mit einem grundsätzlichen Misstrauen.
  • Achtsamkeit kann man nicht VERSTEHEN, ich kann niemanden von Achtsamkeit ÜBERZEUGEN. Wenn ein Mensch nicht bereit ist, Achtsamkeit zu ERFFAHREN und dadurch ihre Bedeutung für sich selbst zu entdecken, dann bleibt sie für ihn banal.
  • Achtsamkeit ist eine besondere Form der Wahrnehmung von Wirklichkeit, die erlernt werden kann und regelmäßig praktiziert werden muss, wenn sie nicht wieder verloren gehen soll.
  • Eine Achtsamkeitspraxis hat notwendigerweise zwei Komponenten:
    • eine FORMELLE Praxis, in der ich die neue Form der Wahrnehmung wie in einer Art geistigem Fitness-Studio täglich trainiere,
    • eine INFORMELLE Praxis, bei der ich das Trainierte in meinen Alltag einfließen lasse und dann feststelle, wie ich mich Schritt für Schritt verändere.

Aufgrund dieser Überlegungen ergeben sich für mich die folgenden Bausteine für eine achtsame Schulkultur:

  • In einer achtsamen Schule haben Lehrer, Schüler und Eltern die Möglichkeit, Achtsamkeit regelmäßig FORMELL zu praktizieren. Die Schule organisiert regelmäßig
    • Einführungsveranstaltungen (z.B. viermal im Schuljahr), in denen die Grundlagen der formellen Praxis vermittelt werden.
    • (möglichst tägliche) kurze Zeitfenster für eine kurze formelle Praxis zwischendurch, z.B.
      • eine „achtsame Viertelstunde“ in der Mittagspause
      • Sitzmeditationen vor Konferenzen.
  • Lehrerinnen und Lehrer beeinflussen mit ihrem Handeln eine Schule nachhaltig. Insofern kommt ihnen beim Aufbau einer Achtsamkeitskultur eine besondere Bedeutung zu. Bei allen Angeboten für sie steht der Gedanke des „Sorgens für mich selbst“ im Vordergrund:
    „Mit Achtsamkeit kann ich etwas für mich tun, indem ich lerne, der Wirklichkeit, die ich nicht ändern kann, anders zu begegnen.“
  • Alle Angebote für Lehrerinnen und Lehrer sind freiwillig. Die Praktizierenden unter ihnen treten in Austausch darüber, wie sie ihre tägliche Routinearbeit mit Elementen informeller Praxis transformieren und stützen sich so gegenseitig.
  • Besonders interessierte Lehrerinnen und Lehrer werden ermuntert und finanziell dabei unterstützt, eine Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer für Jugendliche zu machen. Das bei uns eingesetzte Programm Mind the Music ist dabei eine von mehreren Möglichkeiten.
  • Zertifizierte Lehrkräfte informieren ihre Klassen über das Programm. Eltern und Schüler/innen entscheiden gemeinsam, z.B. mit Zweidrittelmehrheit, über ihre Durchführung.
  • Vereinbarte Klassenprogramme sind für alle verpflichtend, aber zeitlich begrenzt. Dadurch wird gewährleistet, dass alle Schülerinnen und Schüler die Erfahrung der Achtsamkeit zunächst einmal machen müssen. Anschließend können sie für sich entscheiden, ob das „etwas für sie ist“.
  • Die Klassenprogramme sollten die Heterogenität der Klassen berücksichtigen, z.B. durch Übungsangebote für verschiedene Typen, etwa in Form von Achtsamkeit in Stille und in Bewegung
  • Ein Ziel der Programme besteht darin, kurze Achtsamkeitsrituale für den Unterricht einzuüben (5 Minuten zu Stundenbeginn, 3 Minuten vor einem Phasenwechsel, …)
  • Besonders interessierte Schülerinnen und Schüler erhalten das Angebot, an einer wöchentlich stattfindenden Achtsamkeits-AG teilzunehmen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich:

Menschen, die Achtsamkeit in Schule bringen möchten, müssen auf sich aufpassen. Gerade weil wir wissen, wie wichtig unsere Arbeit gesamtgesellschaftlich ist, laufen wir Gefahr, frustriert zu reagieren, wenn andere das nicht verstehen wollen, und so kann es passieren, dass die Aufgabe, die wir uns selbst stellen, uns niederdrückt.

Soryu Forall, der Begründer von Mind the Music, sagte mir vor einigen Monaten einmal:

„Gehe Schritt für Schritt und achte darauf, dass jeder Schritt, den du gehst, in sich stimmig ist und seine Daseinsberechtigung nicht erst durch den nächstfolgenden erhält.“

Jeder Schritt, und sei er noch so klein, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der erste Schritt ist der der eigenen Praxis. Wer Achtsamkeit praktiziert und die Schule zu seinem Ort der informellen Praxis macht, der verändert sich, und damit verändert er letztlich  auch die Schule.

Pindo

Fokus Achtsamkeit

fokus achtsamkeit logo

Seit 2012 beschäftige ich mich mit der Vermittlung von Achtsamkeit an Jugendliche in weiterführenden Schulen. Viel Inspiration fand ich von Anfang an in der Arbeit von Sabine Heggemann, die schon seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeitet. Grundlage ihrer Arbeit sind zwei Achtsamkeitssysteme:

In diesem Blog habe ich bereits in verschiedenen Beiträgen über meine Erfahrungen mit Mind the Music berichtet.

Nun hat die Zusammenarbeit mit Sabine eine neue Ebene erreicht. Gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten haben wir einen Traum verwirklicht und die gemeinnützige Organisation FOKUS ACHTSAMKEIT gegründet. In ihr bündeln wir seit Anfang des Jahres all unsere Aktivitäten rund um unser Herzensanliegen.

Die erste große Herausforderung unter dem Dach von FOKUS ACHTSAMKEIT ist eine Mind the Music-Lehrerfortbildung, die wir seit Januar anbieten. Diese Veranstaltung ist als Mix aus Präsenzveranstaltungen, Email-Feedbacks zur täglichen Praxis zuhause sowie wöchentlicher telefonischer Supervision konzipiert. In ihr haben Lehrkräfte die Möglichkeit, sich eine eigene Achtsamkeitspraxis auf der Grundlage von Basic Mindfulness aufzubauen und im Anschluss das Handwerkszeug zur Vermittlung von Achtsamkeit an Kinder und Jugendliche zu erwerben.

Vergangenes Wochenende lief die zweite Präsenzveranstaltung in Berlin, zu der 15 Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Deutschland angereist waren, darunter auch vier Kolleginnen und Kollegen aus meiner eigenen Schule.

Wie wunderbar.

Pindo

 

 

Ein achtsamer Blick auf den Schulhof

Vor einigen Wochen habe ich die Schülerinnen und Schüler in meiner Achtsamkeits-AG in eine Technik der Sehmeditation eingeführt. Das Vorgehen ist einfach: Wir nehmen uns vor, „ganz Auge zu sein“, das heißt, den Fokus für mehrere Minuten exklusiv aufs Sehen zu richten. Immer, wenn wir uns bewusst werden, dass unsere Gedanken abschweifen, reagieren wir darauf mit wohlwollender Aufmerksamkeit und erneuern dann unseren Fokus des Sehens. Einigen hilft es, den Fokus zu intensivieren, indem sie sich mit ihrer mentalen Stimme in einem Rhythmus von mehreren Sekunden immer wieder aufs Neue sagen: „Sehen! … Sehen!…“.

Ausgangspunkt für diese spontane Übung war die Frage eines Teilnehmers, ob ich einen Tipp habe, wie er seinen „inneren Schweinehund“ überwinden könne, wenn er – wie so oft – keine Lust habe, mit den Hausaufgaben zu beginnen.

Ich schlug darauf hin diese Sehmeditation vor. Wir begannen, indem wir für 3 Minuten den Tischen, an denen wir saßen, unsere volle Aufmerksamkeit widmeten. Anschließend berichteten alle Schüler, dass sie nach kurzer Zeit begannen, Dinge zu entdecken, die sie vorher nicht gesehen hatten. Die Folge war, dass sie dann anschließend mit gesteigertem Interesse auf die Suche nach weiteren Details gingen, die ihnen vorher entgangen waren.

Ich half ihnen, zu verstehen, dass sie da eine eigentlih sehr bedeutsame Erfahrung gemacht hatten. Es war ihnen nämlich gelungen, aus dem Nichts heraus Interesse an einem zunächst völlig banalen  Gegenstand zu entwickeln. Dieses faszinierende Phänomen habe ich erstmals durch die Unterweisungen von Soryu Forall, dem „Erfinder“ der Achtsamkeitsprogramme MIND THE MUSIC und MODERN MINDFULNESS kennen gelernt. Er zeigt Jugendlichen, dass sie sich so ganz einfach selbst motivieren können. Für die meisten Jugendlichen, die in der Schule selten wissen, warum sie das alles tun sollen, kann die Entwicklung dieser Fähigkeit einen entscheidenden Impuls für mehr Erfolg und Zufriedenheit in ihrem Leben geben.

Dann bat ich die Teilnehmer/innen, aus dem Fenster zu sehen und für ein paar Minuten nichts anderes zu tun, als den Blick auf den Schulhof (vgl. Foto) zu richten und den Fokus immer wieder zu erneuern. Wir sahen:

Bäume über Bäume,
die aus der Erde empor wachsen,
hunderte verschiedener Töne von
Grün, Gelb und Braun,
tausende herumschwirrender Marienkäfer,
schemenhafte Schornsteine im Dunst am Horizont,
die Mäander einer Weinranke auf einer Hauswand,
Saugnnäpfe einer Pflanze
direkt vor uns im Fensterrahmen

Anschließend ergab der Austausch, dass alle Meditierenden das fokussierte Sehen als extrem angenehm empfunden hatten. Es führte zu regelrecht wohligen Körpergefühlen. Ein Schüler berichtete außerdem, wie ihn die Saugnäpfe der Pflanze vor ihm (vgl. Foto) faszinierten und dass er zunächst den Impuls hatte, sie abzureißen, dann aber zu dem Schluss kam, das man so etwas Schönes nicht einfach zerstören dürfe.

Solche Erfahrungen zeigen mir immer wieder aufs Neue wie wichtig es ist, Jugendliche an die Achtsamkeit heranzuführen. Sie kommen durch diese Übungen mit sich selbst in Kontakt. Sie lernen, ihr eigenes Wohlempfinden zu steigern, indem sie in sich hinein fühlen oder die Umgebung, in der sie sich befinden, achtsam wahrnehmen. Und sie lernen Empathie – und sei es mit den Saugnäpfen einer Pflanze, die zu einem Wundwerk der Schöpfung wird.

Solche Jugendliche brauchen wir, heute mehr denn je.

Pindo

PS: Diese Sehmeditation habe ich bei meiner Beschäftigung mit Shinzen Youngs inspirierendem Meditationssystem Basic Mindfulness kennen gelernt. Interessierte finden hier weitere Hinweise und sehr wertvolle Übungsanleitungen.

Die neuen Leiden der Generation W.

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Vergangene Woche gab ich während der Projekttage an unserer Schule eine Einführung in die Achtsamkeit für Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen, unsere „Kleinen“ also.

Wir experimentierten damit, wie die Beobachtung des eigenen Atems oder eine Reise mit der Wahrnehmung durch den Körper uns helfen kann, im aktuellen Moment zu bleiben. Die Schüler erkannten schnell, dass dadurch die Gedanken und Gefühle, die an andere, nicht aktuelle Momente geknüpft sind, in den Hintergrund treten – und dass dies eine Erleichterung sein kann.

In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf unsere Handys zu sprechen. Ich fragte, wie sie die Geräte einschätzten, ob sie uns eher helfen könnten, im Moment zu sein oder ob sie das Gegenteil bewirkten. In der Folge ergab sich eine sehr reghafte Diskussion zwischen den 15 Experten in meiner Runde, die, im Alter von 12-13 Jahren, alle ein Smartphone haben und die es gewohnt sind, über diese permanent in einem Klassen-Chat miteinander in Verbindung zu stehen.

Natürlich haben die Kids kein Bewusstsein davon, dass sie die erste Generation sind, die mit einer solchen digitalen Dauerverbindung zuteinander aufwachsen. Die meisten fanden diese Art der Kommunikation cool oder einfach normal. Einige erzählten aber auch nachdenklich, dass sie es schon anstrengend fänden, dem Dauergeschnatter folgen zu müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Und sie berichteten von einem Stressfaktor, den ich so als Jugendlicher definitiv nicht hatte: Alle finden es sehr belastend, dass das Chat-Programm ihnen sofort zeigt, ob ihre Nachricht an einen Freund angekommen ist und ob er diese gelesen hat. Sobald dieses Signal erscheint, beginnt bei ihnen das Warten auf die Antwort. Bleibt sie aus, fühlen sie innere Ungeduld und auch Ärger, der sich dann beim nächsten persönlichen Treffen in einem regelrechten Streit entladen kann: „Warum hast du denn nicht geantwortet? Das fand ich total doof!“ Andererseits fühlen sie sich selbst unter enormem Druck, wenn sie selbst eine Nachricht erhalten, keine Lust haben zu antworten und genau wissen, dass bei ihrem Freund genau die oben beschriebene Reaktionskette abläuft.

Ich war sehr beeindruckt. In meiner Schulzeit war ich mittags immer heilfroh, wenn ich bis zum nächsten Tag aus dem sozialen Gefüge meiner Klasse aussteigen konnte und wieder Privatmensch wurde. Dann konnte ich mich mit meinem Freund verabreden und mich mit ihm ganz darauf konzentrieren, unseren Nachmittag zu genießen. Wir spielten miteinander Fußball, redeten über den Morgen, lästerten auch über andere, waren aber immer bei uns und mit uns allein. Heute haben die Jugendlichen ihr Handy immer dabei und sind darüber fortlaufend im digitalen Netzwerk ihrer Freunde und Feinde mit all ihren Ansprüchen und Gehässigkeiten gefangen.

Wir Erwachsene klagen oft über die permanente Verfügbarkeit, die wir als belastend empfinden, wenn wir über E-mail und andere Kommunikationskanäle auch abends und am Wochenende erreichbar sind. Nun habe ich verstanden, dass unsere Kinder noch einen Schritt weiter gehen, indem sie sich dieser Verfügbarkeit ganz freiwillig und unter dem Druck, cool sein zu müssen, auch in ihrem Privatleben aussetzen.

Dieses neue Leiden der Generation Whatsapp weckt mein tiefstes Mitgefühl.

Pindo

Achtsames Zuhören im Englischunterricht

Ein Achtsamkeitstraining wie Mind the Music schult drei Dinge zugleich:

  • Konzentrationsfähigkeit, als Fähigkeit, in einem bestimmten Moment ein Handeln bzw. einen Gegenstand zu fokussieren, alles andere in den Hintergrund zu rücken und den Geist immer wieder aufs Neue auf den gewählten Gegenstand zurück zu lenken;
  • Klarheit der Wahrnehmung dessen, was gerade im Fokus steht und
  • Gelassenheit als geistige Grundhaltung sowie Entspannung als ihre körperlich wahrnehmbare Entsprechung.

(Mehr hierzu in Shinzen Youngs Grundlagenwerk Five Ways to Know Yourself, S. 9ff. Der folgende Link führt zur deutschen Übersetzung.)

Kürzlich konnte ich im Englischunterricht wieder einmal feststellen, wie kraftvoll sich ein solches Training auf das Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern auswirkt:

Wir sprachen im Leistungskurs Englisch über die Folgen der digitalen Revolution für die Massenmedien und hörten in diesem Zusammenhang ein Radiointerview mit einem Experten für neue Medien. Die Tonqualität war schlecht und der Gesprächsinhalt anspruchsvoll. Nach kurzer Zeit gab ein Teil des Kurses auf und fing an, sich untereinander leise zu unterhalten. Die Folge war, dass nun auch die übrigen Kursteilnehmer/innen wenig Chancen hatten, etwas zu verstehen. Ich ärgerte mich zwar zunächst, reagierte dann aber verständnisvoll, da es angesichts der Tonqualität selbst für mich eine Herausforderung war, den Text zu verstehen.

In der nächsten Stunde bat mich ein Schüler des Kurses, der auch an meiner Mind the Music-AG teilnimmt, um eine Entspannungsübung. Er war müde und hatte Bedürfnis nach einem Moment des Durchatmens. Ich stimmte zu und leitete eine Übung zur Atembeobachtung ein. Nachdem ich feststellte, dass die Schüler alle bei der Sache waren, bekam ich spontan Lust auf ein Experiment:

Ich schlug den Kursteilnehmern, die alle mit geschlossenen Augen ruhig vor sich hin atmeten, nun vor, den Fokus nun von der Atmung auf ihr Gehör zu verlagern. Nach einiger Zeit kündigte ich an, dass ich ihnen direkt im Anschluss an die Übung nochmals das Radiointerview vorspielen würde. Ich bat sie, die Augen geschlossen zu halten und in ihrer Haltung der entspannten Konzentration zu verweilen. Für den Fall, dass die schlechte Tonqualität oder der schwierige Inhalt sie stressen sollte, schlug ich ihnen vor, für einen Moment wieder ihren Atem zu fokussieren und sich über das Ausatmen zu entspannen. Alle Schüler verharrten in ihrer Haltung, ich schritt zur Tafel, startete die Aufnahme und blieb dabei selbst im „Achtsamkeitsmodus“.

Die folgende Erfahrung war spektakulär: Ich stand entspannt im Raum, blickte mit einem Glücksgefühl auf 20 achtsam zuhörende Schülerinnen und Schüler, ließ gleichzeitig die Sprache über das Gehör in meinen Geist einfließen  – und verstand nun jedes einzelne Wort! Nach der Übung stellte ich dann in einem kurzen Gespräch fest, dass es nun auch für den Kurs viel leichter gewesen war, dem Interview zu folgen.

Pindo

„Es funktioniert!“ – über das achtsame Erledigen von Hausaufgaben

Vor einigen Tagen musste ich einen kranken Kollegen in einer mir fremden 10. Klasse vertreten. Eigentlich ist das eine unangenehme Aufgabe, da die Schüler meist nicht die Lust haben, sich auf eine inhaltliche Arbeit einzulassen und ich als unbekannter Lehrer nicht in der Position bin, eine solche einzufordern, ohne dabei selbst Stress zu erleben.

Diesmal war alles anders. Ich habe den Schülern von meiner Achtsamkeits-AG erzählt und sie eingeladen, eine der Techniken auszuprobieren. Die Aussicht, im Unterricht eigene Musik hören zu können, machte sie neugierig und brach – wieder einmal – das Eis. Ich erzählte kurz in drei Minuten etwas über den Sinn der Übung: über Präsenz, über Gedanken, die wir aus Vergangenheit oder Zukunft zurück in den Moment holen können und über die Folgen davon, das intensivere Erleben dessen, was wir gerade tun und das damit verbundene, nicht zu beschreibende Wohlgefühl. Wir absolvierten zwei Übungen. Nach der zweiten ließ ich die Klasse für einen Moment die Augen geschlossen zu halten und wies sie auf die friedvolle Stille hin, die uns –  31 Jugendliche und einen Lehrer – umhüllte. In diese Stille drang nach einer Minute die Pausenglocke vor, was mehrere Schüler zu einem spontanen, enttäuschten „Ooooooooh“ veranlasste…

Nachmittags war Mind the Music-AG und prompt tauchte Johanna, eine der Schülerinnen vom Morgen neu in der Gruppe auf. Sie machte die Übungen mit großer Teilnahme mit und hörte sich meine Erläuterungen sehr aufmerksam an. Ich schlug vor, wie sie die Technik des Gedankenzurückholens ganz einfach auf den Nachmittag, etwa auf den Moment des Erledigens von Hausaufgaben übertragen könnten:

„Ihr achtet auf euren Atem und verfolgt, wie er sich an der Bauchdecke bemerkbar macht. Beim Ausatmen entspannt ihr, beim Einatmen achtet ihr auf eure Körperhaltung. Dabei sendet ihr mit eurer inneren Stimme immer wieder das Signal ‚Ich sehe / ich lese‘ an euren Geist.  Sobald ihr bemerkt, dass eure Gedanken abgeschweift sind, was völlig normal ist, benennt ihr kurz, wo ihr seid („Facebook … meine Freundin X“) und kehrt mit einem neuerlichen ‚Ich sehe / ich lese‘ zurück zu dem, was ihr gemacht habt.“

Am nächsten Morgen in der Pause passte Johanna mich vor dem Lehrerzimmer ab. Ihre Augen leuchteten, sie lächelte und sagte: „Ich habe das gestern bei den Englischhausaufgaben ausprobiert. Es funktioniert!!! Darf ich nächste Woche wieder kommen?“

Pindo