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Mind the Music – worum geht es?

Mind the Music bietet einen  Weg zur Achtsamkeit, der vier Aspekte schult, die im Leben der Jugendlichen eine zentrale Rolle spielen (sollten):

  • das Vermögen, sich zu entspannen,
  • die Fähigkeit zu fokussieren, festgemacht am achtsamen Zuhören
  • die Bereitschaft, eigene Gefühle kennen zu lernen und anzunehmen,
  • die Möglichkeit, sich echte Ziele zu setzen und sich auf den Weg zu machen, sie zu erreichen.

Musik hat in der Methode eine zentrale Bedeutung inne. Sie schlägt die Brücke zu den Jugendlichen, die schon viele Erfahrungen im Umgang mit Musik als Entspannungsinstrument mitbringen und so Vertrauen schöpfen. Und sie bietet in einer Gruppe von 35 DreizehnJährigen die notwendige Sicherheit, sich auf Achtsamkeit einzulassen. Denn: in Stille mit geschlossenen Augen beieinander zu sitzen und zu meditieren, ist kein besonders cooler Gedanke. Wenn die Schüler aber dasselbe machen sollen und dabei ein Lied ihrer Wahl hören dürfen, dann sind sie mit Begeisterung bei der Sache und zeigen große Offenheit, neue Erfahrungen zu machen und auch über diese zu sprechen.

Soryu Forall und Jugendliche aus seinen Kursen in Burlington / Vermont stellen die Grundelemente von Mind the Music in vier Videos eindrucksvoll dar. Das erste gebe ich unten wieder.

Soryu Forall und Mind the Music – Wege zur Achtsamkeit in meiner Schule

Vor Monaten hatte ich über meinen Wunsch geschrieben, Achtsamkeit auch Jugendlichen nahe bringen zu können. Damals war ich auf die Arbeit von Soryu Forall und Shinzen Young gestoßen. (Siehe hierzu diesen Beitrag.) Im Juni 2012 hatte ich die Möglichkeit, Soryu Forall an vier intensiven Tagen des Zusammenseins in Lüneburg kennen zu lernen. Er war für längere Zeit in Asien gewesen und kehrte nun über Deutschland nach Vermont zurück. In Lüneburg besuchte Soryu das von Sabine Heggemann geleitete Achtsamkeitsprojekt an der örtlichen Sekundarschule und hielt einen Vortrag an der Universität Leuphana.

Soryu Forall, heute Mitte 30, geboren als Teal Scott in Vermont / USA. verließ mit 19 Jahren seine Heimat, um, wie er selbst schreibt, seinen persönlichen Beitrag zur Beendigung des Leidens in der Welt zu leisten. Er ging nach Japan in ein Zen-Kloster und wurde dort zum buddhistischen Mönch geweiht. Später lebte und arbeitete er zunächst in Südindien, wo er mit Kindern aus Familien der untersten Kasten arbeitete und sich für deren Rechte einsetzte. Anschließend praktizierte er an einem tibetischen Kloster in Nordindien und schließlich in Ostchina. Zurück in den Vereinigten Staaten konzentrierte er sich auf die achtsame Arbeit mit Jugendlichen und entwickelte schließlich das Programm Mind the Music.

Der Titel Mind the Music beschreibt die Essenz des Ansatzes: Soryu überwindet die Hemmungen junger Menschen, sich einem Beieinandersitzen in Stille zu öffnen, indem er sie dazu einlädt, gemeinsam mit ihm ihre Musik zu hören, die Musik, die ihnen immer schon hilft, ihren persönlichen Alltag zu genießen und zu verkraften. Sie gewinnen so Vertrauen und lassen sich auf neue Erfahrungen ein, Erfahrungen der Entspannung, Erfahrungen der Konzentration, Erfahrungen des Lauschens auf die eigenen Gefühle, Erfahrungen, wie ich das eigene Leben in Angriff nehmen kann.

Die Begegnung mit Soryu hat mein Leben verändert, wie die Achtsamkeit insgesamt, ganz sanft, unspektakulär, nachhaltig. Seit August 2012 vermittle ich Jugendlichen an meiner Schule Achtsamkeit mit der Hilfe von Mind the Music. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Am Anfang stand ein Intensivtraining, das ich mit Erlaubnis der Schulleitung und der Eltern in meiner eigenen Klasse, einer Gruppe von 35 wirbeligen Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren, absolvierte. Es stieß bei praktisch allen Teilnehmern auf großes Interesse und brachte eine ganz neue Qualität in unsere Beziehung zueinander. Problematisch war nur, dass die Einheiten in meinem eigenen Fachunterricht stattfanden und ich die Intensität der Übungen nicht über das ganze Schuljahr aufrecht erhalten konnte. Daher wechselte ich meine Strategie und machte im Rahmen unserer Projekttage zum Schuljahresende ein neues, freiwilliges Angebot für Schüler aller Klassenstufen, Mind the Music an drei Tagen kennen zu lernen. Rund 20 Schüler ließen sich darauf ein und reagierten ausgesprochen positiv.  Seit Beginn des neuen Schuljahres im August 2013 leite ich nun eine eigene Mind the Music-AG. Nach drei Sitzungen hat sich ein fester Teilnehmerkreis von 8 Schülern etabliert. Bisher sind jedesmal auch mehr, neugierige Freundinnen und Freunde dazu gekommen.

Jedoch ist dies noch nicht alles. Ich koordiniere die Steuergruppe an unserer Schule, in der sich Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam mit der pädagogischen Fortentwicklung der Schule beschäftigen. Als das Thema der Entwicklung eines neuen Leitbildes aufkam, schlugen die Eltern vor, den Begriff der Achtsamkeit künftig zu einer der Leitideen unseres Zusammenlebens zu erheben. Der Vorsitzende der Gesamtelternvertretung, Chefarzt an einer psychiatrischen Klinik und Vater einer Tochter in meiner Pilotklasse aus dem vergangenen Schuljahr, berichtete von ausgesprochen positiven Erfahrungen mit Achtsamkeit in seinem eigenen Krankenhaus und regte an, die Schulgemeinschaft für dieses Thema zu sensibilisieren.  Ermutigt hatten ihn dazu offensichtlich die positiven Schilderungen seiner Tochter, die im vorherigen Schuljahr in meiner Pilotklasse war und sehr positiv von Mind the Music erzählt hatte.

Ich war sprachlos, gerührt, begeistert zugleich. Allerdings erfüllte mich auch großer Respekt davor, diese Idee in die Mitte unserer großen, sehr heterogenen Schulgemeinschaft zu tragen. Vergangenen Donnerstag habe ich dazu nun den ersten Schritt unternommen. Während eines Studientages, auf dem sich das Lehrerkollegium mit der Weiterentwicklung unserer Schule beschäftigte, leitete ich die AG zur Leitbild-Entwicklung. In drei Stunden gelang es unserer Gruppe einen Konsens über ein künftiges Leitbild zu entwickeln, das aus dem Dreiklang GEMEINSAM – TRANSPARENT – ACHTSAM besteht. Nur wenigen war der Begriff der Achtsamkeit im engeren Sinne schon geläufig. Es herrschten auch einige Zweifel, ob eine Schule es sich leisten könne, sich mit einem solch ungewöhnlichen Begriff nach außen hin zu positionieren. Schließlich siegte bei allen jedoch die Hoffnung auf Entschleunigung im Alltag, die sie sich nach meinen einführenden Schilderungen von Achtsamkeit offensichtlich versprachen.

Wir sind also auf dem Weg. Unglaublich.

Vermont – Lüneburg – Berlin – Der Weg entsteht beim Gehen…

Bei der Suche nach einem geeigneten Weg zur Achtsamkeit für meine Schüler stieß ich im Netz schnell auf die faszinierende Arbeit von Shinzen Young, Soryu Forall sowie auf das von ihnen begründete Center for Mindful Learning in Vermont / USA. In einer kurzen Email nach Vermont schilderte ich mein Anliegen, ein geeignetes Achtsamkeitstraining für Jugendliche an einer deutschen Schule etablieren zu wollen und schon wenige Tage später wies mir die Antwort den Weg, den ich nur noch zu beschreiten brauchte:

Ich erfuhr, dass Soryu Forall, der Initiator des Mind The Music-Programmes, im Sommer 2012 in Lüneburg zu Besuch sei, um sein Programm vorzustellen und mit deutschen Schülern zu arbeiten. Für alles Weitere sollte ich mich mit Sabine Heggemann, der Repräsentantin des CML in Deutschland in Kontakt setzen. Schon im ersten Telefonat reagierte Sabine Heggemann mit Begeisterung auf mein Interesse. Ich spürte sofort, dass ich eine Verbündete im Geiste getroffen hatte. Offensichtlich gab es also bereits eine Gruppe von Menschen, die ähnliche Ideen wie ich hatte, und nun erhielt ich die Möglichkeit, sie kennen zu lernen. Wie wunderbar!

Sabine erläuterte mir die Grundzüge von Mind the Music sowie den Ansatz der Basic Mindfulness von Shinzen Young, auf dem das Konzept aufbaute. Sie lud mich ein, Shinzens Ideen in einem Telefon-Konferenz-Kurs kennen zu lernen, den sie ab der kommenden Woche erstmals abhalten wollte. (Eine faszinierende Erfahrung, über die ich in einem späteren Beitrag schreiben werde.) Außerdem lud sie mich herzlich ein, im Juni nach Lüneburg zu kommen und Soryu bei der Arbeit mit Schülern zu begleiten. Sabine hatte Anfang des Schuljahres ein Pilotprojekt zur Einführung von Achtsamkeitselementen an der Integrierten Gesamtschule Lüneburg gestartet und Soryu wollte nun für drei Tage mit ihren Gruppen arbeiten. Die Aussicht begeisterte mich, ich hatte nur das Problem, das Soryus Anwesenheit in Lüneburg in den Zeitraum der letzten beiden Schultage vor den Sommerferien in Berlin fiel. Ich war Klassenlehrer und konnte mir kaum vorstellen, dass meine Schulleitung mit Begeisterung auf mein Ansinnen reagieren würde, während der letzten beiden Unterrichtstage auf Dienstreise gehen zu wollen. Dennoch rief ich bald darauf meinen Schulleiter an, erzählte ihm von meinem Vorhaben und der unglücklichen Terminkonstellation – und … stieß auf großes Interesse, Wohlwollen und eine Dienstbefreiung.

Se hace camino al andar.     Der Weg entsteht beim Gehen.

Pindo