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Schönheit des Verfalls

Beim Blick aus dem Fenster ins schneebedeckte, winterruhende Berlin wirkt dieses Herbstfoto anachronistisch.

Blätter im Herbst sind Symbole für die Ästhetik des Augenblicks. Vom Verfall gezeichnet leuchten sie dennoch in der durchscheinenden Morgensonne zu wahren Lichtkunstwerken auf. Und auch wenn das Blatt anscheinend stirbt, so ist es doch nur Teil des großen Ganzen, in diesem Fall des Baumes, der zur Ruhe kommt, um im kommenden Jahr mit frischer Kraft weiterleben zu können.

Pindo

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Ein achtsamer Blick auf den Schulhof

Vor einigen Wochen habe ich die Schülerinnen und Schüler in meiner Achtsamkeits-AG in eine Technik der Sehmeditation eingeführt. Das Vorgehen ist einfach: Wir nehmen uns vor, „ganz Auge zu sein“, das heißt, den Fokus für mehrere Minuten exklusiv aufs Sehen zu richten. Immer, wenn wir uns bewusst werden, dass unsere Gedanken abschweifen, reagieren wir darauf mit wohlwollender Aufmerksamkeit und erneuern dann unseren Fokus des Sehens. Einigen hilft es, den Fokus zu intensivieren, indem sie sich mit ihrer mentalen Stimme in einem Rhythmus von mehreren Sekunden immer wieder aufs Neue sagen: „Sehen! … Sehen!…“.

Ausgangspunkt für diese spontane Übung war die Frage eines Teilnehmers, ob ich einen Tipp habe, wie er seinen „inneren Schweinehund“ überwinden könne, wenn er – wie so oft – keine Lust habe, mit den Hausaufgaben zu beginnen.

Ich schlug darauf hin diese Sehmeditation vor. Wir begannen, indem wir für 3 Minuten den Tischen, an denen wir saßen, unsere volle Aufmerksamkeit widmeten. Anschließend berichteten alle Schüler, dass sie nach kurzer Zeit begannen, Dinge zu entdecken, die sie vorher nicht gesehen hatten. Die Folge war, dass sie dann anschließend mit gesteigertem Interesse auf die Suche nach weiteren Details gingen, die ihnen vorher entgangen waren.

Ich half ihnen, zu verstehen, dass sie da eine eigentlih sehr bedeutsame Erfahrung gemacht hatten. Es war ihnen nämlich gelungen, aus dem Nichts heraus Interesse an einem zunächst völlig banalen  Gegenstand zu entwickeln. Dieses faszinierende Phänomen habe ich erstmals durch die Unterweisungen von Soryu Forall, dem „Erfinder“ der Achtsamkeitsprogramme MIND THE MUSIC und MODERN MINDFULNESS kennen gelernt. Er zeigt Jugendlichen, dass sie sich so ganz einfach selbst motivieren können. Für die meisten Jugendlichen, die in der Schule selten wissen, warum sie das alles tun sollen, kann die Entwicklung dieser Fähigkeit einen entscheidenden Impuls für mehr Erfolg und Zufriedenheit in ihrem Leben geben.

Dann bat ich die Teilnehmer/innen, aus dem Fenster zu sehen und für ein paar Minuten nichts anderes zu tun, als den Blick auf den Schulhof (vgl. Foto) zu richten und den Fokus immer wieder zu erneuern. Wir sahen:

Bäume über Bäume,
die aus der Erde empor wachsen,
hunderte verschiedener Töne von
Grün, Gelb und Braun,
tausende herumschwirrender Marienkäfer,
schemenhafte Schornsteine im Dunst am Horizont,
die Mäander einer Weinranke auf einer Hauswand,
Saugnnäpfe einer Pflanze
direkt vor uns im Fensterrahmen

Anschließend ergab der Austausch, dass alle Meditierenden das fokussierte Sehen als extrem angenehm empfunden hatten. Es führte zu regelrecht wohligen Körpergefühlen. Ein Schüler berichtete außerdem, wie ihn die Saugnäpfe der Pflanze vor ihm (vgl. Foto) faszinierten und dass er zunächst den Impuls hatte, sie abzureißen, dann aber zu dem Schluss kam, das man so etwas Schönes nicht einfach zerstören dürfe.

Solche Erfahrungen zeigen mir immer wieder aufs Neue wie wichtig es ist, Jugendliche an die Achtsamkeit heranzuführen. Sie kommen durch diese Übungen mit sich selbst in Kontakt. Sie lernen, ihr eigenes Wohlempfinden zu steigern, indem sie in sich hinein fühlen oder die Umgebung, in der sie sich befinden, achtsam wahrnehmen. Und sie lernen Empathie – und sei es mit den Saugnäpfen einer Pflanze, die zu einem Wundwerk der Schöpfung wird.

Solche Jugendliche brauchen wir, heute mehr denn je.

Pindo

PS: Diese Sehmeditation habe ich bei meiner Beschäftigung mit Shinzen Youngs inspirierendem Meditationssystem Basic Mindfulness kennen gelernt. Interessierte finden hier weitere Hinweise und sehr wertvolle Übungsanleitungen.

Begegnung mit mir – eine Sehmeditation

Eine weitere Begegnung mit mir in der Rinde eines Baumes. Sie bietet den Anlass für eine kurze Sehmeditation, wie ich sie in der letzten Zeit häufiger mache. Der Ablauf ist einfach:

„Blicke auf das Bild, konzentriere dich ganz auf deinen Sehsinn …
Sobald du merkst, dass deine Gedanken fortfliegen, nimm dies gelassen zur Kenntnis und richte den Fokus wieder auf das, was du siehst … immer wieder, so lange du magst.
Öffne dich für die Emotionen, die dabei in dir aufsteigen und nehme sie wohlwollend zur Kenntnis.
Benenne jede Emotion kurz mit deiner inneren Stimme, achte darauf, wie lange sie anhält, wann sie abebbt, welche Emotion nachfolgt…“

In dieser Meditation kombiniere ich die Techniken des „Feel In“ und „See Out“ aus Shinzen Youngs umfassenden Achtsamkeitsmodell Basic Mindfulness.

Beispiele von Emotionen und Konzepten, die in mir aufstiegen, stehen unter dem Bild. Ich freue mich über Ihre Beiträge als Kommentar.

Häuptling

 

Frieden … Dankbarkeit … Ruhe … Liebe …Traurigkeit … Weisheit …

Pindo

Ein kleiner Junge am Strand von Kühlungsborn

Beim Spaziergang am wundervollen Strand von Kühlungsborn experimentierte ich vergangene Woche mal wieder mit meditativem Sehen. Ich lief parallel zum Wasser, genau an der Stelle, wo die Wellen aufs Land trafen und fokussierte, entsprechend Shinzen Youngs Terminologie aus Basic Mindfulness „Sehen Außen“, das heißt, meine visuelle Wahrnehmung der Außenwelt.

Noch Minuten zuvor war ich  in enttäuscht wertenden Gedanken darüber gefangen, wie wenige Muscheln man hier an der Ostsee doch fand.  Meine Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments wurde dadurch deutlich gedämpft.  Doch nun traten die Farben und Formen der Steine unter meinen Füßen immer stärker in mein Gewahrsein. Mein urteilender Geist kam zur Ruhe und ich begann, Stein um Stein in die Hand zu nehmen und jeden einzelnen in seiner individuellen Form, Farbe und Textur zu würdigen. Mit jedem neuen Exemplar intensivierte sich meine Wahrnehmung weiter. Ich tauchte ein in ein Universum aus Rot- Braun-, Gelb- und Grautönen, Kanten und Rundungen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Nach einer Stunde wogen meine Jackentaschen schwer unter den vielen Steinen, die ich mit nach Hause nehmen wollte, Steine, denen ich sonst vermutlich keine größere Beachtung geschenkt hätte.  Doch nun war ich erfüllt von der inneren Haltung des Anfängergeistes, ein kleine Junge, der zum ersten Mal am Meer  – und vollkommen überwältigt ist.

Pindo

Am Strand von Kühlungsborn

Meditatives Sehen: Eine Formel für Schönheit

Ein Ausflug nach Beelitz – Entdeckung auf dem Friedhof des Dorfes Schönefeld: Schönheit = (Eisen + Holz+ Wasser) *Zeit

Pindo

Yin und Yang tief im galicischen Westen

Noia ist ein kleines, verschlafenes Hafenstädtchen mit großer Vergangenheit an der galicischen Westküste. Im Mittelalter kamen viele Jakobspilger dort mit dem Schiff an, um ins nahe gelegene Santiago de Compostela weiter zu ziehen.

An der Westtür von San Martiño, der gotischen Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert, findet sich diese bemerkenswerte Holzarbeit.

Pindo

Kirchentür in Noia - Galicien